Von Meike Fessmann

Philippe Bessons Buch "Einen Augenblick allein" erzählt von Mordverdacht, Einsamkeit, schweigsamen Männern und allzu offenherzigen Frauen.

Eine Hafenstadt an der rauen Küste von Cornwall, graue Nebelschwaden, wortkarge Männer und der Tod eines achtjährigen Jungen bilden das Setting dieses Romans, der auf absonderliche Weise unterhaltsam ist.

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Tee als Wahrheitsserum in Bessons Buch "Einen Augenblick allein": Der Inder Rajiv entlockt dem verurteilten Mörder Tom seine Geschichte. (© Foto: dpa)

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Der französische Bestsellerautor Philippe Besson, 1967 geboren und studierter Jurist, kreuzt Marguerite Duras mit Ernest Hemingway. Dabei entsteht ein merkwürdiges Zwitterwesen, das Frauen anlockt, aber auf Männer zielt. Das ideale Urlaubsbuch für Paare im Clinch: Sie hat es in Erwartung großer Lesefreuden vor Reiseantritt gekauft und will es sich damit bequem machen. Er aber reißt es sich unter den Nagel, nimmt es mit in die Wildnis und fällt fortan in tiefes Schweigen.

Tom Sheppard kommt nach fünfjähriger Haft in seinen Heimatort zurück. Er ist bei Sturm mit seinem Sohn hinaus aufs Meer gefahren und kam ohne ihn zurück. Die Bewohner von Falmouth halten ihn für einen Mörder. Er wird geschnitten und verachtet, was ihn nicht sonderlich bekümmert. Denn eigentlich will er nur seine Ruhe.

Er kehrt ins Haus zurück, das er mit seiner Familie bewohnt hat. Die Leere gähnt ihn an, Erinnerungen holen ihn ein. Marianne, seine Frau, ist längst weggezogen.

Außenseiter unter sich

Zunächst denkt man, das werde nun ewig so weitergehen: der einsame Mann und das Meer, die Schuld und die Nichtigkeit des Daseins. Doch dann bringt der Autor zwei andere Außenseiter ins Spiel, einen Lebensmittelhändler pakistanischer Abstammung, und die liebenswerte Betty, von der wir erst am Ende erfahren, warum auch sie zu den Geächteten gehört.

Tee um Tee lockert Rajiv mit geduldiger Freundlichkeit und ausdauerndem Zuhören die Zunge des Helden, der erzählt, was sich wirklich zugetragen hat. Und vor allem: warum.

Wir ahnen dann schon, dass das mit Betty und ihm nicht gutgehen wird, so sehr die junge Frau auch versucht, den Wünschen des Mannes entgegenzukommen. Sie plappert nicht, sie schmiegt sich seiner Schweigsamkeit an, bis es irgendwann aus ihr heraus bricht. Als sie ihm ihre Liebe gesteht, ist es geschehen. "Sie hat die Grenze überschritten."

Die große Rätselgestalt ist der schweigsame Luke mit dem kraftvoll schönen Körper, der die Zeit im Gefängnis erträglich gemacht hat, aber vor Tom entlassen wurde. Der Trennungsschmerz war furchtbar und wurde wortlos bewältigt. Und doch ist es, als hätten die beiden eine Verabredung. . . Philippe Besson

Einen Augenblick allein. Roman. Aus dem Französischen von Caroline Vollmann. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2008. 177 Seiten, 12,90 Euro.

Bekannte Autoren sitzen Rede und Antwort. Auf dem blauen Sofa während der Frankfurter Buchmesse.

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(SZ vom 14.10.2008/jb/pak)