Unmut in den USA Der Volkszorn in der Krise

"Man sollte sie aus ihren Chefetagen zerren und mit einem Genickschuss erledigen": In den USA ist die Krisen-Debatte von unverhohlenem Hass geprägt.

Von Andrian Kreye

Es gibt kaum ein Land, in dem sich der Volkszorn so diszipliniert ausdrückt wie die USA. Die meisten Demonstrationen bestehen aus einem Häuflein Protestierender, die ihre Transparente zwischen Polizeisperren im Kreis herumtragen. Dazu rufen sie gerne "No Justice, No Peace", den Slogan von der Unmöglichkeit eines Friedens ohne Gerechtigkeit des Bürgerrechtskämpfers Reverend Al Sharpton. Der Spruch hat zwar einen aggressiven Unterton, doch nur selten Konsequenzen. Selbst die großen Friedens- und Protestmärsche verlaufen relativ ruhig. Die Straßenschlachten nach dem Freispruch der weißen Prügelpolizisten in Los Angeles im April 1992 oder rund um die Welthandelskonferenz in Seattle vor knapp zehn Jahren waren da eine seltene Ausnahme. Doch die Schere im Kopf ist nun durch eine Guillotine ersetzt worden.

Die soziale Friedfertigkeit der Amerikaner und ihre Bewunderung für die Höhenflüge der Finanzriesen sind einem unverhohlenen Hass gewichen. Pionier der neuen Stimmung ist der Erkenntnistheorektiker und ehemalige Börsenmakler Nassim Taleb. Sein Bestseller "Der schwarze Schwan - Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse" von 2007 gilt als prophetische Analyse der nahenden Finanzkrise.

Deswegen wird er nun häufig auf Konferenzen und Podien eingeladen, auf denen er regelmäßig Wutanfälle inszeniert, die darin gipfeln, dass er die Verstaatlichung sämtlicher Banken fordert. Heftige Worte benutzt er da. Doch selbst in einem ehrwürdigen Büro auf New Yorks Upper Eastside kann man dieser Tage Sätze hören wie "Man sollte sie aus ihren Chefetagen zerren und mit einem Genickschuss erledigen." Da unterscheidet sich die Wortwahl kaum noch von den hasserfüllten Sprüchen, die man ein paar Meilen weiter südlich am Union Square zu hören bekommt, dem angestammten Versammlungsplatz spontaner Proteste.

Als vergangene Woche herauskam, dass 418 Vorstände und leitende Angestellte des maroden Finanz- und Versicherungskonzerns AIG 165 Millionen Dollar in Bonuszahlungen bekamen, nachdem die Firma über 182 Milliarden Steuerdollar erbettelt hatte, kochte die Volksseele endgültig über. Im ganzen Land forderten Demonstranten Gefängnis für Hochfinanz und Banker. Ein Bus mit zornigen Protestlern fuhr am vergangenen Samstag in den noblen Vororten von Connecticut vor, in denen die AIG-Vorstände in prächtigen Kolonialvillen leben. Und als AIG-Chef Edward Liddy ein paar Tage zuvor dem parlamentarischen Finanzausschuss Rede und Antwort stehen musste, brachte er den Ausdruck einer E-Mail mit. In der hieß es: "Die gesamte Geschäftsführung und ihre Familien sollten mit Klaviersaiten um ihre Hälse hingerichtet werden. Wenn die Regierung das nicht hinbekommt, werden wir, das Volk, das selbst in die Hand nehmen und für Gerechtigkeit sorgen."

Besser kein Firmenlogo tragen

Dagegen verläuft die Debatte über die Krise in Europa zivilisiert. Kaum jemand wagt hier den Ausbruch in aller Öffentlichkeit, wenn Steuermilliarden in maroden Firmen verschwinden, die kaum Rechenschaft darüber ablegen, was mit diesen Milliarden geschieht. Auf den Podien und in den Talkshows wird matt und leidenschaftslos diskutiert. Nur am Stammtisch rührt sich die Volksseele. Deswegen nimmt man den kollektiven Unmut hier auch nicht weiter ernst.

Das ist in Amerika inzwischen anders. Einer der AIG-Vorstände gab vor einem Reporter der Nachrichtenagentur AP zu: "Es ist beängstigend. Die Leute hier machen sich sehr, sehr große Sorgen um ihre Sicherheit." Und die Firmenleitung empfahl dieser Tage sämtlichen Mitarbeitern, keine Taschen, T-Shirts oder Anstecknadeln mit dem AIG-Logo zu tragen. Für Barack Obama ist der Volkszorn eine große Gefahr. Er muss langfristig planen und kurzfristig handeln. Seine stoische Ruhe ist längst Stoff für Fernsehkomiker. In der Sendung "Saturday Night Life" explodierte er da schließlich als Comicmonster "The Hulk". Ein schlichtes, aber stimmiges Bild vom Zorn, der seinen Siedepunkt im Volk längst erreicht hat.