Von Burkhard Müller

Vampire stehen der Menschheit näher als andere Ungeheuer. Blutdurstig feiern sie Bestseller und Kinoerfolge. Wo kommen nur all die lieben Vampire her?

Der Vampir ist der älteste, der archetypische unter den bösen Geistern. Er muss so alt sein wie die menschliche Untröstlichkeit, dass die Toten tot bleiben müssen: Denn die Güter des Lebens langen immer so gerade eben für die Lebenden.

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Der Vampir steht der Menschheit näher als andere Ungeheuer. (© Foto: Reuters)

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Doch die Toten, die ja nicht als gänzlich vernichtet gedacht werden, sind immer noch da, an den Rändern, in der Nacht, unter der Erde, sie führen eine depotenzierte Existenz, in der ihnen alles fehlt, was den lebendigen Körpern zukam, die Freude an Essen und Trinken, an Liebe, Gemeinschaft und Sonnenschein; und sie fühlen darüber einen Groll gegen diejenigen, die alle diese Dinge haben - noch haben.

Wenn die Lebenden klug sind, gönnen sie den Toten wenigstens ihren symbolischen Anteil daran, durch das Schälchen Milch, das sie ihnen vor die Tür stellen: Mehr können sie nicht abzweigen, ohne dass ihr eigenes Leben, stets unter dem Zeichen der Knappheit stehend, seinerseits Mangel litte.

Aber es steht mitnichten fest, dass sich die Toten so versöhnen lassen. Sie wollen nach wie vor das Beste am Leben, von dem sie ausgeschlossen sind und das sich in eine allgemeine, abstrakte, flüssige Währung umrechnen lässt: das Blut. Vampire ließen sich als die Kommunisten des Blutes bezeichnen, eine wahrhaftige rote Gefahr für alle Besitzenden. Dieses Blut gehen sie sich holen. Und wen sie beißen, der wird zu ihresgleichen, was besagen soll, mit der Wahrheitskraft einer antiken Grabinschrift: Ich war, was du bist; was ich bin, wirst du sein.

In die Furcht, die Vampire wecken, mischt sich Scham

Die Toten oder besser Untoten waren einmal die Liebsten; darum müssen sie jetzt so böse werden. Der Vampir steht der Menschheit näher als die anderen Ungeheuer, als Werwölfe, Hexen, Aliens; diese könnten auch unterbleiben - der Vampir muss kommen. Seiner Problematik, nämlich der Finanzierbarkeit eines ins Unabsehbare erweiterten Generationenvertrags, lässt sich nicht entrinnen. Dadurch aber wird der Vampir zu einer ambivalenten Gestalt.

In die Furcht, die er weckt, mischt sich Scham, wie gegenüber einem Bettler, der aus Verzweiflung rabiat geworden ist, und unwillkürliche Achtung für das ältere, bessere Recht, das er gegenüber uns ephemeren Glückspilzen hat. So leicht sich der individuelle Vampir erledigen lässt, so schwer kriegt man den Vampirismus los, der sich von Biss zu Biss fortpflanzt wie ein Geschlecht von gebrechlichem, aber zeugungsstarkem Ungeziefer. Darum hilft gegen Vampire zuletzt nicht Zerstörung, sondern nur Beschwichtigung.

Immer edler sind die Vampire im Lauf ihrer Geschichte geworden. Ihr ursprünglicher Verwesunggestank, wie er in den ältesten Überlieferungen klar zutage tritt, hat sich in einen immer feineren Moschus verwandelt, anstelle der schmutzigen Klauen sind Seidenhandschuhe getreten, und selbst ihr unentbehrliches Utensil, die Eckzähne, hat die Subtilität eines Chirurgenbestecks angenommen. Aber selbst Graf Dracula ist noch etwas, das überwunden werden will.

Der grauenhafte Ursprung

Dem Vampirismus ist es ergangen wie dem rituellen Opfer, mit dem er seine Wurzeln teilen dürfte. Am Anfang stand gewiss überall das Menschenopfer; dieses wurde abgelöst durch die Opferung von Tieren, von Fleisch und Blut; diese wiederum von Brot und Wein. Dem heutigen christlichen Messopfer ist selbst das noch zu grobstofflich, sein Brot ist eine Oblate, ein im Munde schmelzender Hauch: Sublimierung einer Sublimierung einer Sublimierung, Produkt höchster zivilisatorischer Reife, aber höchst fragil, und durch dünne aber unzerreißbare Fäden mit der Erinnerung an seinen grauenhaften Ursprung verbunden.

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