Ungarn wird immer antisemitischer Johlen zu "Jud Süß"

Der ungarische Antisemitismus steigert sich bedrohlich. Nun musste Budapests Polizei gegen Film-Aufführungen einschreiten.

Von Kathrin Lauer

Ungarische Rechtsradikale benutzen in jüngster Zeit verstärkt den deutschen Nazi-Propagandafilm "Jud Süß", um den ohnehin weit verbreiteten Antisemitismus im Land zu schüren. Jetzt ist die Polizei dagegen eingeschritten, nachdem Politiker der liberalen ungarischen Partei SZDSZ Anzeige wegen Volksverhetzung eingereicht haben.

Auch die Wiesbadener Friedrich-Murnau-Stiftung, die die Rechte an dem Film hat, meldete sich jetzt zu Wort. Die Vorführungen des Films in Budapest seien ohne den Erwerb der entsprechenden Rechte erfolgt. Man prüfe juristische Schritte und habe auch das Bundesaußenministerium um Hilfe gebeten.

Den Film hatte Veit Harlan 1940 im Auftrag des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels gedreht. Er wurde seinerzeit gezielt SS-Soldaten vor Einsätzen in Konzentrationslagern gezeigt, um deren Aggressionsbereitschaft gegen Juden zu steigern.

Gutbürgerlich

Jetzt lief er zweimal vor zahlendem Publikum im Keller eines Mietshauses im 13. Budapester Bezirk. Die Polizei entdeckte nachher bei Hausdurchsuchungen vor Ort und in der Nachbarschaft mehrere DVD-Kopien des Machwerks, außerdem dutzende Video-Kopien in einer Buchhandlung. Wer die Vorführung sehen wollte, musste sich auf einem der rechtsradikalen Webportale anmelden.

Das gutbürgerlich wirkende Publikum habe bei den einschlägigen Szenen, in denen Juden karikierend dargestellt werden, zustimmend gejohlt, berichteten ungarische Medien. Als Veranstalter gelten der rechtsextreme Verlag der Brüder Gede und die Ehefrau des rechtsextremen reformierten Pfarrers Lorant Hegedüs junior. Hegedüs war schon als Agitator bei den rechtsradikalen Krawallen der letzten zwei Jahre in Budapest aufgefallen.

Wie in Schwabing

Immerhin hatten die Veranstalter zunächst Schwierigkeiten, einen Ort für ihre halb klandestine Filmvorführung zu finden. Eine katholische Kirchengemeinde lehnte es ab, dafür Räume zu stellen, ebenso der als eher reaktionär-konservativ bekannte Weltverband der Ungarn. So kam es zu der Vorführung im 13. Bezirk auf der Pester Seite, unweit der Margareteninsel, einem äußerst lebendigen, Schwabing ähnlichen Viertel, in dem seit einigen Jahren verstärkt jüdisches Leben sichtbar ist. Es gibt hier eine Synagoge und einige jüdische Restaurants.

Vor einigen Monaten gab es unweit des Kellers, wo jetzt "Jud Süß" lief, einen Brandanschlag auf ein Geschäft, das Konzertkarten verkaufte. Anlass war ein Konflikt um das Konzert einer rechtsradikalen Band. Ein Neonazi wollte dort Karten kaufen, doch der Verkäufer lehnte dies ab. Am nächsten Tag wurde sein Geschäft durch eine Brandbombe innen völlig zerstört. Unter massivem Polizeischutz fand danach eine Solidaritätsdemo mit dem Besitzer dieses Kartenbüros statt, unter Beteiligung des ungarischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsany.

Der ungarische Antisemitismus hat sich in den letzten Jahren bedrohlich gesteigert - unter anderem, weil rassistische Äußerungen bisher unter Berufung auf die Meinungsfreiheit nicht verboten worden sind.