Ureinwohner-Porträts von Jimmy Nelson "Anmaßender Quatsch"

Ob die Einwohner Vanuatus im Pazifik tatsächlich so martialisch auftreten wie auf Jimmy Nelsons Porträt? Vertreter indigener Völker bezweifeln das.

(Foto: Jimmy Nelson Pictures BV, www.beforethey.com )
  • Vertreter indigener Völker kritisieren den Fotografen für seine Porträts von Ureinwohnern.
  • Jimmy Nelsons Bilder seien abscheulich und die Tatsache, sie würden aussterben, falsch, heißt es.
  • Nelson weist die Kritik zurück.

Mit seinem Bildband "Before They Pass Away" will Jimmy Nelson an indigene Völker erinnern, die kurz vor dem Aussterben stehen. Zumindest nach seinem Empfinden fallen darunter die Himba in Namibia, die Waorani in Ecuador oder die Ureinwohner Vanuatus. Die Porträts sind beeindruckend, wirken aber oft gestellt (hier lesen Sie die Rezension).

Bevor sie aussterben

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Genau dieses Inszenierte wird dem britischen Fotografen nun vorgeworfen. Die Kritik kommt von führenden Vertretern der Volksstämme - und von Stephen Corry, Direktor der Hilfsorganisation Survival, die sich um indigene Völker kümmert. Corry bezeichnet Nelsons Aufnahmen als "anmaßenden Quatsch".

Nelsons Bildband erwecke einen falschen und schädlichen Eindruck von indigenen Völkern, heißt es auf der Website der Organisation. Die Aufnahmen erinnerten eher an High Fashion als an die Realität. In einem Aufsatz im US-Magazin Truthout widerspricht Corry zudem Nelsons Behauptung, die Bilder seien das unverrückbare ethnografische Dokument einer fast ausgestorbenen Welt. Das sei schlicht "falsch", "aus so ziemlich jedem Blickwinkel", heißt es.

Corry fügt hinzu, dass einige der Bilder der Fantasie des Fotografen entsprungen seien und tatsächlich wenig mit dem realen Leben der Menschen zu tun hätten. So seien die Waorani-Mädchen aus Ecuador, die Nelson lediglich mit Feigenblättern über dem Schambereich zeigt, normalerweise angezogen. Selbst frühere Generationen hätten nie Feigenblätter getragen, sondern eine einfache Taillenschnur, so Corry weiter.

Kritik von Vertretern der Volksstämme

Er ist nicht der Einzige, der dem Fotografen eine verfälschende Darstellung vorwirft. Auch Anführer mehrerer Stämme, die Nelson fotografiert hat, mischen sich dem Guardian zufolge in die Debatte ein. Davi Kopenawa, Sprecher des brasilianischen Volkes der Yanomami, sagte in London: "Ich sah die Fotos und ich mochte sie nicht. Dieser Mann will in den Bildern nur seine eigenen Vorstellungen verewigen, sie in Büchern veröffentlichen und jedem zeigen, was für ein großartiger Fotograf er ist. Aber er macht mit den indigenen Völkern, was er will. Es stimmt nicht, dass indigene Völker aussterben. Wir werden noch lange Zeit auf der Welt sein, unser Land verteidigen und weiterhin Kinder zeugen", zitiert ihn das Blatt.

Ebenso falsch soll Nelson bei dem Dani-Volk aus Papua-Neuguinea liegen, dessen Mitglieder er als Kopfjäger bezeichnet. "Mein Volk ist immer noch stark und wir kämpfen für unsere Freiheit. Wir sterben eben nicht aus, sondern werden von indonesischen Soldaten umgebracht. Das ist die Wahrheit", sagte deren Anführer Benny Wanda dem Bericht zufolge.

Nixiwaka Yawanawá aus Brasilien geht noch weiter: "Als Stammesmensch fühle ich mich von Jimmy Nelsons Bildern beleidigt. Es ist abscheulich! Wir sterben nicht aus, sondern versuchen, zu überleben. Die industrialisierte Gesellschaft versucht, uns im Namen des Fortschritts auszurotten, aber wir werden unser Land verteidigen und zum Schutz des Planeten beitragen", protestierte er vor dem Gebäude in London, in dem Nelsons Ausstellung noch bis Mitte November zu sehen ist.

Nelson weist Kritik zurück

Und Nelson selbst? Der weist die Kritik ziemlich gelassen zurück. Der Guardian zitiert ihn mit den Worten: "So sehe ich die Welt. Ich möchte damit die Vielfalt und Wichtigkeit indigener Völker betonen. Ja, es ist idealistisch. Indigene Völker werden oft als verarmt dargestellt (von Organisationen wie Survival). Aber sie sind wohlhabend und stolz. Es geht nicht nur um materiellen Besitz. Ich habe mit meinen Bildern eine sehr persönliche, ästhetische Perspektive gewählt. Und unterschiedliche Menschen können die interpretieren, wie sie wollen."

Aller Kritik zum Trotz setzt Nelson die Ausstellung seiner Bilder fort; von 7. November an wird sie Brüssel zu sehen sein, danach tourt sie weiter nach New York, Stockholm und schließlich Berlin.

Die Porträts sind käuflich zu erwerben und können bis zu 55 000 Euro kosten. Nelson hat aber nicht die Absicht, den Erlös den indigenen Völkern zukommen zu lassen. Zumindest nicht in monetärer Form: "Geld wird nicht bezahlt. Man bietet Essen an, ein rituelles Fest mit einer Ziege oder Kuh", sagte er im Guardian. In den kommenden Jahren wolle er mit einem Filmteam zu den Stämmen zurückkehren und sie fragen, ob er mit seiner Darstellung richtig lag. Hinter den Anschuldigungen von Survival International vermute er Kalkül, sagte Nelson dem Blatt, aber: "Wir versuchen beide, dasselbe zu bewahren."