Uraufführung von "Mein Kampf" in Weimar Wie man mit Giftmüll umgeht

Die Schauspieler Matthias Hageböck (links) und Volkan Türeli vom Berliner Theaterkollektiv Rimini Protokoll während der Fotoprobe zu "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2".

(Foto: dpa)

Adolf Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" auf einer Theaterbühne - das könnte schiefgehen. Tut es aber nicht. Die Aufführung in Weimar reduziert einen Fetisch auf einen Alltagsgegenstand.

Von Jens Bisky, Weimar

Adolf Hitlers Hetzschrift auf der Theaterbühne - funktioniert das?

Das funktioniert sehr gut, weil das Theaterkollektiv Rimini Protokoll nicht Hitler und "Mein Kampf" ins Zentrum der Aufführung stellt. Sondern sechs Menschen von heute und ihre Erfahrungen mit der Hetzschrift, deren ersten Band Hitler während der Haft in Landsberg schrieb. Sie berichten in kurzen Dialogen von ihren Recherchen und Erlebnissen, die zunächst oft kurios wirken.

Der Abend beginnt mit Sibylla Flügge, die 1965 - sie war damals 14 - das Buch bei einem Händler entdeckte und es las, weil sie die jüngste deutsche Geschichte verstehen wollte. Sie fertigte einen Auszug aus dem Buch und schenkte diese Arbeit ihren Eltern zu Weihnachten. Der israelische Jurist Alon Kraus las Hitlers Buch, stark geschönte Autobiografie und politisches Manifest in einem, zuerst in einer amerikanischen Bibliothek. Seine Großeltern waren 1938 aus Wien geflohen. In Tel Aviv dann las der Jurist die hebräische Ausgabe von "Mein Kampf" - und so wird auf der Bühne die Debatte in der Knesset nachgestellt: Soll man in Israel das Machwerk drucken? In der hebräischen Ausgabe vermisst Alon Kraus die Jugendgeschichte Adolf Hitlers. Da kann ihm Volkan T Error, der Wegbereiter des türkischen Hip Hop in Deutschland, helfen: Er hat aus der Türkei eine Manga-Fassung von "Mein Kampf" mitgebracht. Sie zeigt das Heranwachsen des kleinen Adolfs aus Braunau am Inn.

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So funktioniert diese Aufführung. Sie erzählt viele kleine, kuriose, interessante Geschichten, nicht aber die Biografie Hitlers oder den Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung. Dieser Theaterabend handelt von uns und unserem Umgang mit der Geschichte. Dadurch vermeidet sie die peinliche, ärgerliche Überhöhung Hitlers, den geschichtspornografischen Kitsch.

Wer inszeniert?

Rimini Protokoll - das sind Helgard Haug und Daniel Wetzel, die seit vielen Jahren gemeinsam Formen des Dokumentartheaters erproben. Wahrscheinlich sind sie auf diesem Feld derzeit die Besten in Deutschland. Sie suchen nach einer Form für reale Geschehnisse und arbeiten dafür mit Experten des Alltags zusammen: In diesem Fall mit einem Buchbinder und -restaurator, mit dem von Geburt an blinden Musikliebhaber Christian Spremberg - 1933 wurde eine eigene Ausgabe von "Mein Kampf" in Blindenschrift erstellt -, der jungen Juristin Anna Gilsbach, die sich mit dem Urheberrecht und den Paragrafen zur Volksverhetzung bestens auskennt und eben dem Israeli Alon Kraus, der Frauenrechtlerin Sibylla Flügge und dem Hip-Hop-Poeten Volkan T Error. Die Mischung garantiert Überraschungen.