US-Präsident Donald Trumps fragile Männlichkeit

Ein Mann, an dem alles abprallt: US-Präsident Donald Trump mit einer Sheriffsfigur.

(Foto: REUTERS)

Lange schien Satire am US-Präsidenten einfach abzuprallen. Doch nun haben die Macher von "Saturday Night Live" die Schwachstelle in der Festung Trump entdeckt.

Von Julian Dörr

Man hatte ja geglaubt, Donald Trump sei immun gegen Kritik. Ob ernst vorgetragen oder im Mantel der Satire. Besonders letztere scheint hilflos zu sein in Anbetracht einer Realität, die in ihrer Absurdität die Fiktion schon lange übertrumpft hat. Man kann einem Mann wie Trump alles entgegenwerfen, die Verletzung der Menschenrechte, den Untergang der Demokratie, den Ku-Klux-Klan und white supremacy. An ihm hängen bleibt nichts. Alles prallt von den gigantischen goldenen Toren der Festung Trump ab und wird mit noch größerer Wucht auf den Angreifer zurückgeschleudert. Viele Künstler haben sich damit schon abgemüht, sie gaben sich wütend und versöhnlich, sie haben parodiert und argumentiert. Der Cast des Hip-Hop-Musicals Hamilton, Meryl Streep bei den Golden Globes, Alec Baldwin und Saturday Night Live.

Alles, was sie erreichten: ein präsidialer Denunziationsschwall auf Twitter. Overrated. Biased. Not funny. Bis jetzt.

Am vergangenen Wochenende tritt Melissa McCarthy auf die TV-Bühne von Saturday Night Live, der größten und langlebigsten Satire-Show der USA. Ihre Parodie von Sean Spicer, dem Pressesprecher des Weißen Hauses, ist so punktgenau wie furios. Sieben Minuten lang poltert McCarthy in zielloser Wut durch eine Pressekonferenz. Sie verschlingt eine Dose voller Kaugummi, bedrängt kritische Journalisten mit ihrem Rednerpult und beschießt sie aus einer Wasserpistole. Der Pressesprecher des Weißen Hauses, ein Irrer, der Unsicherheit in Aggressivität übersetzt. Eine vernichtende Parodie. Und was macht Donald Trump? Er schweigt.

Immer und immer wieder hat Trump Frauen verbal angegriffen

Trumps Pressesprecher wird im nationalen Fernsehen bloßgestellt - von einer Frau. Die Macher von Saturday Night Live haben dabei eine Schwachstelle Donald Trumps getroffen: seine Männlichkeit. Und die ist weitaus fragiler, als sein Alpha-Männchen-Gehabe vermuten lässt. Man kann einem Mann wie Trump alles entgegenwerfen, aber eine als Mann verkleidete Frau, eine pervertierte Persiflage des aggressiv-männlichen Verhaltens seiner selbst und seiner Untergebenen, das trifft ihn. Und ein Treffer bedeutet in Trumps Welt: Stille.

Sean Spicer reagiert auf Saturday-Night-Live-Parodie

Der Trump-Sprecher fand die Melissa-McCarthy-Version von sich nur ein bisschen lustig, wie er jetzt mitteilte. Eine Sache störte ihn dabei besonders. mehr ... jetzt

Das Onlinemagazin Politico berichtet aus Quellen, die dem Präsidenten nahe stehen, dass in Trumps Augen die Darstellung Spicers durch eine Frau das größte Problem sei - und nicht etwa der verheerende Inhalt der Parodie. Aus diesen Kreisen heißt es außerdem, Trump möge es nicht, wenn seine Leute schwach aussehen. Und Schwäche bedeutet in Trumps Welt: wie eine Frau.

Das Spannende ist nun, dass McCarthy ihren Spicer ganz und gar nicht weiblich spielt. Wenn überhaupt, dann überspitzt sie seine Männlichkeit. Eines merkt man in diesen sieben Minuten ganz deutlich: McCarthy bekam den Job nicht, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie schlicht die beste Besetzung für die Rolle ist. Dass Donald Trump sich nun aber vom Geschlechtertausch gereizt fühlt - und so lässt sich sein ungewohntes Twitter-Schweigen in dieser Sache interpretieren -, offenbart die ganze Bigotterie seines Weltbildes.

Immer und immer wieder hat Trump Frauen verbal angegriffen und dabei eine sehr geschlechtsspezifische Argumentation genutzt, um sie zu diskreditieren. Der Fox-News-Journalistin Megyn Kelly attestierte er "blood coming out of her wherever". Hillary Clinton bezeichnete er ihm Wahlkampf mehrfach als "nasty woman". Hinter diesen Äußerungen steckt eine frauenfeindliche Weltsicht, die Trump teilt und verstärkt.

Die Sicherheit des neuen US-Präsidenten ruht in seiner Vorstellung von Männlichkeit, das hat sich bereits im Wahlkampf und der merkwürdigen Debatte um die Größe von Trumps Händen abgezeichnet. Die politische Satire steht nun vor einer großen Chance. Wenn sie richtig zuschlägt. Zum Beispiel, indem Saturday Night Live Rosie O'Donnell verpflichtet - als Trumps Chef-Stratege Steve Bannon. Die Schauspielerin und Moderatorin ist die Nemesis des US-Präsidenten. Das vielleicht liebste seiner vielen Hass-Objekte. Seit Jahren liefern sich O'Donnell und Trump ein crossmediales Wortgefecht. Er bezeichnet sie als "Schwein" und "totale Versagerin", sie nennt ihn einen "Bankrotteur" und "Scharlatan".

O'Donnell und McCarthy als Spicer und Bannon, zur Linken und zur Rechten von Alec Baldwins Trump - damit könnte das oft viel zu zahme Saturday Night Live ein Statement setzen. Und die US-amerikanische Satire wieder zu dem führen, was sie sein sollte: kein freundliches Verwuscheln der strohigen Trump-Haarpracht wie bei Jimmy Fallon, sondern ein unbequemer Störfaktor für die Ziele ihres Spotts. Oder wie die Amerikaner sagen: a real pain in the ass. "If called I will serve", twittert O'Donnell. Wenn sie gerufen wird, dann wird sie dienen.

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