Von Von Oliver Fuchs

Eminems neues und angeblich letztes Album "Encore" ist auch sein schlechtestes. Und trotzdem gut.

Nur kurz zur Erinnerung: Das letzte Album dieses Mannes hieß "The Eminem Show". Ein roter Zirkus-Vorhang ging auf - aber heraus trat: ein Mann des Wortes, ein Stand-Up-Literat, ein Vokalartist, wie es seit Bob Dylan keinen mehr gegeben hat in der Popmusik.

Böse Jungs im feinen Anzug: (Von li.) Eminem, 50 Cent und Dr. dre. (© Foto: AP)

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Er ließ keine Löwen durch brennende Reifen springen und zersägte auch keine schwebenden Jungfrauen, sondern er reimte nur. Dabei keifte er, meckerte, gackerte, zischte, schimpfte. 160 words per minute.

Die rasend schnelle Verfertigung der Gedanken beim Reden also. Man hätte diese Show gern als "Feier des gesprochenen Wortes" bezeichnet, aber das führt auf die falsche Fährte, weil es zu sehr nach Dichterlesung klingt, nach wohl abgewogenen Worten.

Ein kleiner Mann, mit einem kleinen Kopf

Das hier war etwas anderes: Ein kleiner Mann mit einem kleinen Kopf - in dem jedoch ganz Amerika Platz zu haben schien, mit all seinen Widersprüchen und dem ganzen Wahnsinn - führte vor, wie es aus ihm herausspricht. Völlig klar, dass diese Darbietung mehr als abendfüllend war.

Jetzt geht der Vorhang wieder auf: "Encore" heißt das neue Album, Zugabe. Gerüchten zufolge ist es die letzte Eminem-Platte - was logisch wäre, denn nach der letzten Zugabe ist nun mal Schluss. Eminem wolle sich künftig intensiver um seine Schauspielkarriere kümmern, heißt es. Dafür spricht, dass er sich gerade ein Haus in Hollywood gekauft hat.

Und dann ist er ja auch noch Geschäftsführer des Plattenlabels "Shady Records" und der dazugehörigen Modefirma. Der kleine Mann aus Detroit wollte nach oben, und dort ist er längst angekommen. Ein Wohnsitz in Hollywood unterstreicht nur, was ohnehin klar ist:

Mit Jacko auf dem Klo

Dass Marshall Mathers, dieser verwirrte Junge aus ärmlichsten Verhältnissen, der Außenseiter aus der Wohnwagensiedlung, der Gekränkte, Zurückgewiesene und Gedemütigte, seinen Platz im Leben gefunden hat. Er thront jetzt neben P. Diddy und Jay-Z, und wie sie alle heißen, die Rap-Mogule mit den goldumrandeten Firmenschildern und den Maybach-Fuhrparks.

Wer es so weit gebracht hat, kann es sich leisten, seine Kernkompetenz auch mal aus den Augen zu verlieren. Ob sich Eminem aber selbst einen Gefallen tut, wenn er künftig nicht mehr das macht, was er am besten kann: Rappen über den Irrsinn der Welt?

Mit dem neuen Album macht er einem den Abschied nicht wirklich schwer. "Encore" besteht aus zwanzig Zugaben, von denen mehr als die Hälfte wie Füllmaterial klingt. Vielleicht hätte man gleich stutzig werden müssen, als "Just Lose It" herauskam, die erste Single.

Im Video sieht man eine derangierte Madonna mehr wanken als tanzen, vor allem aber sieht man Eminem als Michael Jackson, wie er sich an kleine Kinder heranmacht, irgendwann fängt seine Frisur Feuer - was beim Dreh eines Pepsi-Werbespots tatsächlich einmal passiert ist -, und am Ende begegnen sich Eminem und Michael Jackson auf dem Klo.

Das Tolle war sein Hass, sein Biss, seine Wut

Ersterer ist von dem Anblick des Letzteren so angewidert, dass er ihm eine riesige Fontäne mitten ins Gesicht kotzt.

Nun könnte man sagen, dass Klosett-Humor immer schon ein fester Bestandteil von Eminems Kunst war, fragt sich aber im selben Moment, warum er es plötzlich nötig hat, Michael Jackson zu treten, einen Mann, der doch bereits am Boden liegt - moralisch, finanziell, künstlerisch.

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