Vor einem Jahr errangen Viktor Orbàn und seine Fidesz-Partei bei den ungarischen Parlamentswahlen eine Zweidrittel-Mehrheit. Orbàn versprach damals, das ganze Land von Grund auf umzubauen. Ein Jahr später sieht es so aus, als habe er das tatsächlich geschafft. EIne Reise in den ungarischen Frühling 2011, der nicht sonderlich erbaulich wirkt.
Budapest im Mai ist erstmal nur herrlich. Die silbern flirrende Donau, die schönen Menschen auf den chromblitzenden Café-Terrassen, die alten Häuser, stolz und breit wie Ozeandampfer, die Fenster haben schwere Lider, die Rollos sind halb hochgezogen, als dämmerten die imperialen Gebäude noch durch den Vormittag und träumten von der guten alten Zeit, als hier noch das Zentrum der Welt lag. Aber wo ist denn jetzt die Katastrophe? In Ungarn werden doch, seit Viktor Orbáns Fidesz-Partei vor einem Jahr eine Zweidrittelmehrheit gewann, angeblich mit Brachialgewalt die fundamentalen Strukturen einer parlamentarischen Demokratie abgeräumt?
Anzeige
Man muss sich vielleicht auf eine der Café-Terrassen setzen und sich von der Journalistin Julia Varadi eine Anekdote bestätigen lassen, die sie hier alle erzählen, eine dieser Geschichten, die man erstmal gar nicht glauben mag und die pars pro toto zeigen, was in dem Land, das momentan die EU-Präsidentschaft inne hat, mittlerweile normal zu sein scheint: Als Daniel Cohn-Bendit an einer Pressekonferenz der ungarischen Grünen teilnahm, fragte ihn ein Journalist, warum er es schlimm finde, dass die neue Verfassung die Nationalhymne zitiere und ob die sexuelle Belästigung von Kindern für ihn zu den demokratischen Grundwerten zähle.
Cohn-Bendit antwortete souverän, ruhig und fundiert. Die Fragerunde ging danach noch lange weiter, es ging um die neue Verfassung und das Mediengesetz, um Europa und Fukushima, eine halbe Stunde später verließ Cohn-Bendit den Saal. Die Abendnachrichten des staatlichen Senders M1 machten dann mit ihrer Version des Besuchs auf: Sie warnten, der Beitrag sei jugendgefährdend, schnitten die Frage nach der Pädophilie mit den Bildern von Cohn-Bendits Abgang zusammen und texteten dazu, der Politiker habe auf diese Frage fluchtartig den Raum verlassen. Dániel Papp, der Journalist, der den Beitrag zu verantworten hatte, wurde kurz darauf zum Chefredakteur der zentralen ungarischen Medienredaktion ernannt, die ab sofort für alle öffentlich-rechtlichen Radio- und TV-Sender sämtliche Nachrichten produziert. Papp ist Gründungsmitglied der rechtsextremen Jobbik-Partei.
Willkommen in der Welt des schönen neuen Populismus, willkommen in Ungarn, dem Land, dem die EU gerade bescheinigt hat, dass ihr Mediengesetz mittlerweile in Ordnung gehe. Da steht zwar weiterhin drin, dass alle Journalisten in Zukunft ihre Informanten preisgeben müssen. Der Medienrat, der das Gesetz umsetzen soll, ist ausschließlich mit Leuten der Fidesz-Regierung besetzt und...
"Einen Moment", unterbricht die Philosophin Agnes Heller, "das Mediengesetz ist ein Skandal, aber wir haben längst neue Skandale. Die Verfassung zum Beispiel. Whisky oder Rotwein?" Whisky? Um fünf Uhr nachmittags? "Dann ungarischer Rotwein."
Was für eine fabelhafte Frau. 82 Jahre alt. Pendelt zwischen New York und Budapest und geht jede Woche bergsteigen. Jetzt steht sie in ihrem verwinkelten Wohnzimmer hoch über den Dächern von Budapest und feuert einen pointierten Kommentar nach dem anderen ab. Das Ganze mit diesem wunderbar schweren Akzent, der die deutsche Sprache schwingen lässt wie eine knarrende Hängebrücke.
Die ungarischen Medien haben gerade die dritte Hetzkampagne innerhalb von sechs Monaten gegen die ehemalige Lukacs-Schülerin und Nachfolgerin Hannah Arendts am Lehrstuhl für Philosophie in New York lanciert. Erst hieß es, Heller und ihre "Gang" hätten riesige Summen veruntreut. Bei der Gang handelt es sich um die renommiertesten Philosophen des Landes. Die angeblich "weggeforschten" Gelder waren ganz regulär für Lukacs-, Heidegger- und Schopenhauer-Übersetzungen ausgegeben worden.
Jetzt heißt es, Heller sei "schlimmer als eine Holocaust-Leugnerin". Dazu sollte man wissen, dass Agnes Heller Jüdin ist. Sie hat die Deportationen 1944 nur durch mehrere glückliche Zufälle überlebt. Als kürzlich bei einer Podiumsdiskussion eine Jobbik-Anhängerin aus dem Publikum schrie, dass bei den Demonstrationen 2006 gegen die sozialistische Regierung Leute totgeschossen und gefoltert worden seien, sagte Heller, dass das nicht stimme. Daraufhin schrieben die Zeitungen, das sei schlimmer als die Leugnung des Holocausts, schließlich würde Heller die postkommunistische Brutalität verleugnen. Wenn man fragt, ob sich jemand offiziell gegen solche Hetze verwahre, erntet man ein Lachen, das trockener ist als jeder Whisky: "Ich habe absolute Solidarität von meinen Kollegen erfahren. Aber in den Medien und der Politik haben diese Attacken Methode. Alle Kritiker werden kriminalisiert. Jedes Mal, wenn ich mich kritisch geäußert habe, wurden neue Angriffe gegen mich lanciert."
Sie schenkt nach, denkt nach und sagt, die Deutschen würden Orbán oft als erzkonservativen Nationalisten oder Rechtsextremen zeichnen. "Das trifft es nicht. Der Flirt mit den Symbolen der Rechten, der altmodische Kitsch der neuen Verfassung, das ist vor allem eine Maske. Der Mann ist Bonapartist, es geht ihm um die Zentralisierung der Macht. Und die rafft er an sich in einem atemberaubenden Tempo. Täglich werden drei Gesetze durchs Parlament gepeitscht."
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 3 nächste Seite
- Thema
- Viktor Orban RSS
- Ungarn: EU-Ratspräsidentschaft Amtsantritt im Kreuzfeuer der Kritik 01.01.2011
- Ungarn: Paul Lendvai "Klima der Intoleranz und des Hasses" 29.12.2010
- Kritik an Mediengesetz "Nicht im Traum": Ungarns Premier bleibt stur 24.12.2010
- Ungarisches Mediengesetz "Eine Gefahr für die Demokratie" 22.12.2010
- Neue Verfassung für Ungarn Ein europäischer Skandal 18.04.2011
- Zensurvorwürfe Ungarn will Mediengesetz überarbeiten 26.01.2011
- Sorge um Ungarns Kulturbetrieb Die große Säuberung 24.01.2011
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
1959 hatte sie einen Artikel veröffentlicht, daß alle , die am Volksaustand von 1956 beteiligt waren, verurteilt werden sollen. Ein stalinistischer Gedanke, der noch immer in Ihr lebt, und die jetztige Regierung Orban mit einer Hetzkampagne ohnegleichen übersäht.
Daß die " jobbik" momentan mehr profitiert, wie am Artikelschluß erwähnt, ist eine sehr gefälschte Darstellung.
Was aber Tatsache ist, daß die Jobbik gegen das Mediengesetz und gegen die neue Verfassung gestimmt hat.
:-) Alex hat noch mehr als 12 Stunden! Er hat die Zeit, aber bereits ausgenutzt und einiges gelöscht ... Bravo! Es wird schon klappen, mein Lieber Alex. Du bist noch nicht verloren. Vielleicht lernst Du noch davon. Der Kluge lernt von sein eigener Fehler, der noch klüger aus den Fehlern den anderen.
"Aggression ... und Hass,... und kleingeistiger Zukurzgekommener (SIC!)" !?
Ich muss schmunzeln! In Deinem Wörter widerspiegelt die Kant'ische Unterbewusstsein. Typisch Heller'isch, Konrád'isch, Schiffer'isch, Kertész'isch (Gertnä'risch) & Co.
Nietzsche: "Jede unausgesprochen Wahrheit wirkt als Gift"
Diese Informatoren, wie Heller, Bolgár, TGM oder auch Kertész, Konrád, Schiff & Co. vergiften die unwissenden. Ihr "linksliberalen" wisst nicht mehr das Wichtigste Satz einer Journalist: "Lügen darf man nicht schreiben". Und verbreiten, weil Lügen kurze Beine haben. Es kommt früher oder später unausweichlich (oft zu Spät, leider) die Enthüllung, Entlarvung.
Mit freundlichen Grüßen z.Z. aus Budapest, aus der Stadt der Heilige Stephanskrone; der (auf Ungarisch Néptribun) Volkstribun 2006
Siehe hier auf Ungarisch: http://nol.hu/archivum/archiv-443473
Der Kommentar dieses selbsternannten Volkstribunen (!) spricht für sich, er rundet den Artikel ab, es zeigt, warum sich Ungarn heute so ins Abseits "nationalisiert": Die Berufung auf die Fehler Anderer als alles überragende Rechtfertigung für alle Maßnahmen, gewürzt mit einem Hass auf Andersdenkende und tiefen Frust über geschichtliche Schicksalsschläge Ungarns, ausgedrückt mit der Aggression ("Ich gebe Dir 24 Stunden") kleingeistiger Zukurzgekommener. Ungarn hat eine bessere Neuausrichtung und nicht solche hasserfüllten "Wortführer" verdient. An einer offenen Debatte über die heutige Politik, auf die der Artikel eingeht, sind solche Nationalhelden jedenfalls nicht interessiert.
Lieber Alex!
Warum hast Du nur scheinheilige scheinliberalen gefragt?
Ich kenne die Lügnerin und marxistische Philosophin Heller, dann T.G.M.,! Váradi, Júlia u. Bolgár, György (beide sind Mitarbeiter der Klub Radio; wohin ich mehr als 20-mal telefonierte - jetzt nicht mehr!).
Ofensichtlicht Du kennst aber sie nicht
Du hast keine Ahnung wer Lukács (Löwinger) György gewesen.
Du hast keine Ahnung welche Bedeutung die Jahren 1918-1920 in der Ungarische Geschichte hat.
Welche Leute haben Ungarn (und Deutschland) verraten und verkauft.
Wahrscheinlich hast Du keine Ahnung was Theodor (Tivadar) Herzl (in und nach der Baseler Konferenz im 1897,und danach) geschrieben und getan hat,
Was beinhaltet der Balfour Deklaration, und welche Auswirkung und Folgen diese Leute an unsere Länder verursacht haben.
Wer Benjamin H. Freedman war (seine Schriften sind in D. verboten),,, etc.
Welcher Einfluss an die Geschichte Deutschland und Ungarn diese geschichtliche Tatsachen gehabt haben.
Du hast keine Ahnung welche Bedeutung die Revolution und Freiheitskampf den Ungarn und den freiheitsliebende Deutschen ein Stellenwert hat.
Du hast keine blasse Schimmer warum die Welt am 23.okt.2006. in Ungarn eine Gedenkfeuer Ihre mehr als 50 Staatsoberhauptes oder hohe Würdenträger gesandt haben?
Von Dir hätte man aber erwarten können, dass Du recherchierst bevor Du schreibst, wer Hr.Schmitt (Staatspräsident) ist, welche Schulabluss Hr,Stump (Verfassungsrichter) hat.
Ich gebe Dir 24 Stunden, um in der Wikipedia (deutsch!!!) umd YuoTube nachlesen, nachsehen zu lassen, um Deine Unwissen oder Schlamperei(?) zu verbessern.
Ich schäme mich im Namen der Redaktion, in Vertretung der Irre geführte Leser wegen. Deinet wegen.
Übrigens der Fidesz und Orban machen große Fehler, aber weitaus kleinere Fehler was die griechische, irische, portugiesische, spanische etc. gemacht haben und machen.
Die westliche Kolonialmächte, haben in den éetzten 20 Jahren eine moderne Kolonisation durchgeführt. Dabei haben die ehemalige Bolschewiken dann Kommunisten dann Sozialisten und jetzt Gross-Kapitalisten (die selbe Personen, Familien!!!) Euch sehr viel geholfen haben um Eure Erden-vernichtenden Leben noch weiter führen zu können.
Mit freundliche Grüßen
László GONDA
Volkstribun 2006 am Kossuth Platz ...etc.
PS.: ich würde in Deine Stelle überlegen, ein anderer Beruf zu wählen. Ich meine es aus Nächstenliebe. Ernst.
Die ganze Artikel basiert auf Aussagen von Menschen, die den vorherigen Ministerpresident (Ferenc Gyurcsany) loyal gewesen und noch immer sind. Einem Menschen der öffentlich zugab, dass er und ihr ganzer Regierung Jahre lang nur lügen verbreitet hat über Haushalt, etc. und dabei keine richtige Arbeit (in positiver Sinne) geleistet hat. Nachdem dieses Geständnis rausgekommen ist (was er im Kreise der damaligen Regierungsmitglieder natürlich gesagt hat) ist er nicht zurückgetreten!
Wenn diese "Journalisten" das als demokratisch empfinden, dann muss man glaube ich dieser Artikel gar nicht mehr bewerten. Es ist sehr schade, dass die Süddeutsche auf so einem Nivou gesunken ist.
Paging