Urteil im Streit um Verlag Suhrkamp muss 2,2 Millionen an Barlach zahlen

Im erbitterten Machtkampf um den Suhrkamp-Verlag hat der Minderheitsgesellschafter Hans Barlach vor Gericht einen Sieg errungen. Ihm stehen laut Urteil knapp 2,2 Millionen Euro aus dem Gewinn des Jahres 2010 zu.

Der Suhrkamp-Verlag muss knapp 2,2 Millionen Euro aus dem Bilanzgewinn des Jahres 2010 an seinen Minderheitsgesellschafter Hans Barlach zahlen. Das hat das Landgericht Frankfurt entschieden. Barlach berief sich vor der Handelskammer mit Erfolg auf eine Vereinbarung unter den beiden Suhrkamp-Gesellschaftern.

Danach war der Gewinnanteil aus dem Verkauf des Frankfurter Verlagsgebäudes und des Verlagsarchivs innerhalb weniger Tage auf ein ihm zustehendes Darlehenskonto zu überweisen. Suhrkamp ist Anfang 2010 von Frankfurt nach Berlin umgezogen.

Barlachs Medienholding AG Winterthur hält 39 Prozent an Suhrkamp, 61 Prozent besitzt die von Barlach verklagte Familienholding unter Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz. Beide liefern sich seit Jahren einen erbitterten Machtkampf. Gegen das Urteil ist Berufung beim Oberlandesgericht zulässig.

Die Chronologie des Machtkampfs:

2002: Nach dem Tod von Suhrkamp-Leiter Siegfried Unseld gehen seine Anteile (51 Prozent) an eine Familienstiftung. Diese leitet seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz. 20 Prozent des Verlags gehören Unselds Sohn Joachim, der Rest (29 Prozent) dem Schweizer Investor Andreas Reinhart.

2003: Unseld-Berkéwicz übernimmt die Geschäftsführung. Es gibt auf vielen Ebenen Streit um Kompetenzen.

2006: Der Medienunternehmer Hans Barlach kauft den 29-Prozent-Anteil des Schweizers Andreas Reinhart gemeinsam mit dem Hamburger Investmentbanker Claus Grossner. Das Geschäft wird gegen den Willen der Verlagschefin ausgehandelt.

2009: Joachim Unseld verkauft seine Beteiligung am Verlag. Sein 20-Prozent-Anteil geht zu gleichen Teilen an die Familienstiftung und Barlachs Medienholding.

2010: Der Verlag verlegt seinen Sitz von Frankfurt (Main) nach Berlin.

2011: Barlach verklagt die Geschäftsführung unter anderem, weil sie Firmengelder veruntreut haben soll. Er wirft Unseld-Berkéwicz vor, mit Geld des Verlags in ihrem Privathaus im Berliner Ortsteil Nikolassee Räume für Lesungen und Autoren zu mieten, ohne ihn als Mitgesellschafter vorher zu fragen.

5. Dezember 2012: Die zerstrittenen Gesellschafter verlangen vor dem Landgericht Frankfurt (Main), sich gegenseitig auszuschließen. Sollte es dazu nicht kommen, müsse der Verlag aufgelöst werden, verlangt Barlach.

10. Dezember: Ulla Unseld-Berkéwicz wird per Gerichtsbeschluss als Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlags abberufen. Das Landgericht Berlin setzt damit einen entsprechenden Beschluss der Gesellschafterversammlung vom November 2011 rückwirkend in Kraft. Die Verlegerin soll wegen der Anmietung von Räumen im Privathaus auch 282.500 Euro Schadenersatz an den Verlag zahlen. Sie legt Berufung ein.

13. Dezember: Barlach verlangt eine neue Geschäftsführung.

15. Dezember: Renommierte Suhrkamp-Autoren wie Uwe Tellkamp stellen sich hinter Unseld-Berkéwicz und drohen mit einem Wechsel des Verlags, falls Barlach dort die Macht bekommt.

17. Dezember: Es wird bekannt, dass der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann nach dem Wunsch der Familienstiftung im Streit vermitteln soll. Barlach lehnt ihn als Mediator aber ab. Suhrkamp zeigt sich trotzdem weiter gesprächsbereit.

30. Dezember: Barlach verlangt für eine Mediation den Rückzug der Familienstiftung aus der Geschäftsführung.

4. Januar 2013: Mehr als 160 Wissenschaftsautoren des Suhrkamp-Verlags fordern eine gütliche Lösung im Gesellschafterstreit.

10. Januar: In einem Appell ergreifen mehr als 70 renommierte Autoren Partei für Verlegerin Unseld-Berkéwicz.

24. Januar: Die Suhrkamp-Chefin lehnt einen Rücktritt ab.

8. Februar: Barlach beharrt als Voraussetzung für einen Kompromiss auf dem Rückzug der Geschäftsführung.

13. Februar: Das Landgericht Frankfurt setzt auf eine außergerichtliche Einigung der Kontrahenten, vertagt das Verfahren und bestimmt für eine weitere mögliche Verhandlung den 25. September.

Der Fall Suhrkamp

Der Suhrkamp-Verlag, 1950 von Peter Suhrkamp gegründet, hat mit seinen regenbogenfarbigen Bänden jahrzehntelang das intellektuelle Klima in Deutschland geprägt. Große Autoren wie Bertolt Brecht, Hermann Hesse, Martin Walser fanden dort ihre geistige Heimat. Heute gehören Namen wie Durs Grünbein, Sybille Lewitscharoff und Uwe Tellkamp zum Programm. Nach dem Tod des Verlagsgründers übernahm 1959 der frühere Lektor Siegfried Unseld das Haus und führte über Jahrzehnte die vielgerühmte "Suhrkamp-Kultur" weiter.

"Wir verlegen keine Bücher, sondern Autoren", so lautet der Leitsatz. Mehr als 10.000 Titel hat das Haus in seinen verschiedenen Reihen herausgebracht. Zur Verlagsgruppe gehören neben dem Flaggschiff Suhrkamp auch der Inselverlag, der Deutsche Klassiker Verlag, der Jüdische Verlag und der von Berkéwicz neu gegründete Verlag der Weltreligionen.