Das Urteil der Verfassungsrichter lässt nur einen Schluss zu: Nicht eine hohe Zuschauerquote rechtfertigt die Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Sender - sondern eine hohe Qualität.
Beim Essen unterscheidet man zwischen den Nahrungsmitteln und den sonstigen konsumierbaren Stoffen; beim Rundfunk unterscheidet man zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendern: Die Öffentlich-Rechtlichen, also ARD, ZDF und das Deutschlandradio, sollen quasi Brot, Wurst, Eier und Käse liefern, die "Grundversorgung", wie dies das Bundesverfassungsgericht formuliert; dafür dürfen sie Rundfunkgebühren eintreiben.
Eine Außenaufnahme der Gebühreneinzugszentrale in Köln (© Foto: AP)
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Die privaten Sender dagegen haben sich auf Pommes, Chips, Cola und Cocktails spezialisiert, also auf die Genuss- und Verdrussmittel; sie finanzieren sich ausschließlich mit Werbung. Man nennt diese Einteilung "duales System": Die einen Sender sind zuständig für den Nährwert, die anderen sind für den bloßen Genusswert.
Unterschied zwischen Theorie und Praxis
So ist es in der Theorie; die Praxis ist anders - vor allem deshalb, weil die öffentlich-rechtlichen Sender süchtig danach sind, immer mehr Genusswert zu liefern. Sicherlich: auch Unterhaltung gehört zur Grundversorgung, aber mit Maß und Ziel.
Wer die Programme verfolgt, stellt fest, dass es dieses Maß immer weniger gibt und immer mehr Grundversorgung nach Arte, Phoenix und 3Sat, also in die Spartensender, abgeschoben wird. Das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts gibt nun zwar den Öffentlich-Rechtlichen ein Recht auf angemessene Gebühren - aber nicht das Recht, damit zu machen, was sie wollen.
Das Bundesverfassungsgericht versucht, erstens das duale System aufrechtzuerhalten und zweitens den Nährwert der Grundversorgung zu mehren. Das Urteil stärkt die öffentlich-rechtlichen Sender - indem es ihnen eine ordentliche Finanzierung zuspricht und dem Einfluss der Politik enge Grenzen setzt. Aber es verlangt dafür auch einiges: Meinungsvielfalt, Sorgfalt und Qualität. Die Demokratie, so das höchste Gericht, braucht diese Sender - aber nicht als Abklatsch der Privaten.
Mehr Brot und Wurst, weniger Chips
Das Bundesverfassungsgericht spricht den öffentlich-rechtlichen Sendern ausreichende Gebühren zu (die derzeitigen, so sagt das Gericht, sind nicht ausreichend), es will dafür aber mehr Brot und Wurst haben, und weniger Chips. Das Gericht besteht darauf, dass die öffentlich-rechtlichen Sender, um es etwas altertümlich zu sagen, eine demokratische Dienstpflicht haben - als "Informations-, Kommunikations- und Kulturträger".
Also: ARD und ZDF müssen herunter von der Rutsche des Kommerzes. Nicht eine hohe Zuschauerquote rechtfertigt die Rundfunkgebühren, sondern eine hohe Qualität. Das Gericht warnt daher vor einer weiteren Verwässerung des Profils durch seichte Programme, durch Werbung und Sponsoring. Noch im Rundfunkgebührenurteil von 1994 hatten die Richter gemeint, eine Finanzierung auch durch Werbeeinnahmen könne die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Rundfunks stärken.
Werbung und Sponsoring sind zu streichen
Damit ist es nun vorbei - das Gericht korrigiert sich selbst : Es verweist auf die Risiken, die öffentlich-rechtliche Sender eingehen, wenn sie ihre Programme auf die Werbewirtschaft ausrichten - weil dann zunehmend Rücksicht genommen werden müsse auf Massenattraktivität. Das heißt im Klartext: Werbung und Sponsoring sind zu streichen. Wenn das Gebührenfernsehen auch noch Werbegelder einstreichen will, gefährdet es seinen Anspruch - auch den auf Gebühren.
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist so gestrickt, dass sich zunächst alle auf die Schulter klopfen können - sowohl Kläger als auch Beklagte. ARD, ZDF und Deutschlandfunk haben geklagt und gewonnen, weil die von den Ministerpräsidenten gekappte Gebührenerhöhung vom Gericht für verfassungswidrig erklärt wurde.
Die beklagten Länder und ihre Ministerpräsidenten haben gleichwohl nicht verloren, weil die von ihnen gekappten Rundfunkgebühren für die laufende Periode (bis 2008) trotz ihrer verfassungswidrigen Festsetzung weitergelten, also nicht rückwirkend erhöht werden müssen. Allerdings muss in der nächsten Gebühren-Periode, also von 2009 an, dann wohl berücksichtigt werden, dass die öffentlich-rechtlichen Sender in den zurückliegenden Jahren zu knappgehalten waren.
Das Gericht, und das ist der eigentliche Wert des Urteils, hat die Entscheidung über die Gebühren zum Anlass genommen für eine juristische und politische Hymne auf die Rundfunkfreiheit und die demokratische Bedeutung der öffentlich-rechtlichen Sender. Es warnt davor, die Sender politisch kontrollieren zu wollen und die Rundfunkgebühren-Gesetze dabei als Tatzenstock zu benutzen, mit dem man den Intendanten auf die Finger schlägt.
Das Gericht weist ausdrücklich darauf hin, dass es auch ein ganz anderes, probateres Gebührenfestsetzungs-Modell geben könnte, als das gegenwärtig praktizierte: Karlsruhe hat ausdrücklich nichts gegen "indexgestützte Berechnungsmethoden" - auch nicht gegen eine "Vollindexierung". Das heißt: Die TV-Gebühren könnten einfach an die Inflationsrate gekoppelt werden.
Das wäre begrüßenswert. Wer aber stoppt eine andere Inflation, wer stoppt die Entwertung der Programme? Rundfunkfreiheit ist nicht nur die Freiheit, Gebühren zu kassieren. Rundfunkfreiheit ist die Freiheit und die Pflicht, Qualität zu bieten - auch wenn sie viel kostet.
(SZ vom 12.09.2007)
Endgültiger DFB-Kader für EM
Vielen Dank, Herr Prantl, für diesen treffenden Kommentar!
Die grundsätzliche Frage, um die es geht, ist m.E. ob wir uns die Möglichkeiten für einen wirtschaftlich unabhängigen Journalismus, noch dazu mit Bildungsauftrag erhalten wollen. Es wäre fantasielos und katastrophal, den gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen zu wollen, nur weil dem einen doer anderen die Qualität des Programms nicht passt. Natürlich kann und muss man über die Qualität streiten, ich finde auch manches schlecht.
Aber ohne diese gebührenfinanzierte Möglichkeit wären wir einem Journalismus ausgeliefert, der von vorn herein wirtschaftlich abhängig und von irgendwelchen Interessen gelenkt ist. Also lasst uns weiter Gebühren zahlen, aber gleichzeitig dafür kämpfen, dass der öffentlich rechtlich Bildungs- und Informationsauftrag erfüllt wird! Und wir sollten nicht aufgeben, aus uns mündige und informierte, d.h. auch gebildete Bürger machen zu wollen. Denn wenn wir das aufgeben, sehe ich schwarz, nicht nur für unsere Demokratie.
Ich bin ja im Grossen und Ganzen derselben Ansicht wie Sie.
Der Begriff "Fussvolk" soll keineswegs alle "einfachen Leute" als minderwertige
Menschen und/oder alle Gebildeten als edel hinstellen.
Die minderwertige Qualitaet der Privatmedien ist aber m.E. NICHT dem Geschmack von
Milliardaeren zuzuschreiben. Diese Medien leben von der Konsumpropaganda,
weshalb sie zwecks Quoten-Optimierung sehr wohl ganz gezielt den
Massengeschmack bedienen. Die politische Information und Aufklaerung, die sie bieten,
ist natuerlich der mehr oder weniger subtilen Zensur ihrer Eigentuemer und sonstigen Geldgeber unterworfen.
Die Gleichung Zote=Quote trifft auf manches zu, was heute unter "Comedy"
oder "Reality TV" laeuft.
Es macht keinen Sinn, so zu tun, als gaebe es ihn nicht, den schlechten Geschmack eines grossen Teils der "einfachen Leute". Das kann kein Tabu sein, wenn man
wahrhaftig urteilen will. Es ist wie mit der Intelligenz. Natuerlich GIBT es Menschen mit
einem IQ von 90 und solche mit einem IQ von 130. Wie immer der Test auch geeicht
sein mag: Der Unterschied ist gross und zeigt, dass die eine Person besser geeignet ist,
komplizierte Sachverhalte zu beurteilen. Die Zuweisung von Aufgaben und
Verantwortlichkeiten in einer arbeitsteiligen Gesellschaft kann dies nicht ignorieren.
In einem "Arbeiter- und Bauern-Staat", da wurde natuerlich oeffentlich anders geredet,
da waren "die Werktaetigen" sozusagen der edelste Teil des Volkskoerpers. Waehrend
in Wahrheit die Nomenklatura in abgeschirmten Bereichen sich ihrem privilegierten
Lebensstil und Konsum hingab. Und die Massenmedien als Vehikel ihrer Politpropaganda
und der "Erziehung zum sozialistischen Menschen" missbrauchte.
Eine Erziehungswirkung aber haben die Masenmedien IMMER. Weshalb die Programme
von einer geistig-moralischen Elite gepraegt sein sollten, die sich in einer freien und
demokratischen Gesellschaft staendig neu konstituiert und entwickelt und nicht etwa
mit den momentanen politischen und wirtschaftlichen Macht-Eliten gleichzusetzen ist.
Bei uns, unter der zunehmenden Herrschaft des Boersenkapitalismus, ist eine solche
differenziert-demokratische Selbstbestimmung und Gestaltung der medialen
Oeffentlichkeit illusorisch. Und das BVG-Urteil nur ein bisschen weisse Salbe.
Guter Kommentar, Hr.Prantl.
Trotzdem folgende Anmerkung:
"Wer aber stoppt eine andere Inflation, wer stoppt die Entwertung der Programme?"
Die Antwort hätten Sie sich auch gleich geben können: Niemand.
Denn die Rolle, die das Verfassungsgericht den öffentlich-rechtlichen Sendern
zugesprochen hat, liegt nicht im Interesse der deutschen Führungs-Schicht.
Und die Gestaltung der Programme geschieht ja nicht im luftleeren Raum.
Die deutsche Führungs-Schicht hat sich auf das neoliberale Gesellschafts-Konzept verständigt.
In diesem Konzept wird der arbeitenden Bevölkerung eine bestimmte Rolle
zugeschrieben - und das ist nun mal nicht die Rolle einer selbstbewußten, informierten,
selbstständig denkenden, am politischen Meinungsbildungs-Prozess teilhabenden
Bevölkerung.
Eine Anmerkung noch zu einem bereits vorhandenem Kommentar:
"... wenn man Massenmedien hat, die vom Geschmack und Anspruch
des Fussvolks gepraegt und an Profit und Konsumpropaganda orientiert sind."
Es ist sicher ein gutes Gefühl, wenn man glaubt, selbst nicht zum "Fussvolk" zu gehören.
Die privaten Massenmedien sind allerdings davon geprägt, was die privaten Besitzer
für richtig halten. Die Pressefreiheit des Privatfernsehens ist die Freiheit von
Milliardären, ihre Meinung zu verbreiten. Unter anderem das, was sie für den
Anspruch und den Geschmack der "Masse" halten.
Wo kann man das nachlesen?
Unter http://18040.rapidforum.com/topic=100276194513
Deutschlandradio liefert wirkliche Rundfunkqualitaet, ist aber merkwuerdigerweise
in Bayern nicht flaechendeckend zu empfangen. Ich wuenschte, das waere
verfassungswidrig! ;-)
Es waere zu wuenschen, wenn das oeffentlich-rechtliche Fernsehen insgesamt dem
Qualitaetsniveau von Deutschlandradio annaeherte.
Der Gruendungsintendant des ZDF war ein Philosophie-Professor (Prof. Holzamer);
das waren noch Zeiten!
Insgesamt sehe ich im "dualen System" aber eine gewisse Augenwischerei.
Was nuetzt es dem Ideal vom "muendigen Buerger", das ja eigentlich eine der Grundlagen
der Demokratie ist, wenn eine Minderheit sich informiert und bildet und Fernsehfilme
anschaut, die menschliche Maszstaebe setzen?
Wo doch gleichzeitig ein grosser Teil der Bevoelkerung zum Teil unsaeglichen
Fernsehschrott amerikanischer Machart sich reinzieht, mit vulgaeren "Comedy Shows"
und Nachmittags-Talks die Zeit totschlaegt, usw.???
Wir kriegen dann immer mehr amerikanische Verhaeltnisse: Es gibt Zentren hoechster
Bildung wie die Ivy-League-Universitaeten und ihre gesellschaftliche Corona, aber
zugleich Fox Channel als "Informations"quelle und eine Geisterbahn absurder
Fernsehserien, die den Aberglauben und Primitivismen des Denkens und Fuehlens
foerdern.
Dann kann ein Praesident, umgeben von einer Camarilla altgedienter Fanatiker aus
der Mitarbeiterschar seines Vaters, die Afghanistan-Mission gefaehrden durch den mit Lug und Trug begruendeten Irak-Feldzug, der viele Milliarden verschlingt und zur Zeit
165 000 Soldaten bindet, und er wird dennoch wiedergewaehlt. Weil die Amerikaner
in ihrer Gesamtheit eben NICHT muendig sind, sondern verquerste Desinformationen
und parolen in ihren Koepfen haben. Und die demokratische Partei ist nicht viel
besser, hat diesen Irak-Wahnsinn schliesslich mitgemacht. (Waeren ein Drittel der
Kraefte, die da verpulvert werden, in Afghanistan, sagten die Taliban nicht Piep.)
Das kommt heraus, wenn man Massenmedien hat, die vom Geschmack und Anspruch
des Fussvolks gepraegt und an Profit und Konsumpropaganda orientiert sind.
Da wird ein "duales System" nur begrenzt dran ruetteln. Dann kriegen wir irgendwann
auch Eloys und Morlocks (H.G. Wells).
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