Machtspielchen der Politik: Die Union will ZDF-Chefredakteur Brender absetzen. ZDF-Größen wie Maybrit Illner und Claus Kleber protestieren.
Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Das ist der erste Satz von Franz Kafkas Roman Der Prozess. Ursprünglich hatte Kafka den Begriff "gefangen" verwendet und ihn dann ausgewechselt.
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Nikolaus Brender, 60, besuchte das Jesuitenkolleg in St. Blasien, studierte Rechts- und Politikwissenschaften, er volontierte beim Südwestfunk und bei der Zeit. Von 1984 bis 1989 war er ARD-Korrespondent in Südamerika. 1994 stieg Brender zum WDR-Chefredakteur auf, 1997 wurde er WDR-Programmchef. Seit dem 1. April 2000 ist Brender Chefredakteur des ZDF. (© Foto: dpa)
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Wenn in diesen Tagen ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender Freunden seine Lage erklären will, verweist er auf diesen Roman Kafkas und eigentlich passt "gefangen" besser. Einer der fähigsten deutschen Chefredakteure ist Gefangener eines Systems, in dem kafkaeske Gestalten über ihn richten wollen und den Daumen senken. Die Unionsvertreter im Verwaltungsrat des öffentlich-rechtlichen Senders, angeführt von dem CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch, wollen Brender weghaben. Warum? Weil er weg soll.
Den einen oder anderen Fehler hat er gemacht, er hat sich mit einigen Korrespondenten angelegt und nicht jede Verpflichtung war ein Erfolg. Aber alles in allem ist er in seinem Beruf professioneller als die meisten Politiker in ihrem Gewerbe. Er ist ein erfolgreicher Chefredakteur, der das journalistische Format des nationalen Senders gestärkt hat.
"Zu ruppig" hört man aus Unionskreisen, sei er gewesen. Mit Edmund Stoiber, der früher in Bayern den obersten Medienwart machte und immer noch im ZDF-Verwaltungsrat sitzt, hatte es Brender 2002 im Bundestagswahlkampf verdorben, weil er nicht geschmeidig war. Stoibers Generalsekretär hatte angekündigt, der Vertrag des Chefredakteurs solle nicht verlängern werden. Das war vor knapp sieben Jahren. Dem einen oder anderen Sozialdemokraten ist in schlechter Erinnerung, dass Brender in der Wahlnacht 2005 den krakeelenden Gerhard Schröder nicht "Herr Bundeskanzler", sondern "Herr Schröder" nannte.
Brenders Vertrag läuft bis Ende März 2010. Es ist es üblich, dass der Chefredakteur zwölf Monate vor Ablauf erfährt, ob der Vertrag verlängert wird. ZDF-Intendant Markus Schächter hat das Vorschlagsrecht und will Brender wieder vorschlagen. Diese Entscheidung des Intendanten hat Brenders schwer fassbare Gegner offenbar nicht beeindruckt. Nur auf CDU und CSU kommt es diesmal an. Wird jetzt durchgezogen, durchgewählt? Womöglich nehmen die schwarzen Räte auch die Demontage Schächters hin. Sie sind die Bestimmer.
Für Außenstehende ist das alles kaum zu begreifen. Nach dem Proporz-System der Parteien gilt beim ZDF der Programmdirektor Thomas Bellut als Konservativer, folglich muss der Chefredakteur ein Roter sein. Brender wird als Roter gehandelt, obwohl er kein Parteibuch hat, früher mal in der Jungen Union war.
Die SPD-Vertreter, die im Rat hoffnungslos in der Minderheit sind, wollen ihn nicht weghaben, aber dass sich der eine oder andere Sozialdemokrat Brender öffentlich lobt, kann ihm schaden. Übersetzt heißt das: Die Überlegenheit der Union kann am Ende dazu führen, dass ein angeblich anderer Linker, der auch kein Parteibuch hat, an der Stelle Brenders Chefredakteur wird. Das ist hochorganisierter Irrsinn.
Die Herrschaft der Parteien über das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist ein oft beklagtes Ärgernis. Bereits 1961 hat das Bundesverfassungsgericht, als es Adenauers regierungshöriges "Deutschland-Fernsehen" für verfassungswidrig erklärte und den Weg für das ZDF frei schlug, ausdrücklich erklärt, das Fernsehen dürfe "weder dem Staat noch einer gesellschaftlichen Gruppe ausgeliefert" werden. Dennoch haben die Parteien seitdem immer wieder versucht, in den Anstalten die Oberhand zu gewinnen.
Häufig wurden Vertrauensleute in hohe Positionen gehievt, die dann für den gewünschten Zungenschlag im Programm sorgten. Es gibt, das hat der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen mal beklagt, in den Anstalten zu viele Journalisten, die "mehr ihren Absendern als ihren Sendern" dienen. Mal wurden Sender schwarz, mal wurden sie rot einplaniert, immer von oben nach unten.
Der Parteienstaat war immer mal wieder auf dem Sprung, ein Interessenstaat zu werden und Cliquenwirtschaft zu treiben. Es hat stets einiger Anstrengungen bedurft, Parteienvertreter zurückzudrängen, die sich auch Sender zur Beute machen wollten, weil sie glauben, dass Wahlen durch Kameraeinstellungen entschieden werden. In der Amtszeit des ZDF-Intendanten Markus Schächter und des Chefredakteurs Brender wurde die Einflussversuche der Medienwarte seltener, was auch daran lag, dass beide souverän sind und Brender auch ziemlich listig. So bat er die Politiker, sie sollten doch ihr Anliegen schriftlich vortragen. Augenzwinkernd hat er dann die Idee entwickelt, die Programmbeschwerden von Politikern und anderen Interessenvertretern im Internet zu veröffentlichen. Da Räte meist im dunkel wirken, wäre das eine bemerkenswerte Transparenz.
Der Versuch der Union, Brender abzusetzen und loszuwerden, ist nicht nur ein "schwerer Eingriff in die Rundfunkfreiheit", wie vierzehn namhafte Journalisten des Senders (Maybrit Illner, Marietta Slomka, Claus Kleber, Peter Frey) in einem Protestbrief erklärt haben, sondern möglicherweise Teil einer größeren Strategie, bei der es auch darum gehen kann, in der Hauptstadtredaktion des ZDF die Verhältnisse zu ändern, um den Spielraum für journalistische Eingriffe der Union zu vergrößern. Dass der Schatten der Kanzlerin über der Mainzer Aktion liegt, ist allerdings Spekulation.
Natürlich erhofft sich auch der eine oder andere aus der dritten Reihe beim Zweiten, er könne von einem Sturz Brenders profitieren. In einer Schaltkonferenz hat Brender nicht nur erklärt, er werde auf jeden Fall auch während des Bundestagswahlkampfs Chefredakteur bleiben; er hat auch von "einem Aufstand der Schranzen" gegen ihn gesprochen. Es gibt in allen Sendern Leute, die Einflüsterer der politisch Mächtigen sind und zum Eigennutz Politikern zu Gefallen sein wollen. Journalisten sollten sie sich besser nicht nennen. Sie sind, journalistisch betrachtet, nur Agenten oder Söldner.
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(SZ vom 23.02.2009/jkr)
Proteste gegen ACTA
Die angeblich so überlasteten und unterbezahlten Politiker sitzen so nebenbei in ungezählten Verwaltungsräten in der Industrie, bei Banken und natürlich auch in den Fernsehanstalten. Sie üben Macht aus, fallen aber nicht durch besondere Kenntnisse oder irgendwelche Leistungen auf. Sonst gäbe es z. B. keine Wirtschaftskrise. Politiker kümmern sich erkennbar auch nicht um Art und Qualität der Fernsehprogramme.Öffentliche haben einem Grundversorgungs- und Programmauftrag sowie politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit zu wahren.
Mit einer Grundversorgung oder Programmvielfalt haben ganztägige Sportübertragungen oder gar täglich mehrfache Übertragungen von Fußballspielen irgendeines Strohhalm-Cups nichts zu tun. Auch wenn sich eine, auf einem Mittelplatz der Bundesliga rangierende, zufällig in einer deutschen Stadt ansässige, von einem Sponsor abhängige, Söldnertruppe beteiligt. Deutschland braucht am Sonntag zur Nachtzeit bestimmt kein zusätzliches Fußballspiel. Für was gibt es private Sportsender? Einen solchen könnte auch die DFL starten.
Oft grottenschlecht sind die Abendprogramme am Samstag. Meist irgendeine Gala, bei der man sich gegenseitig Orden oder Preise umhängt und in Selbstdarstellung übt, gelegentlich für wohltätige Zwecke mit Gewinnspielen über die Sendezeit gestreckt. Bei Alternative 1 fuchteln alternde KommissarInnen mit dem Pistölchen in Problemvierteln (ganz beliebt das Rotlichtmilieu) der Großstadt herum. Als. Alternative 2 dient eine, von Kalauern garnierte Klatschorgie zu volkstümlicher Musik. Den Abend vor dem Tag des Herrn krönt der Box-Sport. Was hat das mit Familienprogramm oder nach endlosen Sportübertragungen noch mit Vielfalt zu tun? Wo bleibt auch nur ein familiengerechter Spielfilm?
Für schlimm halte ich den Eindruck, Nachrichtensendungen geben nicht annähernd die Wirklichkeit in Krisengebieten (z. B. Irak, Afghanistan, Afrika, Osteuropa) wieder. Irgendwie fragt man sich bei der jeweiligen Berichterstattung, wem soll sie nützen oder wem darf sie keinesfalls schaden? Politiker sollten sich auch nicht Anhebungen der Rundfunkgebühren zustimmen, die einer gesellschaftspolitisch nicht mehr vertretbaren Bezahlung von Moderatoren, Darstellern und Sportprofis dienen. Deutschlands Zuseher erwarten mehr als das derzeit überwiegende Sport- und Krimi-TV.
Der Verwaltungsrat ist keine Spielwiese für parteipolitische Machtspielchen. Politiker sitzen in den Gremien, um die Interessen der Zuseher beim gesetzlichen Pro
die Aufgabe des Leiters der Reichskulturkammer ? oder hat sich da was geändert in letzter Zeit ??
dem eher linken Lager zuzurechnen fällt mir schwer. Eingedenk des legendären Wahlabends von 2005 mag man das einfach nicht glauben. Damals hat er Schröder ganz klar provoziert. Fast alle Medien wollten ja damals Schröder und die SPD/Grün-Regierung wegschreiben, wegfegen. Das war amngesagt und geradezu "In". Brender war m. E. keine Ausnahme. Zugegben - Schröder hat sich provozieren la s s e n. Dass er angetrunken gewesen ist, dürfte feststehen. Ich denke bei der Gelegenheit an einen Wahlabend, vor vielen Jahren, bei dem Franz Josef Strauß noch weit mehr "zu" gewesen ist. Gerhard Schröder hätte halt damals unbedingt das Feld dem Münte überlassen sollen, dann wäre das nicht passiert. Aber was soll´s? Es ist Schnee von gestern. Dass die Medien die Intressen der Parteien vertreten ist traurig genug. Wobei der Sender, der immer ein Auge zuhält (in den "tollen" Werbespots und vielleicht auch ganz allgemein?) mit seinem krassen Infotainment besonders gerne durch Betonungen, Augenaufschläge und "hinweisende" Mimik dem Zuseher die Meinung zu bilden versucht. MIch wundert schon sehr, dass die Union sich bei dem Zweiten sich nicht gut genug aufgehoben fühlt.
Schon zu Zeiten des Kosovo-Krieges (ein Paradebeispiel...) fiel mir die Berichterstattung äußerst unangenehm auf, es gab jenseits der sog. Qualitätsmedien und überwiegend in div. Foren Diskussionen über die Gleichschaltung und ewiges Beteuern, die Medien seien alle völlig frei usw. Forscht man ein wenig nach, so erfährt man was über die Kontrollgremien, und ihrer Besetzung nach Parteiproporz, mit anderen Worten das Wahlergebnis spiegelt sich in diesem wieder und somit ist die de facto - Beherrschung durch die gewählte Staatsmacht doch gegeben...
Da wird man doch nachdenklich.
zack34
wieder ein beweis mehr, dass deutschland nicht immer mit dem finger in alle welt zeigen sollte (vornehmlich politiker, welche mehr einfluß in die informations-politik wünschen), sondern im eigenen hause auskehren sollte.
nach cicero und schäubles ständige angstmacherei wieder ein beweis, wohin deutschlands weg führt - nämlich in ein überwachungsstaat in einem digitalisiertem konzentrationslager!
Paging