Es gibt einfallsreiche Kampagnen gegen das Raubkopieren: "Kopien brauchen Originale" formuliert das Bundesjustizministerium, um darauf hinzuweisen, dass vor der Technik das Hirn kommt. Ob man so gegen "Geiz ist geil" und gegen die Bequemlichkeit des Internet-Kopierens ankommt, ist fraglich. Solche Kampagnen gegen den geistigen Diebstahl sind die Neuauflage der Bücherflüche des Mittelalters, mit denen die Strafen der Hölle gegen Diebe und Verfälscher heraufbeschworen wurden.
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Im Jahr 1236, in seiner Vorrede zum "Sachsenspiegel", dem wichtigsten Rechtsbuch des Mittelalters, wünschte Ritter Eike von Repgow all denjenigen Aussatz und Hölle, die sein Werk entstellen - heute würde man sagen: die es überschreiben und remixen. Remixen ist natürlich auch eine Leistung. Kritiker des Urheberrechts beklagen daher, dass das Urheberrecht die Kreativität behindere. Wird die Kreativität des A dadurch befördert, dass B keinen Cent dafür erhält, wenn man sein Werk in Gänze nutzt?
Faktum ist: Das "geistige" Eigentum ist heute so flüchtig wie nie; es bezeichnet nicht nur die darin investierte Substanz, sondern auch den Aggregatzustand dieses Eigentums. Die Versuche vor allem der Musikindustrie, CDs digital zu verplomben, also mit einem technischen Kopierschutz zu versehen (die Mönchen haben einst die Bücher angekettet) sind umstritten und funktionieren nicht zuverlässig.
Einmal geknackt verhält es sich mit dem Kopierschutz wie mit einem gesprungenen Ei. Im übrigen passt es nicht zusammen, wenn einerseits das Kopieren zum privaten (nicht zum gewerblichen!) Zweck vom Gesetz erlaubt wird, aber dem zugleich elektronische Riegel vorgeschoben werden.
Die Kreation des "geistigen Eigentums" entsprang dem Geist der Aufklärung. Als nach der Jahrtausend-Erfindung Gutenbergs der erste große Ruck durch die Kopierlandschaft gegangen war, als immer mehr Nachdrucker von Büchern allen Ernstes behaupteten, sie hätten das Recht zum Nachdruck durch den Kauf eines Exemplars erworben, und als die Autoren- und Druck- Privilegien, welche die Fürsten einigen Autoren und Verlegern gnädig gewährten, keinen zureichenden Schutz boten und immer mehr Nachrucker mit der Leistung von anderen ihre Geschäfte machen - da schrieb Immanuel Kant seine Abhandlungmit dem Titel "Von der Unrechtmäßigkeit des Büchernachdrucks" und wies darin den Verfassern ein "unveräußerliches Recht" zu.
Die Aufklärung verstand das Urheberrecht nicht mehr als Privilegium, das von einem Monarchen, einem Fürsten, einem Fürsten verliehen wird, sondern als Teil eines universellen Persönlichkeitsrechts. Das Werk war ein wirtschaftlich verwertbarer Teil seines Schöpfers; wenn er Glück hatte, konnte er davon leben - und viele Werke wären in den vergangenen zweihundert Jahren nicht entstanden, hätten die Künstler davon nicht ein leidliches Auskommen gehabt.
Wenn künftig Bücher (sie seien, weil die Leipziger Buchmesse beginnt, als Exempel genommen) nichts mehr wert wären, weil es sie im Internet umsonst gibt, dann würden nicht nur Existenzen zerstört, sondern auch die kulturelle Vielfalt. Kulturelles Schaffen wäre dann wieder, wie in der Frühtagen der Kulturgeschichte, allein auf die Gunst von Mäzenen angewiesen. Damit endete dann die Aufklärung.
Für Internet-Kommunisten ist das Web die Allmende der Moderne. Die Allmende war früher die Gemeindewiese, die allen gemeinsam gehört hat, auf der also jeder seine Kühe und Schafe grasen lassen konnte. Ein dergestalt freies Internet ist deswegen eine verführerische Idee, weil große Konzerne die Kultur und das, was sie dafür halte, immer stärker feudalisieren und monopolisieren.
Aber das ist nicht die Schuld des Urheberrechts. Und der Vergleich mit der Allmende hinkt: In einem völlig freien Internet mit freiem Zugriff für alle wäre es ja so, dass nicht nur die Wiese sondern auch die Kühe und Schafe, die dort stehen, allen gehören. Derjenige, der nur diese eine Kuh hat, verhungert aber dann.
Ab und an haben auch Künstler etwas von der Allmende: Goethe wäre seinerzeit nicht so rasend schnell bekannt geworden, wenn sein "Werther" nicht wie wild illegal nachgedruckt worden wäre. Etliche Musikstars akzeptieren heute die Raubkopien, um so mehr Marktwert zu generieren. In Einzelfällen funktioniert das, in der Masse nicht.
Der freie Zugang zu digitalen Daten sei, so heißt es, auch eine soziale und politische Frage: Information sei nun einmal der Sauerstoff der Demokratie! Das ist richtig. Das Urheberrecht hat aber noch niemals bloße Informationen geschützt; Informationen als solche waren und sind nicht exklusivierbar.
Das Urheberrecht verhindet nicht den Austausch von Informationen, es reserviert nicht Wissen für einzelen Personen - es schützt nur die besondere Verarbeitung und Gestaltung, es schützt das Werk, das daraus gemacht wird - und es gibt auch hier der Allgemeinheit reichliche Nutzungsmöglichkeiten. Das Urheberrecht ist der Sauerstoff des Internets.
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(sueddeutsche.de)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Den NUTZER umweht, wie in den Frühzeiten des Internets, offenbar immer noch ein Hauch des besseren Wesens, der, frei und unabhängig, Höheres schafft, besonders bei massenhaftem Auftreten, während der Rechteinhaber vom Geiz besessen argwöhnisch auf seinem angesammelten Zeugs sitzt, dass die NUTZER (besonders die COMMUNITY) natürlich zu purem Gold spönnen, wenn man sie nur ranliesse.
Die Motivation dahinter ist, auch wenn es von selbsternannten Welterneuerern anders verkündet wird und sich manchmal auch anders anfühlt, KAPITALISTISCH.
Etwas kostenloses bedeutet praktisch Mehrwert auf der Festplatte und gespartes Geld in der Tasche des Empfängers. Irgend jemand muss letztlich dafür in seine eigene Tasche greifen. Nicht einmal das Internet selbst ist kostenlos, seine Infrastruktur und die treibende Elektrizität sind nicht umsonst zu haben.
Die Idee des balancierten Gebens und Nehmens muss schon deshalb scheitern, weil der Bäckermeister zwar kaum so lieblich die Laute schlägt wie der MP3-komprimierte Musiker, dafür leckeren Brötchen knetet, diese im Gegenzug allerdings NICHT kostenlos verfügbar macht.
Die Propheten einer besseren Welt durch gänzlich freien Zugang zu digitalen Daten fallen meist besonders dadurch auf, dass sie (üblicherweise mit den digitalen Daten anderer) schönes Geld verdienen am Massendurchfluss.
Akzeptanz findet der Akt des durch den Rechteinhaber nicht erlaubten Kopierens auch nur durch die MASSENhafte Ausübung des solchen. 15-jährigen Kopierjunkies würde überhaupt kein gesellschaftliches Mitspracherecht zugestanden, wären da nicht die Eltern, die die Strafe zu zahlen haben, und denen deshalb plötzlich einfällt, dass die Rechte anderer kaum soviel wert sein können.
Ein ewigspielender MP3-Player ist prima, besonders, wenn die tausenden Stunden Unterhaltung darauf einen NICHTS kosten. Die Erdenker und Erzeuger der Musik werden ja schon irgendwie ihr täglich Brot beziehen.
Maximierter Kapitalismus ist das, nichts anderes.
Werk Scheiße/Autor Trottel
In die schon sehr vollständig Diskussion möchte ich lediglich zwei weitere Gedanken einbringen:
Erstens: Einen Artikel mit einem Interview von Boris Groys aus 2004 (einfach mal Boris Groys + Zeitung googeln) über das Original und die Kopie. Essenz: Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Original (dem kulturellen Ereignis) und seiner Kopie. Viele Musiker z.B. verdienen mittlerweile mehr und schneller durch Live-Konzerte als durch den Verkauf von Kopien ihrer Werke.
Zweitens: The Long Tail, ebenfalls 2004 geschrieben, jetzt auch auf Deutsch erschienen, eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung darüber, wie sich Absatzmärkte durch das Internet verändern. Essenz: Weil das Web einen Vertriebsweg darstellt, der bei erschwinglichen Produktionskosten auch Lagerhaltungs- und Kommunikations/Werbekosten minimiert, eröffnet es Selbstständigen (auch Künstlern) eine Perspektive, die auf Grundlage klassischer Geschäftsmodelle nie funktioniert hätten, und die nun durch das Web attraktiv werden. Diese These widerspricht der Ihren diametral: Das Internet ist nicht nur keineswegs das Ende der Kultur, sondern ihre Vervielfältigung ins Unendliche, weil es die Menschen unabhängig macht von den Produktions- und Vertriebshürden unserer so genannten Hitkultur.
Also auch von der Aufmerksamkeit durch Leitmedien. Vielleicht ist genau das Ihre Angst, lieber Herr Prantl. Aber seien Sie unbesorgt: Leitmedien wird es immer geben, auch mit dieser Seuche Internet. Vorausgesetzt, Leitmedien erkennen die Zeichen der Zeit, lieber Herr Prantl und ziehen die richtigen Schlüsse.
Ein schönes Beispiel: An den ganzen Kommentaren, die mengenmäßig den Originalartikel bei weitem übertreffen und in großen Teilen auch fachlich und was die Recherchen betrifft, dem Original mindestens ebenbürtig sind, sieht man den wahren Ursprung intellektueller Güter. Die objektive Wahrheit mal, aufgrund mangeknder Existenz, aussen vorgelassen. Tatsache ist, dass das ganze intellektuelle "Kapital" in Form der Kommentare hier völlig frei und unentgeltlich produziert wurde. Merken sie was Herr Prantl? Es brauch kein Urhebergesetz, damit hochwertige intellektuelle Güter geschaffen werden. Es benötigt nur die ureigenen Bedürfnisse der Menschen nach Wissensdrang und Kommunikatiobnsbedürfnis...
Das klingt wie das Lamento eines Autors, der die Interessen seines Standes verteidigt; wie das Klagelied eines Journalisten, der der Exklusivität des gedruckten Wortes nachtrauert; wie der Vertreter einer Zeitung, die sich nur schwer mit den Segnungen des weltweiten Datennetzes anfreunden kann. Mir ist noch gut in Erinnerung wie die Süddeutsche Zeitung ihren eigenen Untergang wegen wegbrechender Anzeigenkunden heraufbeschwor. Dass der Abgesang verfrüht war, erkennt man schon am Kaufinteresse der vielgescholtenen Heuschrecken, denen das Blatt ein kleines Vermögen wert wäre. Nicht zuletzt spricht aus den Worten des Autors der Staatsjurist, der das Urheberrecht als unantastbar begreift. So weit so gut.
Doch Weinen und Wehklagen werden den technischen Fortschritt nicht rückgängig machen. Man sieht, dass Zeitungen wie Welt, FAZ, NZZ oder wie sie auch immer heißen mögen OFFENSIV mit ihren schöpferischen Leistungen umgehen, sie geradezu flächendeckend im Internet verschenken! "Web first" lautet der Schlachtruf, der über Wohl und Wehe der Zeitungshäuser entscheidet. Die Zeitung mit dem besten, attraktivsten und vollständigsten Angebot im Internet hat auch die meisten "Klicks" und erzielt die höchsten Werbeeinnahmen - vom gestiegenen Renomme ganz zu schweigen.
Dass die fehlende Exklusivität der Print-Artikel keineswegs das Ende der Tageszeitung bedeutet, ersieht man aus den unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und am Bedürfnis vieler Menschen, das zurückliegende Tagesgeschehen in aller Ruhe bei einem Tässchen Kaffee nachzubetrachten, einzuordnen und genüsslich von Seite zu Seite zu blättern, fernab von grellen Computermonitoren und surrenden Laufwerken. Darin liegt das sinnliche am Zeitunglesen, das ich auch in Zukunft nicht missen möchte. Was ist schon ein Online-Artikel gegen die übersichtlichkeit und Handlichkeit einer gedruckten Zeitung?
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