Während die Reichen nun in der Krise einfach etwas weniger haben, reicht es bei den Armen inzwischen kaum noch zum Leben. Die Glaubwürdigkeit des Mythos hat deswegen erheblich gelitten. Die Obdachlosencamps, die Schlangen vor den Jobbörsen lassen sich nicht mehr übersehen. Und täglich werden mehr Leute entlassen, täglich schließen wieder ein paar Geschäfte. Erst am gestrigen Sonntag schleppten Schnäppchenjäger nach den CDs auch die Regale aus dem Virgin Mega Store am Times Square, dem letzten großen Plattenladen von New York und dem umsatzstärksten von ganz Amerika.
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Man spürt es an der verzweifelten Freundlichkeit, mit der einem in den noch verbliebenen Luxusboutiquen an der Madison Avenue die Verkäufer nachstellen. An den braunen Papiertüten, die sie hinter der Kasse bereithalten für alle, die die teuren Einkäufe vor ihren Nachbarn verbergen wollen. Selbst an der Canal Street, wo Chinesen falsche Gucci-Taschen verkaufen, laufen die Geschäfte schlecht. Der über Shopping sich auslebende Hedonismus der letzten 25 Jahre ist über Nacht aus der Mode gekommen. Prassen, eben noch in jedem zweiten HipHop-Song zum Synonym von Macht, Potenz und Sex erklärt, ist nun peinlich.
Die neue Bescheidenheit
Um überhaupt noch Umsatz zu machen, denken die Händler um. Wie das Kaufhaus Bloomingdale's, das alles für die neue Bescheidenheit bereit hält: "Verzichten Sie nicht auf ihren täglichen Caffè Latte. Machen Sie ihn zu Hause - mit einer schicken Espressomaschine. Kochen Sie doch mal wieder, mit Töpfen so schön wie Kunstobjekte." Gourmetmagazine heben Spargerichte auf die Titelseiten; selbst Armeleuterezepte aus der Depressionszeit werden hervorgeholt.
Die Populärkultur hat indes Mühe, sich an die neuen Umstände anzupassen. Die letzten Folgen der Reality-Show "The Real Housewives of New York" etwa, die Park-Avenue-Ladies der B-Liga zu Fashion Week, Cocktailparty und Elternabend begleitet, wurden vor sechs Monaten aufgezeichnet. Jetzt wirken sie wie aus einem längst vergangenen Jahrzehnt. Und während die hübschen jungen Frauen in der Partnervermittlungsshow "The Millionaire Matchmaker" noch Oh! und Ah! machen, wenn die Bewerber mit Bentley, Yacht und Champagner zum Date kommen, fragen sich immer mehr Trophy Wives, was sie eigentlich noch bei ihren unattraktiven und neuerdings deutlich weniger reichen Männern hält.
Die Reichen selbst sehen seit der Pleite von Lehman Brothers, seit dem Madoff-Skandal und seit der Debatte um die Bonus-Zahlungen plötzlich ihren Thron wackeln. Man kann das in der aktuellen Ausgabe von Vanity Fair beobachten, die fast vollständig der Sinnkrise der Millionäre gewidmet ist. In einem Madoff-Artikel sagen seine hochvermögenden Opfer und einstigen Freunde aus Palm Beach nicht: Ich war naiv, ich war gierig auf die Traumrendite und ich habe immer noch drei Häuser. Sie sagen: "Was Hitler nicht erledigte, das schaffte er."
Die Familie des Fondsmanagers
Ein anderer Beitrag widmet sich der Familie eines Fondsmanagers mit "fünf attraktiven Töchtern", einem Traumleben, das zum Albtraum wurde, weil der Patriarch sein Geld und das seiner Kunden komplett an Madoff weiterreichte, wo es auf Nimmerwiedersehen verschwand. Diese Familie, schreibt Vanity Fair, sei der High Society von Greenwich, Connecticut schon seit Jahren ein Dorn im Auge gewesen. Sie waren zu laut und hatten schlechte Manieren; sie hätten nie wirklich dazugehört. So schließt man die in Ungnade gefallenen Neureichen noch rückwirkend aus, um die eigenen Werte zu retten und sich einzureden, das gesellschaftliche Immunsystem habe funktioniert.
Wo Reichtum alle anderen Kriterien überblendete, suchen die Reichen nun nach einer Ethik des Geldes, die sie zuverlässig von den "gierigen Bastarden" unterscheidet. Nicht, dass das zwangsläufig heuchlerisch wäre, es ist nur neu. Die Frau eines wohl viele hundert Millionen schweren Fondsmanagers, die im 900-Quadratmeter-Penthouse eines Wolkenkratzers in Chicago wohnt, erklärt, sie und ihr Mann spendeten jetzt mehr denn je für Schulen, Waisenhäuser, Museen. Und alle ihre Freunde hielten es ebenso. "Niemand hat ein Geburtsrecht auf diesen Reichtum. Wer der Gesellschaft nichts zurückgibt, ist tatsächlich schamlos", sagt sie. "Niemand kauft mehr Kleider. Viele haben ihre Privatjets aufgegeben." Sie selbst auch? "Nein, aber wir nehmen jetzt öfter den Kleineren. Der Umwelt zuliebe."
Der jähe Zerfall des Weltbilds lässt Journalisten und Intellektuelle nun hastig rekonstruieren, wie die Nation so unbemerkt den Boden unter den Füßen verlieren konnte. Vanity Fair beschreibt, wie die amerikanische Geschichte den American Dream von einem idealistischen Versprechen auf Freiheit und Chancengleichheit zu einem zynischen Versprechen privaten Reichtums umdeutete. Time empfiehlt ein Dreipunkteprogramm zum Beginn der notwendigen "national rehab" des Junkies Amerika: Es müsse "zugeben, dass wir abhängig waren von schnellem Geld und fossilen Brennstoffen; unser Leben war außer Kontrolle. Daran glauben, dass wir zu Vernunft und Normalität zurückfinden können. Ein moralisches Inventar unserer selbst aufstellen und bereit sein, uns charakterlich zu verbessern."
Noch steht Amerika unter Schock. Man lebt nicht mehr im Schlaraffenland, aber auch noch nicht auf dem Boden der Tatsachen. Selbst wenn Time schon die vagen Umrisse einer besonneneren und diesmal wirklich moderneren Epoche zeichnet - mit neuen Energieformen, mehr Gemeinsinn und einer Kultur, die nostalgische Revivals hinter sich lässt. Nur - diesmal wird es richtig Arbeit machen.
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(SZ vom 30.3.2009/irup)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Lieber User,
diese Werbung sollte hier in dieser Form nicht zu sehen sein. Unsere Technik ist bereits informiert.
Beste Grüße,
Ihr Moderator
Liebe SZ-Mitarbeiter,
bitte denken Sie noch einmal darüber nach, ob derart penetrante Werbung, die Ihre Artikel verdeckt, wirklich notwendig ist. Ich fühle mich davon sehr gestört und wenn das so bleibt, wechsle ich das Nachrichtenportal.
Mit freundlichen Grüßen
D.
Grüsse,
C.
himmelschreiendes Unrecht darf man allerhöchstens "Schieflage" nennen
gierige Bankster sind Opfer undurchsichtiger Manipulationen der US-Notenbank
so wird eine echte Diskussion genau der Beliebigkeit geopfert, die wi von unserer mittelmäsigen bis grottenschlechten Regierung gewohnt sid.
Wenn hier jemand das schriebe, was die New York Post und andere Leitmedien in amerika über die *selbstedit* Bangster und Co so von sich geben, dann würde ihm sicher vom Zensor die Nettiquette um die Ohren gehauen.
Paging