Talentsuchern geht es immer nur ums große Geld - der Zusammenbruch von Susan Boyle stellt nun millionenschwere Karrierepläne in Frage.
Für die einen hat sich der hässliche "haarige Engel" zu einem rührseligen "Engel der Tränen" gewandelt, der Mitleid heischt und verdient. Andere unterstellen, dass da eine vorgeblich naive Unschuld vom Lande zur geistesgestörten Größenwahnsinnigen mutiert ist, die besser weggeschlossen gehört. Ausgebeutetes Opfer oder ausgekochte Ränkeschmiedin - an der schottischen Hausfrau Susan Boyle scheiden sich die Geister.
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Begeisterte Susan Boyle-Fans mit Masken beim Finale von "Britain´s Got Talent". (© Foto: afp)
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Wurde sie von Ehrgeiz und dem Traum von einer Weltkarriere getrieben, als sie in der Talentshow "Britain's Got Talent" vorsang? Oder stolperte sie eher zufällig in den Wettbewerb, nur um von Programmmachern und Agenten ausgenutzt zu werden?
Eine Antwort auf diese Fragen wird es wohl so schnell nicht geben, denn vorerst bleibt Susan Boyle dem gierigen Blick der Öffentlichkeit entzogen. Ihre Ärzte raten, dass sie vorsichtshalber drei Wochen in der teuren Londoner Privatklinik "The Priory" beobachtet werden sollte, in die sie wegen eines offenkundigen Nervenzusammenbruchs nach dem Finale der Show am vergangenen Wochenende eingeliefert worden war.
Damit ist es jedoch zweifelhaft, ob sie an der Talenttournee durch Großbritannien teilnehmen kann, die am 12. Juni in Birmingham beginnt. Und damit steht auch in Frage, ob sie all das Geld wird verdienen können, mit dem Musikproduzenten, Verlage, Filmemacher und Agenten bereits gerechnet hatten. Geplant sind bislang eine US-Tournee, ein Album von Broadway-Hits mit dem tschechischen nationalen Sinfonieorchester, eine Biographie und ein Film über ihr Leben. Sie selbst darf nach Insiderschätzungen in den kommenden zwölf Monaten Einnahmen in Höhe von mehr als fünf Millionen Pfund erwarten; doch dies ist nur ein Bruchteil dessen, was die Unterhaltungsindustrie selbst an ihr verdienen wird.
Knödelnder Schmelztenor
Denn letzten Endes geht es immer nur um das große Geld, auch wenn verharmlosend nur von "Talentshows" die Rede ist. Das war so bei Paul Potts, dem kugelrunden Handyverkäufer, der sich als knödelnder Schmelztenor entpuppte, nachdem er den Wettbewerb vor zwei Jahren gewonnen hatte. Und das war nicht anders beim letztjährigen Sieger, dem Teenietänzer George Sampson. Wichtiger als ihr Talent war, dass die persönliche Geschichte stimmte: Hier der wegen seiner Körperfülle und seiner verkorksten Zähne chronisch schüchterne Allerweltsbürger, dort der aus harten sozialen Verhältnissen stammende Halbwüchsige, der sich sein Taschengeld in Fußgängerzonen ertanzen musste, weil die alleinerziehende Mutter von der Sozialhilfe lebte.
Auch bei Susan Boyle schien alles zu stimmen: eine unattraktive Frau, unscheinbar, unauffällig und - nach eigenem Eingeständnis - in all ihren 48 Lebensjahren ungeküsst. Eine arbeitslose Kirchenhelferin, die alleine mit Katze Pebbles in einem ausgesucht hässlichen grauen Häuschen in der schottischen Kleinstadt Blackburn lebte. Und die das alles vergessen machte, sobald sie den Mund öffnete und zu singen begann.
Einerseits sind solche Aschenputtel-Dramen im Drehbuch der mittlerweile unzähligen Talentshows stets fest eingeplant. Doch wie kometenhaft der Aufstieg Boyles von der altbackenen Jungfer zum bejubelten Weltereignis dann tatsächlich geriet - damit hatten wohl selbst versierte Quotenhaie wie Showmacher Simon Cowell nicht rechnen können: Mehr als 200 Millionen Menschen klickten ihren Auftritt auf Youtube an, Demi Moore outete sich als Fan, Oprah Winfrey und Larry King luden sie zum Interview, ja sogar zum Abendessen mit Barack Obama wurde die Schottin gebeten. "Ich habe mit den größten Stars der Welt zusammengearbeitet", wunderte sich Max Clifford, der seit Jahren Showgrößen als Medienberater vertritt und viel von dem Geschäft versteht. "Aber niemand wurde derart unvermittelt weltberühmt. (...) Von total obskur zu weltberühmt in Sekunden. Niemand weiß, wie man damit umgeht, weil so etwas noch nie zuvor passiert ist."
Gefährliche Warnzeichen
Dass Boyle mit dem Instantruhm nicht umgehen konnte, hätte man vorhersehen können. Immerhin war dem Fernsehsender ITV und der Produktionsgesellschaft "Talkback Thames" bekannt, dass die mitunter schwierige Einzelgängerin Lernschwierigkeiten hatte, weil bei ihrer Geburt die Durchblutung des Gehirns für kurze Zeit unterbrochen war. Hinweise hätte auch ihr merkwürdiges Verhalten auf der Bühne geben können, lange bevor die Boulevardzeitungen über ihre Wutausbrüche hinter der Bühne berichteten.
"Von der ersten Vorstellung an war es offensichtlich, dass sie verwundbar war", erkannte die Verhaltensexpertin Pam Spurr. Der Neurologie-Professor Oliver James aus Oxford pflichtete der Diagnose der Kollegin bei: "Auf einer Ebene ist sie (Susan Boyle) ihrer selbst eigentlich immer unsicher, zweifelt sie an ihrem Talent", meinte er. "Aber auf einer anderen Ebene glaubt sie, dass sie wiedergeborene Maria Callas ist." Er wundere sich nicht, dass Boyle einen Panikanfall erlitt, weil sie das Finale nicht gewonnen hatte.
Boyles Bruder Gerry drückte es deutlicher aus: "Sie geriet in Panik, weil sie nicht wusste, was die Zukunft bringen würde. Es liegen keine Verträge auf dem Tisch, und sie hatte auch nicht richtig mit (Simon) Cowell gesprochen." Letzterer freilich ist die Schlüsselfigur - für Susan Boyle und für das gesamte Showbusiness. Cowells Agentur Syco hat Exklusivrechte an den Gewinnern von Talentshows in Großbritannien und in den USA, und er wird sich nicht die Chance entgehen lassen, den Ruhm des Engels aus Schottland - sei er nun haarig oder tränenreich - zu vergolden. Viel Zeit dafür hat er nicht. In einem Jahr gibt es einen neuen Wettbewerb - und viele neue Talente.
(SZ vom 3.6.2009/bey)
Partyzone Flußufer
In modernen Märchen warten Mädels nicht mehr auf den Prinzen auf dem weißen Ross, der sie wachküsst, sondern auf einen Modelvertrag oder song-contest, der sie berühmt und reich macht...
Die Chance diesen Traum zu leben traf ein Aschenputtel par excelence und man wird es ihr noch heftig übelnehmen, wenn sie die Erwartungen derer, die ihren Traum mitträumen möchten, nicht erfüllt/erfüllen kann. In diesem Fall jedoch wird die Musikindustrie sie sicherlich durch ein anderes Mädel mit Aschenputtel -Attributen aus dem Fokus der medialen Aufmerksamkeit herauskicken - Hauptsache der Traum-stoff reißt nicht ab...
Und das ist Kultur pur!
Ja, auch des Profites wegen (deswegen haben wir ja Kapitalismus). Aber auch um zu spielen. Briten spielen gerne skurile Spiele. Sehen Sie sich das Ascot-Pferderennen an, bei dem die Frauen ganze Pfauen auf ihren Hüten spazieren tragen. Dabei geht es eigentlich nur um's Wetten und die Wettbüros verdienen sich eine goldene Nase daran. Na und? Ist doch alles nur ein Spiel. Das Leben ist zu kurz, um immer nur auf seinem Geld zu hocken. Allerdings muss es dafür auch verdient werden. Dieses unernste Element wird bei der Kritik dieser Shows immer vergessen bzw. es lässt sich in den deutschen benchmarks nicht reprodzieren, weil die Deutschen es nicht verstehen.
Wieso ist dieser Artikel im Kulturteil untergebracht? Der paßt wesentlich besser in den Wirtschaftsteil. Denn nur der Nive kann glauben, daß Sendungen wie Next Topmodel, DSDS oder Britain's got Talent gemacht werden um Talente zu fördern. Nein, man macht das, was man in jedem Marketingbuch nachlesen kann: Gib dem Kunden das was er will. Und diese Formate machen das perfekt.
Übrigens eine Zeitung wird auch nicht herausgebracht, um die Kunden zu informieren, sondern um Profit zu machen.
...genauso wie mir die Menschen leid tun, die sich solche Sendungen ansehen.
Und ich hab Mitleid mit denen, die dies für eine wichtige Meldung halten und glauben, das dies die Realität ist.
Der Quotenhai macht allerdings unterhaltsames Fernsehen. Was man vom Musikantenstadl, das absolut ohne solche auskommt, nicht gerade behaupten kann. Paul Potts hat Geld verdient, was er vorher nicht verdient hat. Wen juckt es denn da wieviel die Produzenten verdienen? Außerdem spielt in britischen Talentshows immer ein Element echten Mitgefühls und Menschlichkeit mit das im hämischen Deutschland eher unbekannt ist. Was ist, wenn Boyle es geschafft hätte? Würde man es ihr nicht wünschen? Und wenn dabei die Quotenhaie Geld verdient hätten, hätte das doch nichts an dem rührenden Aufstieg geändert. Wer will schon arbeitslos in Blackburn sein? Deswegen sind diese ganzen TV-Kritiken auch immer so eindimensional: alle sind nur getrieben vom großen Geld und gehen dafür über Leichen. So einfach ist die Welt nicht!
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