Das Internet hat den Kommunismus wieder eingeführt - zulasten der Schöpfer geschützter Werke. Der freie Zugang zu digitalen Daten ist der Sauerstoff der Demokratie. Weil das Urheberrecht trotz seiner Schutzfunktion der Allgemeinheit reichliche Nutzungsmöglichkeiten gibt, ist es der Sauerstoff des Internets.
"Wer Bücher stiehlt, in dessen Hand soll sich das Buch in eine reißende Schlange verwandeln. Der Schlagfluss soll ihn treffen und all seine Glieder lähmen. Laut schreiend soll er um Gnade winseln, und seine Qualen sollen nicht gelindert werden, bis er in Verwesung übergeht. Bücherwürmer sollen in seinen Eingeweiden nagen."
Anzeige
(Inschrift in der Bibliothek des Klosters San Pedro in Barcelona)
Das Kopieren begann einst in den Skriptorien der Klöster, kopiert wurde mit Vogelfeder und Rußtusche, Buchstabe für Buchstabe. Es war ein mühseliges Geschäft, aber es galt nicht als Geschäft, sondern als Kontemplation, als eine andere Form des Gebets. Heute ist Kopieren zum Kinderspiel geworden.
Texte, Bilder, Musikstücke und ganze Spielfilme aus dem Netz herunter zu laden, also in bester Qualität zu kopieren, dauert nur ein paar Mausklicks. Die Gerätschaften dafür, vor ein paar Jahren noch sündteuer, sind Massenartikel geworden. Das perfekte Filmkopierwerk, so klagt es der Justitiar von Verdi, der in seiner Gewerkschaft die Künstler vertritt, ist heute ein Spielzeug fürs Kinderzimmer.
Die Mönche würden staunen; für sie wäre das ein Fall für die Inquisition. Die Schriftsteller, Komponisten und Filmemacher sehen das so ähnlich und erst recht die Verlags-, Musik- und Filmindustrie, die auf gewerblichen Exklusivrechten aufbaut; das Internet funktioniert in ihren Augen wie eine gigantische Enteignungsmaschinerie.
Das Internet hat - zulasten der Schöpfer geschützter Werke und zu Lasten der Wissens- und Unterhaltungsindustrie, die den Kreativen die Nutzungsrechte abgekauft hat - den Kommunismus wieder eingeführt. Jeder bedient sich dort nach seinen Bedürfnissen - zumeist umsonst. Die Urheber schauen, wie man in Bayern sagt, mit dem Ofenrohr ins Gebirge. Nur den Befriedigern sexueller Bedürfnisse ist es gelungen, für die Nutzung ihrer Angebote im World Wide Web gutes Geld zu kassieren. Sex sells, auch im Internet.
Das Urheberrecht, das den Urhebern einen Verdienst an ihren Werken sichern soll, zerbröselt im Internet, es wird zerrieben in Tauschbörsen, die ihre Namen schneller ändern, als Chamäleons ihre Farben. Diese Umschlagplätze für Raubgut und Pirateriewaren hießen Napster und Grokster, sie heißen Limewire und Edonkey.
Die Zahl illegaler Downloads wird auf monatlich eine Milliarde geschätzt, neun Millionen Menschen sitzen angeblich jeden Tag am Computer und nutzen die Internet-Tauschbörsen, auf denen es alles gibt, was der Mensch geschaffen hat und was in Einsen und Nullen zerlegbar und kopierbar ist. In den ersten dreißig Tagen nach dem Kinostart der Romanverfilmung "Da Vinci Code" wurde der Film als illegale Raubkopie aus dem Internet zwei Millionen Mal heruntergeladen.
Die Film- und Musikindustrie rennt dagegen an wie Don Quichotte gegen die Windmühlen. Ein Erfolg der Milliarden-Klage, die der Fernsehkonzern Viacom gegen Google/Youtube vor einem US-Gericht erhoben hat, könnte vielleicht den globalen Verfall des Unrechtsbewußtsein beim Kopieren geistigen Eigentums noch stoppen. Bei YouTube sind (an sich urheberrechtsgeschützte, aber von YouTube nicht bezahlte) Filmclips das Lockmittel und der Rahmen für die Werbung, mit denen YouTube sein Geld verdient.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
In der Krise wird der Norden zum Zuchtmeister des Südens – dabei könnte er manches von ihm lernen. Jetzt lesen ...
Ungewöhnliche Energiegewinnung
Den NUTZER umweht, wie in den Frühzeiten des Internets, offenbar immer noch ein Hauch des besseren Wesens, der, frei und unabhängig, Höheres schafft, besonders bei massenhaftem Auftreten, während der Rechteinhaber vom Geiz besessen argwöhnisch auf seinem angesammelten Zeugs sitzt, dass die NUTZER (besonders die COMMUNITY) natürlich zu purem Gold spönnen, wenn man sie nur ranliesse.
Die Motivation dahinter ist, auch wenn es von selbsternannten Welterneuerern anders verkündet wird und sich manchmal auch anders anfühlt, KAPITALISTISCH.
Etwas kostenloses bedeutet praktisch Mehrwert auf der Festplatte und gespartes Geld in der Tasche des Empfängers. Irgend jemand muss letztlich dafür in seine eigene Tasche greifen. Nicht einmal das Internet selbst ist kostenlos, seine Infrastruktur und die treibende Elektrizität sind nicht umsonst zu haben.
Die Idee des balancierten Gebens und Nehmens muss schon deshalb scheitern, weil der Bäckermeister zwar kaum so lieblich die Laute schlägt wie der MP3-komprimierte Musiker, dafür leckeren Brötchen knetet, diese im Gegenzug allerdings NICHT kostenlos verfügbar macht.
Die Propheten einer besseren Welt durch gänzlich freien Zugang zu digitalen Daten fallen meist besonders dadurch auf, dass sie (üblicherweise mit den digitalen Daten anderer) schönes Geld verdienen am Massendurchfluss.
Akzeptanz findet der Akt des durch den Rechteinhaber nicht erlaubten Kopierens auch nur durch die MASSENhafte Ausübung des solchen. 15-jährigen Kopierjunkies würde überhaupt kein gesellschaftliches Mitspracherecht zugestanden, wären da nicht die Eltern, die die Strafe zu zahlen haben, und denen deshalb plötzlich einfällt, dass die Rechte anderer kaum soviel wert sein können.
Ein ewigspielender MP3-Player ist prima, besonders, wenn die tausenden Stunden Unterhaltung darauf einen NICHTS kosten. Die Erdenker und Erzeuger der Musik werden ja schon irgendwie ihr täglich Brot beziehen.
Maximierter Kapitalismus ist das, nichts anderes.
Werk Scheiße/Autor Trottel
In die schon sehr vollständig Diskussion möchte ich lediglich zwei weitere Gedanken einbringen:
Erstens: Einen Artikel mit einem Interview von Boris Groys aus 2004 (einfach mal Boris Groys + Zeitung googeln) über das Original und die Kopie. Essenz: Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Original (dem kulturellen Ereignis) und seiner Kopie. Viele Musiker z.B. verdienen mittlerweile mehr und schneller durch Live-Konzerte als durch den Verkauf von Kopien ihrer Werke.
Zweitens: The Long Tail, ebenfalls 2004 geschrieben, jetzt auch auf Deutsch erschienen, eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung darüber, wie sich Absatzmärkte durch das Internet verändern. Essenz: Weil das Web einen Vertriebsweg darstellt, der bei erschwinglichen Produktionskosten auch Lagerhaltungs- und Kommunikations/Werbekosten minimiert, eröffnet es Selbstständigen (auch Künstlern) eine Perspektive, die auf Grundlage klassischer Geschäftsmodelle nie funktioniert hätten, und die nun durch das Web attraktiv werden. Diese These widerspricht der Ihren diametral: Das Internet ist nicht nur keineswegs das Ende der Kultur, sondern ihre Vervielfältigung ins Unendliche, weil es die Menschen unabhängig macht von den Produktions- und Vertriebshürden unserer so genannten Hitkultur.
Also auch von der Aufmerksamkeit durch Leitmedien. Vielleicht ist genau das Ihre Angst, lieber Herr Prantl. Aber seien Sie unbesorgt: Leitmedien wird es immer geben, auch mit dieser Seuche Internet. Vorausgesetzt, Leitmedien erkennen die Zeichen der Zeit, lieber Herr Prantl und ziehen die richtigen Schlüsse.
Ein schönes Beispiel: An den ganzen Kommentaren, die mengenmäßig den Originalartikel bei weitem übertreffen und in großen Teilen auch fachlich und was die Recherchen betrifft, dem Original mindestens ebenbürtig sind, sieht man den wahren Ursprung intellektueller Güter. Die objektive Wahrheit mal, aufgrund mangeknder Existenz, aussen vorgelassen. Tatsache ist, dass das ganze intellektuelle "Kapital" in Form der Kommentare hier völlig frei und unentgeltlich produziert wurde. Merken sie was Herr Prantl? Es brauch kein Urhebergesetz, damit hochwertige intellektuelle Güter geschaffen werden. Es benötigt nur die ureigenen Bedürfnisse der Menschen nach Wissensdrang und Kommunikatiobnsbedürfnis...
Das klingt wie das Lamento eines Autors, der die Interessen seines Standes verteidigt; wie das Klagelied eines Journalisten, der der Exklusivität des gedruckten Wortes nachtrauert; wie der Vertreter einer Zeitung, die sich nur schwer mit den Segnungen des weltweiten Datennetzes anfreunden kann. Mir ist noch gut in Erinnerung wie die Süddeutsche Zeitung ihren eigenen Untergang wegen wegbrechender Anzeigenkunden heraufbeschwor. Dass der Abgesang verfrüht war, erkennt man schon am Kaufinteresse der vielgescholtenen Heuschrecken, denen das Blatt ein kleines Vermögen wert wäre. Nicht zuletzt spricht aus den Worten des Autors der Staatsjurist, der das Urheberrecht als unantastbar begreift. So weit so gut.
Doch Weinen und Wehklagen werden den technischen Fortschritt nicht rückgängig machen. Man sieht, dass Zeitungen wie Welt, FAZ, NZZ oder wie sie auch immer heißen mögen OFFENSIV mit ihren schöpferischen Leistungen umgehen, sie geradezu flächendeckend im Internet verschenken! "Web first" lautet der Schlachtruf, der über Wohl und Wehe der Zeitungshäuser entscheidet. Die Zeitung mit dem besten, attraktivsten und vollständigsten Angebot im Internet hat auch die meisten "Klicks" und erzielt die höchsten Werbeeinnahmen - vom gestiegenen Renomme ganz zu schweigen.
Dass die fehlende Exklusivität der Print-Artikel keineswegs das Ende der Tageszeitung bedeutet, ersieht man aus den unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und am Bedürfnis vieler Menschen, das zurückliegende Tagesgeschehen in aller Ruhe bei einem Tässchen Kaffee nachzubetrachten, einzuordnen und genüsslich von Seite zu Seite zu blättern, fernab von grellen Computermonitoren und surrenden Laufwerken. Darin liegt das sinnliche am Zeitunglesen, das ich auch in Zukunft nicht missen möchte. Was ist schon ein Online-Artikel gegen die übersichtlichkeit und Handlichkeit einer gedruckten Zeitung?
Paging