Veränderung der deutschen Sprache Sprachkontakt bedeutet auch Konflikt

Das Englische hat eine entscheidende Stellung für alle, die Aufmerksamkeit suchen, viele erreichen wollen. Daneben fungieren das Deutsche und das Französische als Brückensprachen. Bellos spricht mit guten Gründen von Aufwärts- oder Abwärts-Übersetzen, je nach dem Prestige und der Verbreitung einer Sprache. Der Zustand sei keineswegs natürlich und daher zu ändern, wenn genug Menschen ihn ändern wollten.

Für Literaturkritiker und Sprachhistoriker gleichermaßen interessant sind die Überlegungen zum "Übersetzen als Dialekt". Das Englisch der literarischen Übersetzungen unterscheide sich, so Bellos, vom ungelenken Englisch der Sozialwissenschaften und des internationalen Journalismus, aber es sei doch ein "Englisch-minus", geschmeidig und unsichtbar, eine korrekte Sprache, die so kaum gesprochen wird. Auch im Französischen lässt sich die "übersetzungstypische Tendenz zum Gebrauch von Standardformen der Empfängersprache" beobachten. Übersetzungen erweisen sich daher als Hüter, manchmal sogar als Schöpfer von Standardformen. Wem also an richtiger Sprache gelegen ist, der sollte Übersetzungen fördern. Könnte es sein, dass nicht durch Ausschluss, sondern durch die Mischung entsteht, was man "Sprachreinheit" nennt?

Auch diese Frage wird sich nur beantworten lassen, wenn man eine Vorstellung von den Mechanismen des Sprachwandels besitzt und eine Diagnose zum Stand der Entwicklung im Deutschen wagt, das ja mehr ist als ein Wörterverzeichnis. Was also tut sich da? Wer es wissen will, muss das Buch des Slawisten und Übersetzungswissenschaftlers Uwe Hinrichs lesen. "Multi Kulti Deutsch" ist von der Verengung auf Sprachpflege und sozialromantischem Kitsch gleichermaßen weit entfernt.

"Clash of Languages"

Hinrichs behandelt die Veränderungen der deutschen Umgangssprache durch Migranten, durch jene Millionen, denen Deutsch nicht Muttersprache ist. Zum Glück beschränkt sich die Darstellung nicht auf eine Zusammenfassung auffallender Abweichungen. Es wird auch erklärt, welche Eigenschaften des Türkischen, Polnischen, Arabischen, Russischen oder anderer Migrantensprachen regelmäßig wiederkehrende Fehler befördern. Harmoniesüchtige mögen sich daran stören, dass Hinrichs vom "Clash of Languages" spricht. Aber er hat Recht. Sprachkontakt bedeutet auch Konflikt, wenigstens zwischen verschiedenen sprachlichen Normen.

Was ändert sich? Die Kasus werden abgebaut, Endungen verschwinden, Präpositionen übernehmen die "Lasten der Kasussemantik", also neue Funktionen, dafür werden sie untereinander ausgetauscht, wie ja auch Muttersprachler Präpositionen häufig beliebig verwenden: Der Interregio nach Potsdam fährt heute von/auf/aus/in/ an/ab Gleis 3 oder einfach nur "fährt heute Gleis 3". Das Modell "Präposition plus X" hat gute Chancen, sich durchzusetzen. Möglicherweise wird "X" dann im Akkusativ stehen, dem Fall mit den besten Überlebensaussichten. Die Artikel, ohnehin eine besondere Tücke des Deutschen, werden schon schwankend verwendet. Dass der Komparativ mit "mehr" auf dem Vormarsch ist, wird keiner bestreiten. Normverstöße werden nicht mehr sanktioniert, Muttersprachler simplifizieren gern mit.

Hinrichs' Verblüffungseffekt

Hinrichs argumentiert detaillierter als hier nachgezeichnet werden kann. Er hat einen Verblüffungseffekt für sich: Wer nach der Lektüre Zeitung liest, Fernsehen schaut, im Internet surft, stolpert ständig über Beispiele für die von ihm zusammengetragenen Abweichungen. Die Veränderungen durch die Migration verstärken die Entwicklung von einer synthetischen hin zu einer analytischen Sprache, wie es das Englische ist. Die beiden stärksten Einflüsse auf die Gegenwartssprache befördern die "typologische Drift", in der sich das Deutsche ohnehin befindet. Die wachsende Bedeutung von Schnelligkeit, von mündlicher Kommunikation und von Kommunikation per SMS, Facebook usw., die zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu verorten wären, führen zu einer Aufweichung der Norm und begünstigen reduzierte, vereinfachte Formen. Hier wirken also mehrere Tendenzen in eine Richtung: langfristiger Wandel, das Deutsch der Migranten, der Einfluss des Englischen und die Zwanglosigkeit in digitalen Welten. Noch ist gesellschaftlicher Aufstieg an die Beherrschung der Sprachnormen gebunden.

Ob das so bleibt, ob auch das Schriftdeutsche die Änderungen übernehmen wird oder ob Schriftdeutsch und Umgangssprache sich auseinander entwickeln, werden wir sehen. Die Entwicklung kann beeinflusst werden, aber nicht durch Puristenhysterie, sondern durch soliden Grammatikunterricht und Förderung von Mehrsprachigkeit.

Karl-Heinz Göttert: Abschied von Mutter Sprache. Deutsch in Zeiten der Globalisierung. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013.368 S., 22,99 Euro, E-Book 19,99 Euro. David Bellos: Was macht der Fisch in meinem Ohr? Sprache, Übersetzen und die Bedeutung von allem. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Eichborn Verlag, Köln 2013. 448 S., 24,99 E., E-Book 18,99 E. Uwe Hinrichs: Multi Kulti Deutsch. Wie Migration die deutsche Sprache verändert. C. H. Beck, München 2013. 294 S., 14,95 Euro, E-Book 11,99 Euro.