Erst ein einziges Mal in ihrer Geschichte hat sich die Unesco zur Aberkennung eines Welterbetitels gezwungen gesehen. Zwar stehen derzeit 30 von den insgesamt 851 Welt-Kulturdenkmalen auf der Roten Liste der "besonders gefährdeten" Stätten, doch nur im Wüstenstaat Oman haben die Kommissare bislang durchgreifen müssen. Im Jahr 2007 wurde das Wildschutzgebiet für die Oryx-Antilope von der Unesco-Liste gestrichen, weil durch rabiate Landnahmen der Bestand an Tieren von 450 auf 65 geschrumpft ist.
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Ob in Dresdens Elbauen nach dem Gemetzel an den stattlichen Alleebäumen und nach dem Errichten der ersten Betonfundamente überhaupt noch 65 Exemplare der bedrohten Fledermausart Hufeisennase überlebt haben, ist ungewiss. Doch sollen hier nicht Antilopen gegen Fledermäuse aufgerechnet werden. Die Naturkatastrophe im Elbtal wird sehr viel offensichtlicher zutage treten, als Tierschützer dies je nachweisen können.
Mit der vom Elbhochufer herunter über die Auen und den Fluss hinwegstelzenden Autobahnbrücke wird der motorisierte Verkehr in Dresden die Kanzel finden, von der herab er die Stadt akustisch effektvoll mit Lärm beschallen kann. Überall in Deutschland werden derzeit Lärmschutzwände entlang von Autobahnen errichtet.
In Dresden aber hebt man eine autobahnbreite Straße so in den Himmel, dass die Stadt kräftig etwas davon abbekommt. Sucht man in Deutschland nach etwas Vergleichbarem, fällt einem Berlin ein, wo nach der Wende ein ähnliches Verkehrsproblem aufgetaucht ist; doch dort wurde die neue Nord-Süd-Achse nicht auf Stelzen über das Gartendenkmal Tiergarten hinweg-, sondern im Tunnel unter ihm hindurchgeführt.
Ein blaues Wunder
Gegen schöne Brücken am rechten Ort ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Dresden kann ja auf zwei der schönsten und bestplatzierten Brücken Deutschlands stolz sein: auf die Augustusbrücke zwischen Alt- und Neustadt und die malerische Eisenkonstruktion des "Blauen Wunders" zwischen Blasewitz und Loschwitz. Diese beiden Brücken mit ihren jeweils dicht umbauten Kopfenden führen geradezu exemplarisch vor, wie Brücken die Stadtlandschaft bereichern.
Auch im freien Gelände können Brücken sehr reizvoll sein, doch wenn man im Herzen einer Großstadt einen in sich abgekapselten Grünbereich in der Mitte durch eine hochgestemmte Autobahn zerschneidet, fällt die grüne Lunge in sich zusammen, der vormals geschützte Bereich wird Teil des städtischen Wegenetzes und gerät als angenagtes Stück ins Blickfeld der Spekulanten. Sollten nach dem Bau der Waldschlösschenbrücke also die bislang verschonten Partien der Elbhänge bebaut werden, braucht sich niemand zu wundern.
Dass die betroffenen Wohngebiete durch die neue Schnellverbindung über die Elbe wirkungsvoll entlastet würden, darf bezweifelt werden, denn die Brücke zieht eine Menge zusätzlichen Verkehr an, der an den Enden verteilt werden muss.
Verlorene Lebensqualität
Unten in den Auen jedenfalls, im Wohngebiet Striesen, wo mit den prächtigen Alleebäumen schon ein Stück Lebensqualität vernichtet worden ist, werden die herbeigelockten Autokolonnen ein Chaos verursachen, denn das neue Autobahnstück wird hier im Zickzack über alte Vorort-Wohnstraßen weitergeführt.
Übrigens: Auch der als Alternative zur Brücke vorgeschlagene Tunnel unter der Elbe hätte mit denselben Problemen zu kämpfen. Doch die Kulturlandschaft des Tals würde durch ihn kaum behelligt werden. Die langgezogene Kurve des Flusses mit den Weinbergen und dem Kranz von Villen auf dem begleitenden Hügelsaum könnte bei Spaziergängen weiterhin in ganzer Schönheit erlebt werden. Wenn aber erst einmal die Brücke über die Elbauen stampft, schrumpft der weite Talraum auf ein kurzes Davor und ein unbestimmtes Dahinter zusammen.
Der kulturpolitische Schaden, der durch die Abqualifizierung des Elbtals angerichtet würde, ist immens. Nicht nur, dass die Stadt Dresden, die mit dem Wiederaufbau ihrer großartigen Kulturmonumente die Welt zum Staunen gebracht hat, in der infernalischen Gemeinschaft mit den Antilopen-Killern von Oman dem Gespött der Welt anheimfallen würde, auch der Freistaat Sachsen würde viel von seinem kulturellen Ansehen verlieren.
Dresdner Sündenfall
Wenn man dann gar noch hört, dass führende Politiker dieses Landes vor kurzem auch den Plan, die Sächsische Schweiz in das Rennen um den Welterbetitel zu schicken, torpediert haben, dann müsste man das Land Sachsen eigentlich kulturell für unmündig erklären, doch würde man dann jenen Bürgern, die sich leidenschaftlich gegen die planerischen Machenschaften zur Wehr gesetzt haben, heftig Unrecht tun.
Die Aberkennung des Welterbetitels wird auch andere deutsche Kulturdenkmale in ein schiefes Licht setzen. Schon mehrfach sind deutsche Welterbestätten wegen maßloser Bauplanungen auf die Rote Liste geraten, doch mit planerischen Kompromissen haben die betroffenen Städte das Unheil abwenden können.
Nach dem Dresdner Sündenfall werden die deutschen Stätten noch strenger kontrolliert werden. Das Mittlere Rheintal, wo eine Straßenbrücke in Sichtweite der Loreley im Gespräch ist, und die Hansestädte Wismar und Stralsund, die mit Großplanungen im geschützten Altstadtbereich konfrontiert sind, können sich jedenfalls schon mal auf härtere Zeiten vorbereiten.
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- Dresdner Elbtal Noch ein Jahr Welterbe 04.07.2008
- Dresden Lieber unten drunter als oben drüber 08.03.2008
- Umstrittene Elbtalbrücke Die Bagger rollen an 16.11.2007
- Bildstrecke Was zum Weltkulturerbe gehört 02.07.2009
(SZ vom 05.07.2008/mst)
Partyzone Flußufer
Tja, der Welterbetitel ist jetzt wohl weg. Die Verantwortlichen haben wohl die Unesco nicht für voll genommen und gedacht, daß man das schon irgendwie deichseln kann mit Brücke und Welterbestatus. War wohl nix. Schmu funktioniert eben nur innerhalb von Sachsen.
Man muß wirklich betonen, daß dies ein einmaliger Vorgang in der Geschchte der Welterbestätten ist. Dresden fällt hinter afrikanische Länder wie Äthiopien, Elfenbeinküste, Guinea, Kono und Senegal zurück. Diese sind ebenfalls weder geistig noch kulturell in der Lage, ihre Stätten zu schützen, eine Art geistig-kultureller Bankrotterklärung, aber noch auf der roten Liste und nicht in hoffnungsloser Lage.
Dresden ist da einen Schritt weiter. Das Ganze ist an Peinlichkeit schwer zu überbieten. Bei Dresden wird nicht die Elbe per Brücke der banalen Austauschbarkeit, sondern mittlerweile der tiefe Absurdikon überschritten.
Sonstige Konsequenzen sind für die verantwortliche von Seiten der UNESCO nicht angedroht!
Einige Verantwortliche wollten sich mit der Brücke ein Denkmal setzen- ein Tunnel ist weniger sichtbar und vermutlich auch ein wenig teurer (angblich 60 Millionen?)- wobei ich mir da nicht so sicher wäre.