Verfilmung: "Der Vorleser" Zombiekitsch

Oprah verhalf dem Roman "Der Vorleser" zum Spitzenplatz auf der New-York-Times-Bestsellerliste. Die Verfilmung kann selbst Kate Winslet nicht retten.

Von Jörg Häntzschel

New York ist gepflastert mit Tom Cruise und den anderen Widerständlern vom 20. Juli. An jedem Billboard kann man ihre phantastischen Kieferknochen in schwarz-weißem Riefenstahl bewundern. Doch bevor der mit Spannung erwartete "Valkyrie" am Weihnachtstag anläuft, ist ein subtileres deutsches Geschichtsdrama durchzuarbeiten: "The Reader", die aufwändige Verfilmung von Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser", die eben in die amerikanischen Kinos kam - lang vor ihrer deutschen Premiere auf der Berlinale.

Dass der Stoff es jemals bis nach Hollywood geschafft hat, ist wohl nicht zuletzt Oprah Winfrey zu verdanken, die den "Vorleser" in ihrem Buch-Club vorstellte und seinen erstaunlichen kommerziellen Erfolg in den USA besiegelte. Als erster deutscher Roman kletterte er 1997 bis auf Platz eins der Bestsellerliste der New York Times.

Kein Happy-End, keine Helden

Denn einfach ist die Geschichte beileibe nicht: Der 15-jährige Bürgersohn Michael Berg (David Kross) verliebt sich im Heidelberg der fünfziger Jahre in die mehr als doppelt so alte Trambahnschaffnerin Hanna Schmitz (Kate Winslet). Einen Sommer lang treffen sie sich täglich zu atemlosem Sex, begleitet von schwer symbolträchtigem Baden und Waschen.

Ihre Rendezvous würden wohl ganz wortlos verlaufen, wären da nicht die Stapel von Büchern, die Michael Hanna vorliest: Homer, Mark Twain, Tintin. Dann verschwindet Hanna plötzlich, um acht Jahre später in einer schockierenden Begegnung wieder im Leben Michaels aufzutauchen: Der junge Jurastudent verfolgt einen Naziprozess. Auf der Anklagebank sitzt Hanna, die sich als ehemalige KZ-Aufseherin entpuppt und wegen Mords in 300 Fällen zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wird. Kein Happy-End hier, keine Helden.

So exquisit seine Bilder von deutscher Nachkriegstristesse auch sind - an der Geschichte hat der britische Regisseur Stephen Daldry für seine Adaption gewiss nichts beschönigt. Doch das Spröde und Förmliche, auf das der Film viel zu oft vertraut, um Kitsch zu vermeiden, lässt ihn auch leblos und auf seine eigene Art kitschig erscheinen.

Vor allem das erste Drittel des Films mit der verstockten und unerfüllten Affäre der beiden ist streckenweise schwer zu ertragen. Auch Ralph Fiennes, der den älteren, beziehungsunfähigen Berg, einen erfolgreichen Berliner Anwalt, spielt, fordert dem Zuschauer mit seiner gequälten Diktion und seinen noch gequälteren Zügen einiges ab.

Wie schon bei seiner Darstellung von Virginia Woolf in "The Hours" fixiert Stephen Daldry seinen Blick hier vor allem auf die psychisch invalide Hauptfigur. Aber so grandios Kate Winslet auch spielt: Ihre Verwandlung während zwanzig Jahren Haft von einer schönen, wenn auch bitteren Frau in eine zombiehafte Alte mit blutleeren Lippen hat etwas Enervierendes.

Emotionaler Missbrauch

Genau hier liegt das Problem des Films. Im Buch blickt der Leser mit den Augen des verliebten Michael auf das mutmaßliche Monster Hanna. Das Dilemma, das sich für ihn daraus ergibt, ist sofort nachvollziehbar. Der Film jedoch, der auf die Erzählerrolle Michaels verzichtet, ersetzt diesen Blick des Verliebten, aus dem sich erst der moralische Konflikt erklärt, durch eine objektivere Perspektive - und verrennt sich dabei in eine fragwürdige Haltung.

Er presst dem Zuschauer mit unendlichem darstellerischen und inszenatorischen Aufwand Mitleid für die Massenmörderin ab, die sich in ihrer bundesdeutschen Zelle mühsam das Lesen beibringt. Dann aber lässt er ihn allein damit, wenn er beginnt, sich zu fragen, warum diese Frau ihre Haftstrafe nicht gründlich verdient haben soll. So verlässt man das Kino mit dem vagen Gefühl, emotional missbraucht worden zu sein, für eine bloße narrative Hypothese.

Dabei hilft es nicht, dass man nie Gelegenheit hat, hinter die versteinerten Züge Hannas zu blicken, die als Psychokrüppel irgendwann aufhört, einen wirklich zu interessieren. Und so unbefangen David Kross auch den charmant-unfertigen Michael spielt: auch dieser bleibt eine Chiffre, ein sympathischer Junge, doch was geht vor in ihm? Am schwächsten jedoch ist Ralph Fiennes als der von der Vergangenheit wie von einem Schatten verhangene, erwachsene Michael Berg. Kaum je heben die Personen zu wirklichem Leben ab.

Die Reaktion der amerikanischen Kritiker war denn auch zwiespältig. Das Branchenblatt Variety lobte die Qualität der Darsteller und die "glanzvolle" Produktion, aber moniert die "mangelnde Elektrizität trotz großer Bemühungen aller". Die Los Angeles Times bemängelte die formelhaften Szenen und Fiennes mangelnde Auslastung. Allein Kate Winslet rette den Film. Weiter geht Manolah Dargis in der New York Times. "Umständlich" und "auf skrupulöse Weise geschmackvoll" nennt sie den "Vorleser", bevor sie zu einem vernichtenden Urteil ausholt: "Wer braucht einen weiteren Film, der die Schrecken des Holocausts mit kunstvoll vergossenen Tränen salbt und uns um Mitleid für eine Lageraufseherin bittet?"

Schon der Roman habe vor Selbstmitleid gestrotzt, schreibt sie weiter. Dem Film gehe es nun weder um den Holocaust, noch um die Generation, die sich mit ihm auseinanderzusetzen hatte: "Das Publikum soll sich wohlfühlen mit einer historischen Katastrophe, die mit jeder neuen stilvollen Interpolation schwächer erscheint". Auch der New Yorker goss Häme über die tränenreiche Vergangenheitsaufbereitung. Genau diese aber, darin sind sich dann doch alle einig, garantiert dem Film nun gute Oscar-Chancen.