Von Jörg Häntzschel

Die fetten Jahre sind vorbei. Amerika wurde aus dem Schlaraffenland vertrieben und ist noch nicht auf dem Boden der Tatsachen angekommen: wie sich die Werte in den USA ändern.

"Nicht so schnell, ihr gierigen Bastarde", titelte die New York Post. CNN hat eine Rubrik mit dem Titel "Lifestyles of the Rich and Shameless" eingerichtet, Berichte über das Leben der "Reichen und Schamlosen", statt wie üblich das Leben der Reichen und Berühmten (Rich and Famous). Die Mitarbeiter der "Notorious A.I.G.", wie die Post den Versicherungskonzern in ironischer Anlehnung an den erschossenen Hip-Hop-Star Notorious B.I.G. nennt, fürchten um ihr Leben, seit wütende Menschen mit Bussen vor ihren Villen vorfahren. Die Empörung über die Millionenboni ist so groß, dass die Gratiszeitung am New York ihren Lesern empfahl: "Begrabt euren Ärger - eure Wut könnte euch umbringen." Zur Beruhigung empfiehlt das Blatt Besuche im Botanischen Garten, Meditation oder Biertrinken. Ein Therapeut rät: "Achten Sie darauf, wenn Sie das Adrenalin zum ersten Mal spüren und Sie noch rational denken - was löst die Wut aus?"

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Die Luxusyachten verschwinden am Horizont: kein Platz mehr für Dekadenz. (© Foto: Reuters)

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Doch die Wut gegen die Manager ist nur das aggressive Gesicht eines viel ernsthafteren Reflexionsprozesses. Mit der Rezession geht in Amerika die Ära des Exzesses zu Ende, der die Nation über alle politischen Gräben hinweg so wunderbar geeint hatte. Ein Mentalitätswandel ist im Gange, der nachhaltigere Folgen haben wird, als die ideologischen Verirrungen unter Bush oder die Wahl eines schwarzen Präsidenten.

Auch bei den Deutschen geht die Sorge um, doch tat sie das nicht immer? Leidlich geschützt vom staatlichen Sozialsystem, viel vorsichtiger am Roulettetisch der Aktien-, Finanz- und Immobilienmärkte, haben sie ungleich weniger zu verlieren. Geprüft von den vielen Krisen ihrer Geschichte und reichlich ausgestattet mit protestantischem Affekt gegen alle diesseitigen Exzesse, konnte Konsum und Reichtum bei den Deutschen ohnehin nie zum Selbstzweck werden. "German Lässigkeit" nannte der ehemalige Deutschland-Korrespondent der New York Times Roger Cohen die entspannte Reaktion der Deutschen auf die Krise denn auch neulich im SZ-Magazin.

Für die Amerikaner jedoch bricht eine Welt zusammen. Es ist das Ende einer Epoche, das Ende des "Second Gilded Age", des zweiten Goldenen Zeitalters, das Ende der "Perma-Achtziger", wie Kurt Andersen im Nachrichtenmagazin Time schreibt, die unter Reagan begannen und 26 Jahre lang nicht mehr aufhörten. Privater Reichtum und seine hemmungslose Zurschaustellung erreichten in dieser Zeit nicht nur ein nie gekanntes Niveau, sie wurden auch zum allgemeinen Ideal. Weder der Dot-com-Crash, noch die neue Religiosität, die Anschläge vom 11. September und schon gar nicht die Kriege, die seitdem geführt werden, konnten Amerikas Goldrausch stoppen.

In Vergessenheit geratene Tugenden

Die puritanischen Yankee-Tugenden gerieten währenddessen in Vergessenheit, das Glücksrittertum obsiegte. Die gesamte Altersvorsorge riskant in Aktien anzulegen galt als ebenso klug wie erst das Studium, dann Auto, Haus und Boot auf Pump zu finanzieren. Geld, das man nicht hatte, aus dem Fenster zu werfen in der Erwartung kontinuierlich wachsenden Einkommens: Dieses Schneeballsystem spielten nicht nur Millionen Privatleute erfolgreich, auch der amerikanische Staat selbst finanziert sich so. Es funktionierte ja auch: Als sich selbst erfüllende Prophezeiung stellte sich das erhoffte Wachstum tatsächlich ein, der Boom speiste den Boom. Und die Konsumdosis wurde laufend erhöht, um den Nervenkitzel zu erhalten.

Und nun: Cold Turkey. Elf Billionen Dollar, im Durchschnitt rund 20 Prozent, haben die Amerikaner bereits im letzten Jahr verloren. 5,6 Millionen Menschen sind arbeitslos, die höchste Zahl seit dem Beginn der Erhebungen 1967. In New York hat sich ihre Zahl innerhalb eines Jahres verdoppelt. Und das Bruttosozialprodukt fällt weiter.

Dabei es war ja - zumindest in den letzten Jahren - nur eine Minderheit, die das untergegangene Zeitalter selbst als "golden" erlebte. Die Mittelklasse schrumpfte, die Zahl der Armen wuchs, der Lebensstandard der Bevölkerung stagnierte. Doch der Mythos vom Reichtum befeuerte als elementare amerikanische Erfolgsgeschichte auch die Sehnsüchte der Mittellosen. Werbung, Fernsehen, Popmusik, Klatschmagazine erzählten die immergleiche Geschichte von den "Lifestyles of the Rich and Famous". Nicht mit Neid, sondern mit Bewunderung verfolgte man diese modernen Sagen. Die weniger Privilegierten bemerkten gar nicht, dass sie dem Goldrausch zwar auf 300 Kanälen im Fernsehen zusehen, aber selbst nicht daran teilhaben durften.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum den Verkäufer in den Luxusboutiquen nur noch verzweifelte Freundlichkeit bleibt.

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  1. Sie lesen jetzt Gierige Bastarde
  2. Milch und Honig fließen nicht mehr
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