Uraufführung Netz-Primaten

Im falschen Leben leben: Daniel Scholz, Josephine Köhler, Bettina Langehein (vorn)

(Foto: Marion Bührle)

"Life Is Loading" am Theater Nürnberg

Von Florian Welle, Nürnberg

Der Mensch, die Krone der Schöpfung? Nicht bei Julia Prechsl. Nach Ansicht der Regisseurin, Absolventin der Theaterakademie August Everding und mit ihren Inszenierungen bereits zweimal auf den Bayerischen Theatertagen vertreten, entwickeln wir uns zurück. Erst reiht sie die vier Schauspieler in der Blue Box so auf, wie man das von den Evolutionsdarstellungen kennt: Aus einem Primaten wird allmählich der Mensch mit aufrechtem Gang. Als letzter in der Reihe krümmt Janco Lamprecht schließlich seinen Rücken, schiebt den Kopf nach vorn und macht mit den Händen Tippbewegungen. Willkommen im Computerzeitalter, das uns alle wieder tierisch verformt.

"Life Is Loading" hat das polnische Autoren-Duo Mariusz Więcek und Jerzy Wójcicki sein Stück über die Digital-Junkies von heute genannt und damit im vergangenen Jahr den Internationalen Dramenwettbewerb "Talking about Borders" gewonnen. Die Sieger erhalten ein Preisgeld und obendrein gibt es die Uraufführung am Nürnberger Staatstheater. Junge Autoren plus junge Regisseurin und junge Schauspieler stehen für die Glaubwürdigkeit in Sachen Generation Facebook.

Ältere haben womöglich einen besorgteren bis verbitterteren Blick auf Shitstorms, Cyber-Stalking und Datenklau. Nicht so Więcek, Wójcicki und Co. Zwar sehen sie die Gefahren durchaus. Doch Untergangsstimmung mag sich nicht wirklich einstellen, gibt es doch kein Zurück. Und so stellen sie die Entwicklungen unserer vernetzten Gesellschaft, von denen wir nicht wissen, wo sie noch hinführen werden, in acht höchst lose miteinander verbundenen Szenen mit Obertiteln wie "Greed" und "Intuition" lieber mit Humor aus, anstatt ihnen mit Schärfe zu Leibe zu rücken. Der kann dann schon einmal in der eingangs beschriebenen Pantomime gipfeln. Hübsch!

Ob die relativ entspannte Haltung angesichts von Fake News, Populismus und Big Data angebracht ist, mag dahingestellt sein. Auf jeden Fall generiert sie einen über weite Strecken unangestrengten Theaterabend ansehnlicher Verrücktheiten. Die Bühne ist durch eine Leinwand zweigeteilt. Hinten ist Virtual Reality angesagt, die Aktionen der allesamt tollen Schauspieler werden dort via Kamera auf die Leinwand projiziert.

Vorne spielt das (vermeintlich) wahre Leben. Da gibt es Daniel Scholz als nervlich abgewirtschafteten Nerd-Stalker. Da mimt Janco Lamprecht den meist unverwüstlich vor sich hin schwadronierenden Philosophen Slavoj Žižek, ein Auftritt, der in der Hülse vom "fascinating terror of virtuality" gipfelt. Und wirklich wunderschön absurd ist dann, wie die putzmuntere Bettina Langehein im Fliegenkostüm mehrmals gegen die Wand donnert. Wer mag, kann dies symbolisch lesen.

Manches hingegen - etwa der nachgestellte Theaterbesuch von Schülern, Abonnenten und Intellektuellen samt anschließender Forumsdebatte im Internet - ist ziemlich läppisch. Es wird an diesem Abend viel mit Popcorn geschmissen -, aber ein paar Momente erwischen einen trotzdem eiskalt. Wie das Leben im Cyberspace gerade die Jungen auf der Suche nach Liebe aushöhlt, muss jeder kapieren, der Josephine Köhler als gehässig-frustrierte Skyperin sieht. Ein Internet-Zombie mit leeren Augen.