Wie redet man am besten über Bücher, die man nicht gelesen hat? - Nun hält ein Franzose ein amüsantes Plädoyer fürs Blättern, Klugschwätzen und Ignorieren.
Alle sechs Wochen treffe ich mich mit einigen Freunden zu einem etwas merkwürdigen Lesekreis: Wir sprechen nie über ein bestimmtes Buch, sondern geben vorher nur einen bestimmten Begriff vor - Peinlichkeit, Warten, Engel -, zu dem dann jeder eine Passage finden muss, die er an dem Abend vorliest. Die Treffen sind herrlich, weil man jedes Mal neue Autoren kennenlernt und danach nicht nur über die Bücher redet, sondern auch über die jeweiligen Begriffe.
Wenn Sie den schon mal gesehen haben - gut, dann können sie mitreden. Noch besser, wenn Ihnen auch Madeleines und Lindenblütentee nicht fremd sind - damit kommen Sie durch jeden akademischen Zirkel. Undatiertes Archivbild des französischen Schriftstellers Marcel Proust. Mit seinem siebenteiligen Romanzyklus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" schuf er ein monumentales und vermutlich ebenso großräumig ungelesenes Meisterwerk der Literatur des 20. Jahrhunderts. (© Foto: dpa)
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Die Tage vorher jedoch sind immer eine ratlose Qual. Ich stehe vor meinem Bücherschrank, soll etwas zum Begriff Peinlichkeit finden und die Bücher starren nur still und starr zurück. Hier, halber Meter Updike, dessen Figuren leben doch geradezu in einem Grundgefühl der Peinlichkeit. Aber konkret jetzt eine Szene? Daneben 2500 Seiten Dostojewskij, komplett gelesen im Pleistozän des Grundstudiums, die spinnen doch alle bei Dostojewski, da gibt's doch sicher ultrapeinliche Szenen. Aber worum ging es noch in "Der Idiot?" Bringt der nicht seinen Vater um? Oder war das einer der Karamasows? - Am Ende ist da jedes Mal eine stille Scham über dieses totale Vergessen. Wozu lese ich überhaupt?!
Der französische Literaturwissenschaftler Pierre Bayard würde sagen: Erstens ist es nicht peinlich, es geht allen so. Und zweitens ist Lesen kein kartographischer Akt, sondern eher etwas Osmotisches. Irgendwelche Schichten werden schon imprägniert von dem Werk, ob man den Plot noch weiß, ist zweitrangig.
Bayard ist Psychoanalytiker und einer der flamboyantesten Köpfe der französischen Literaturwissenschaft. Sein neues Buch nun hat sich aus dem Stand in den französischen Bestsellerlisten festgesetzt, wahrscheinlich weil es eines der letzten Tabus der Milieus, die man früher als Bildungsbürgertum bezeichnet hätte, schon in der Titelfrage bei den Hörnern packt: "Comment parler des livres que l'on n'a pas lu?" (Les Editions de Minuit, Paris 2007). Wie redet man am besten über Bücher, die man nicht gelesen hat?
Bayard sagt, die Frage sei deshalb ein Tabu, weil sie von drei Dogmen umstellt sei: Lesen gelte immer noch als heiliger Akt. Einzig wer ein Buch von vorne bis hinten gelesen habe, dürfe behaupten, es zu kennen. Und nur dieser Leser habe ein Recht darauf, überhaupt ein Urteil abzugeben über das Buch. Bayard hält nun ein Plädoyer für das leberfrische Urteilen über ungelesene Bücher. Wobei er unterscheidet zwischen nicht gelesenen, vergessenen, durchgeblätterten und peripher erwähnten Büchern, also Büchern, von denen man schon mal gehört hat.
Dabei will er keine Lanze brechen fürs kaltschnäuzige Bluffen und Ergoogeln von Texten. Vielmehr geht es ihm darum, den Leser zu befreien vom lähmenden Respekt vor dem Werk und dessen Autor und selbstbewusst aus dem eigenen Lektürekanon zu schöpfen. Wer ein Buch nur durchgeblättert oder angelesen hat, kann darüber oft viel freier sprechen als derjenige, der von Seite zu Seite gekrabbelt ist. Schließlich geht es uns mit einem ungelesenen Buch wie dessen Autor - der kannte es schließlich auch nicht, bevor er es geschrieben hat.
Natürlich ist es eine Art rezeptionsästhetische Harlekinade, wenn der (Nicht-)Leser eines Buches zu einem genauso kreativen Kopf erklärt wird wie dessen Autor. Und "Comment..." selbst zeugt dann auch von stupender Belesenheit seines Autors, der zwar eingangs zugibt, den "Ulysses" nie gelesen, die "Madame Bovary" nur angestöbert und sein eigenes Buch "Qui a tué Roger Ackroyd" komplett vergessen zu haben, aber dann von Montaigne bis Valery wunderbare Kronzeugen für seine Theorie vom selbstbewussten Ignorieren und Selbsterfinden zitiert. Unter der Hand, man ahnt es, ist Bayards Werk am Ende eine funkelnde Liebeserklärung ans Lesen und an die Unerschöpflichkeit literarischer Texte.
Beim nächsten Treffen lesen wir übrigens Texte zum Thema Weite. Weite - hat nicht Faulkner so ein Buch über einen Trinker in einer einsamen Hütte...? Oder war das Twain?
(SZ v. 22.3.2007)
Endgültiger DFB-Kader für EM
Als langjähriger Rezensionsschriftleiter ist mir oft genug eine Buchbesprechung vorgekommen, deren Verfasser das betreffende Buch sichtlich nie gelesen hatte. Selbst die Besprechung eines Sinfoniekonzerts lag mir vor, das wegen Stromausfalls im letzten Moment abgesagt worden war. Der gelehrte englische Kritiker des 18. Jahrhunderts, Rev. Sidney Smith, sagte einmal, er lese grundsätzlich nie ein Buch, ehe er es rezensiere, denn das könne leicht zu Vorurteilen führen.
Hoppla! Darf ich fragen, warum Sie meinen Beitrag entfernt haben? Gilt hier ein Verbot von Satire?
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Leider gibt es viel zu viele Menschen wie z.B. Politiker, Journalisten (ja leider) etc. die reden, reden, reden (oder schreiben) und haben fast immer nur oberflaechliches Wissen. Das schaedigt uns alle.
Moeglicherweise hat Pierre Bayard mit seinem Buch ja an eine ironische Provokation gedacht.
Man kann es aber auch so sehen: Ich habe das Buch nicht gelesen und Herr Rühle vielleicht auch nicht und damit haben wir bewiesen, dass Pierre Bayard Recht hat.