Unterhaltungskünstler Friedrich Liechtenstein Großmeister der Ironie

"72 ist kein gutes Alter für einen Gogo-Tänzer": Friedrich Liechtentein bei einem Auftritt in Berlin.

(Foto: dpa)

In Berlin gehört Friedrich Liechtenstein schon länger zum Personal der Gegenwart. Ein Edeka-Werbespot machte ihn berühmt. Auf seinem neuen Album feiert er Bad Gastein und beweist: Er hat allen Ruhm verdient.

Von Jens-Christian Rabe

Wenn auf demselben Fleck der Welt zu viele Menschen wohnen, deren Vorstellungen vom guten und richtigen Leben in den Augen der meisten Drumherumwohnenden schon zwei, drei Ironieschleifen zu viel hinter sich haben, mindestens, dann kann man ziemlich sicher sein, dass es sich um Berlin-Mitte handelt. Oder um jenen Ort, der diese Mitte eben gerade wieder sein soll. Das ist womöglich auch mal Friedrichshain, Kreuzberg, Kreuzkölln oder Neukölln, man muss sich die Mitte dieser Stadt ja wie eine kleine Wanderdüne vorstellen.

Über diese Mitte also, dieses seltsam verhasste Soziotop voller bärtiger Männer in engen Hosen, voller "Hipster", die unverschämterweise für viele so aussehen, als hielten sie sich für was Besseres, Informierteres, Gegenwärtigeres - über diese Mitte durfte sich in den vergangenen zehn Jahren noch die letzte Schlaumeierflitzpiepe lustig machen, gerne aus der Ferne.

Davon, was in Mitte immer so passiert, waren und sind selbstverständlich alle besessen - um es dann doch jedes Mal wieder schlaumeierflitzpiepenhaft, also demonstrativ ungerührt zu verwerfen.

Als "Schmuckeremit" bewohnt er den Showroom eines Brillenherstellers

So sieht es aus - und dann gab es plötzlich die unerhörte Begebenheit. Und jetzt hat genau diese ungeliebte Hipster-Mitte, dieses arbeitsscheue, hedonistische, verträumte Ironie-Internat ohne Hausaufgaben im Herzen der Hauptstadt seinen ersten echten Star hervorgebracht: Friedrich Liechtenstein.

Ja, der schon etwas ältere mollige Typ mit Anzug und weißem Vollbart, der in der mittlerweile im Netz mehr als 20 Millionen Mal angesehenen Edeka-Werbung vollendet ironisch, also fabelhaft souverän, cool und elegant-tänzelnd alles "supergeil" findet, die Fritten, den Dorsch, das Klopapier und so weiter.

Der Friedrich Liechtenstein, der wohl 1956 als Hans-Holger Friedrich in Eisenhüttenstadt geboren wurde, der lange ein erfolgloser Schauspieler und Puppenspieler war und der in Mitte bis zur Edeka-Werbung viele Jahre lang schon dieser unnachahmlich lässig-ironische Entertainer Friedrich Liechtenstein gewesen ist, der Kinky King von Mitte, der als "Schmuckeremit" den Showroom eines Brillenherstellers bewohnt und mehr oder weniger nur den feinen Neo-Dandy-Zwirn besitzt, den er eben gerade so anhat.

Ziemlich leichtfüßig

Sein jetziger Erfolg ist einer der größten anzunehmenden Glücksfälle des Jahres. Für Mitte, für Berlin - und für das ganze restliche Land, oder wenigstens für dessen Popkultur. Und am heutigen Freitag vielleicht noch ein bisschen mehr. Denn es erscheint - vorerst nur digital, eine CD-Veröffentlichung soll folgen - Friedrich Liechtensteins Album "Bad Gastein".

Es ist mithilfe der beiden Berliner Produzenten Carl Schilde und Anselm Venezian Nehls musikalisch ein ziemlich leichtfüßiges Elektro-Disco-Album geworden, voller wunderbar flacher Patsch-Drum-Sounds und graziler Synthie-Effekte, an denen zum Beispiel Falco in den Achtzigerjahren auch schon seine Freude hatte.

Wollte man sich die Stimmung dieser Musik vorstellen, müsste man sich vielleicht ein paar Lichteffekte einer trägen Disco-Kugel auf einer fast leeren, schwach beleuchteten Tanzfläche vorstellen. In einem Musikclub, der seine besten Jahre schon eine gute Weile hinter sich hat. In der Nachsaison. An der italienischen Adria-Küste. Oder eben in Bad Gastein, dem merkwürdigsten aller Alpen-Skiorte, weil sich dort Winter-Massentourismus und riesige leer stehende Belle-Époque-Luxus-Kurhotels so glamourös trostlos gegenüberstehen.

Bad Gastein wiederum versucht sich gerade deswegen für die Hipster Mitteleuropas neu zu erfinden und hat es sich nicht entgehen lassen, Liechtenstein zum Helden seiner recht aufwendigen aktuellen Werbebroschüre zu machen, die in ihrer Mischung aus luxuriösem Hochglanz und ironischer Anbiederung ein bizarres Dokument zeitgenössischen Zielgruppenfischfangs ist, aber dazu später noch ein Wort.