Umweltschutz Der Einzelne ist machtlos

Die Öko-Avantgarde: Nur eine diskursmächtige Minderheit mit hoher Bildung und Einkommen kann sich nachhaltigen Lebensstil leisten. Warum die Politik die Umwelt retten muss.

Von Oliver Geden

Der ökologische Diskurs zeichnet sich in Deutschland durch eine bemerkenswerte Skepsis gegenüber den Möglichkeiten institutionalisierter Politik aus. Die Notwendigkeit "umweltfreundlichen" Handelns wird dementsprechend auf zwei Ebenen thematisiert. Gefragt sei nicht nur eine konsequente Umweltpolitik, vonnöten seien mindestens ebenso sehr Bewusstseins- und Verhaltensänderungen im Alltag eines jeden Einzelnen.

Im gegenwärtigen Boom von Klimaratgebern und Öko-Lifestyle-Internetportalen, im Kauf von Autos mit Hybrid-Antrieb oder dem Wechsel zu Ökostrom-Tarifen drückt sich nicht nur ein fehlendes Vertrauen in den Politikbetrieb aus, sondern zugleich auch eine immense Überschätzung "politisierter" Alltagspraxis. Denn diese gelangt selten über die Sphäre der symbolischen Ökonomie des Avantgarde-Bewusstseins hinaus.

Der Wunsch, den eigenen Alltag entlang einer politischen Leitidee zu organisieren, ist selbstredend nicht in allen gesellschaftlichen Schichten gleich stark verankert. Auch wenn in der Diskussion um den Klimawandel gern hervorgehoben wird, dass das "Überleben der Menschheit" auf dem Spiel stehe, so hat eine Mehrzahl der Bundesbürger offensichtlich drängendere Alltagssorgen.

Den Versuch eines "nachhaltigen Lebensstils" unternimmt lediglich eine kleine, wenn auch diskursmächtige Minderheit, die sich nicht zuletzt durch eine Kombination von hohen Bildungsabschlüssen und Einkommen auszeichnet.

Die gesteigerten Ansprüche an das Klimabewusstsein des verantwortungsbewussten Einzelnen sind jedoch nur um den Preis einer Verkomplizierung seiner Alltagspraxis zu haben. Schließlich ist beinahe jede Handlung in irgendeiner Weise klimarelevant. So entsteht der Öko-Avantgarde aber nicht nur ein deutlich erhöhter Bedarf an Orientierungswissen. Sie muss sich zudem mit dem selbst gewählten Anspruch herumschlagen, dieses Wissen trotz vielfacher Widerstände auch handlungsleitend werden zu lassen.

In Milieus, in denen die dazu notwendigen Kapazitäten zeitlicher, kognitiver und finanzieller Art eher schwach ausgeprägt sind, wird ein klimabewusster Lebensstil fremd bleiben müssen. Ein solcher ist aus Sicht des Einzelnen nur dann erstrebenswert, wenn die eigenen Anstrengungen auch mit positiven Bedeutungskonnotationen versehen werden können.

Die ruinieren unser Klima

Am sichersten gelingt diese Operation noch immer im beständigen Vergleich mit anderen, weniger umweltbewussten Existenzen - sei es in der moralisierenden Abwertung der Ignoranten in der eigenen Nachbarschaft ("das muss doch wirklich nicht sein"), sei es in der selbstgerechten Verurteilung von China, Brasilien und den USA, die gern unter Generalverdacht gestellt werden, "unser Klima zu ruinieren".

Man könnte über die Fragwürdigkeit solcher Motivlagen getrost hinwegsehen, wenn sie denn spürbar positive Klima-Effekte nach sich ziehen würden. Dies aber ist allzu häufig nicht der Fall, vor allem deshalb, weil der Einzelne der Komplexität klimapolitischer und energiewirtschaftlicher Funktionszusammenhänge meist nicht gewachsen ist.

Nur ein Beispiel: Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass Stromsparen im Haushalt zu einer Verminderung des CO2-Ausstoßes führen wird. Dem ist jedoch mitnichten so. Denn das EU-Emissionshandelssystem ist so konstruiert, dass das Gesamtvolumen der Emissionsberechtigungen, die von Kraftwerksbetreibern und energieintensiven Industriezweigen erworben werden müssen, schon auf Jahre hinaus festgelegt ist, mit stetig sinkender Tendenz. Eine verminderte Elektrizitätsnachfrage privater Haushalte ändert nichts an der Gesamtzahl der ohnehin knappen Zertifikate.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum Stromsparen nicht weiterhilft.