Die "Causa Crämer": Über das Leben eines Münchner Historikers, der nie wieder in den Lehrstuhl zurückkehren durfte - obwohl er jahrelang prozessierte.
Biographien bedeutender Historiker des vergangenen Jahrhunderts haben gegenwärtig Konjunktur, heißen diese nun Gerhard Ritter, Hans Rothfels, Hermann Aubin, Theodor Mayer oder Percy Ernst Schramm.
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Ulrich Crämer würde man auf den ersten Blick nicht für biographiewürdig halten, da er zwar im Jahr 1940 auf den prestigeträchtigen Lehrstuhl Karl Alexander von Müllers für Mittlere und Neuere Geschichte nach München berufen wurde, diesen aber nach Kriegsende wieder verlor, durch den in der NS-Zeit kaltgestellten Franz Schnabel ersetzt wurde und nie wieder in den Universitätsdienst zurückkehren konnte.
Karsten Jedlitschka, der Leiter des Archivs der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle, untersuchte in seiner Münchner Dissertation Crämers Biographie als Exempel. Die Bedeutung der Vita beruht demnach nicht so sehr auf seinem wissenschaftlichen Œuvre als auf der Tatsache, dass er 1945 sein Professorenamt verlor und es in jahrelangen Prozessen nicht wiedererlangte.
Die "Causa" Crämer wurde so zum Lehrstück der "akademischen Vergangenheitspolitik" an der Münchner Universität.
In den Streitereien intervenierten der einstmals einflussreiche "Verband der nicht-amtierenden (amtsverdrängten) Hochschullehrer", die Vertreter der bayerischen Ministerialbürokratie (von Alois Hundhammer bis Johannes von Elmenau), die alten und neuen Kollegen Crämers an der Münchner Universität (Karl Alexander von Müller, Max Spindler, Franz Schnabel, Karl Bosl, Johannes Spörl) und selbst die damals noch lebenden Vertreter des nationalsozialistischen "Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung" (Heinrich Harmjanz, Rudolf Mentzel).
Die nichtarische Großmutter
In zahlreichen Gutachten sollte bewiesen werden, dass Crämers Berufung aus politischen Gründen erfolgt sei. Dafür sprachen seine frühe SA- und SS-Mitgliedschaft, ein Referentenposten im Reichsinnenministerium, seine Rezensionstätigkeit bei der Parteiamtlichen Prüfungskommission und die Intervention der Parteikanzlei; dagegen eine nichtarische Urgroßmutter, sein Festhalten am Christentum und das Leumundszeugnis ehemaliger Hörer wie Sieglinde Ehards, der Frau des späteren Ministerpräsidenten.
Crämer unterlag in allen Instanzen, stand am Ende ohne Gehalt und Titel da, sein Ansehen war ruiniert. Dabei ging es weniger um die Wissenschaft als um die Autonomie der Münchner Universität, wie sein einziger Förderer, der Münchner Romanist und Gegner des Nationalsozialismus, Hans Rheinfelder, treffend bemerkte:
"Wollte man in gleicher Weise, wie man es bei Crämer tut, auch die anderen Professoren unter die Lupe nehmen, dann müsste man gerechterweise heute noch Dutzende von viel schwerer belasteten, viel regelloser berufenen Professoren ihres Amtes entheben."
Am Ende musste Crämer froh sein, im Verlag Brockhaus als Lektor unterzukommen. Zwar war er von 1966-1976 für den historischen Inhalt der Enzyklopädie zuständig und prägte das Geschichtsbild vieler Benutzer, doch empfand er dies als Abstieg. Er war ein fleißiger Historiker mit vielseitigen Projekten, die er geschickt den jeweiligen politischen Konstellationen anpasste.
So präfigurierte der absolutistische Staat in seinen Augen den nationalsozialistischen Machtstaat. Ähnlich interpretierte er in seiner Dissertation Straßburg als Muster einer "deutschen Reichsstadt", in der dank einer ausgeklügelten Wehrverfassung "Zucht und Sitte" herrschten. Wenn Crämer sich nach Kriegsende in Allgäustudien vertiefe, so sollten diese das Fundament für einen anvisierten Lehrstuhl für "deutsche (und europäische) Landesgeschichte" oder "historische Geographie" bilden, den es in München noch nicht gab.
Für diese Anpassung findet Jedlitschka in seiner vorzüglich dokumentierten und spannend geschriebenen Untersuchung deutliche Worte. Er spricht von einer ",Transformation korrumpierter Fragestellungen in die Wissenschaft der frühen Bundesrepublik" und resümiert im Hinblick auf die NS-Zeit:
"Ulrich Crämer ist ein Paradefall eines gegenwartsorientierten Geschichtsinterpreten. Die politische Ausrichtung seines wissenschaftlichen Schrifttums ist nicht etwa akzidentiell im Sinne einer Anpassung an die Imperative des Regimes, sondern leitend in Fragestellung und Interpretation".
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
nein, lieber thoemmes, nicht sätze wie dieser verhindern etc.
sicher ist der satz nicht ganz so leicht eingängig, wie man das von einem großteil der medien inzwischen gewohnt ist, in denen ein heer von sprachreduzierern für hohe einschaltquoten steht.
ob dies der wahrnehmung (welcher erkenntnisse auch immer) allerdings dienlich ist, möchte ich bezweifeln.
erkenntnisse sind darüberhinaus nämlich nicht teil der wahrnehmung sondern eher eine ihrer folgen.
also über des, was ma wahrnimmt, auch noch a bisserl nachdenken, dann gibts vielleicht auch sowas wie erkenntnis.
was der verfassser mit dem satz ausdrücken wollte ist halt, daß besagter crämer eben nicht nur sein fähnchen nach dem wind wehen ließ, sondern wohl auch an der windmaschine mitgedreht hat.
"Die politische Ausrichtung seines wissenschaftlichen Schrifttums ist nicht etwa akzidentiell im Sinne einer Anpassung an die Imperative des Regimes, sondern leitend in Fragestellung und Interpretation."
Sätze wie dieser verhindern erfolgreich eine breite Wahrnehmung geschichtwissenschaftlicher Erkenntnisse.