Umweltdebatte Im toten Winkel

Viel zu lange hat man nicht deutlich genug gesagt, wer für den Klimawandel verantwortlich ist. Das kann man nun nicht mehr ignorieren.

Von Jennifer Jacquet

Wissenschaftler und Medien finden derzeit neue Wege, wie man die Verantwortung für den Klimawandel lokalisiert. Das ist eine entscheidende Erkenntnis, denn wer das Problem verursacht hat, steht auch in der Pflicht, bei der Lösung zu helfen. In der Frühphase der Klimaverantwortung konzentrierte man sich darauf, die Treibhausgas-Emissionen nach Ländern aufzuschlüsseln, wobei man immer auf die Unterschiede zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern hinwies (eine Unterscheidung, die nicht mehr so sinnvoll ist, seit China und Indien zwei der drei Top-Emissionsländer geworden sind).

In der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts verlegte sich der Fokus auf die Konsumenten. In der zweiten Dekade rückten dann die Konzerne und Hersteller in den Mittelpunkt der Debatte. Allerdings nicht nur aufgrund ihrer Rolle beim Ausstoß von Treibhausgasen, sondern auch wegen ihrer Anstrengungen, die Öffentlichkeit über die wissenschaftlichen Tatsachen des Klimawandels hinwegzutäuschen und politische Konsequenzen zu verhindern.

Obwohl wir die Industrie bisher immer für Umweltverschmutzung verantwortlich gemacht haben, für Giftmüll zum Beispiel, gab es eine Debatte, ob es denn fair sei, die Last der Verantwortung von der Nachfrage- auf die Angebotsseite der Konsumgesellschaft zu verschieben. Neue Untersuchungen haben allerdings gezeigt, wie einige Konzerne, die fossile Brennstoffe herstellen, mit Klimawissenschaft umgehen. Seit den späten Achtzigerjahren, als klar wurde, welche Risiken der Klimawandel mit sich bringt, haben sie systematisch Projekte finanziert, die wissenschaftliche Erkenntnisse unterminiert und die Zukunft fossiler Brennstoffe gesichert haben.

Ein Grund für diese jüngsten Untersuchungen ist die immer größere Zahl der wissenschaftlichen Felder, die (oft interdisziplinär) den Klimawandel erforschen. Psychologen gehörten zu den Ersten, die mit sozialwissenschaftlichen Untersuchungen zum Klimawandel in die Schlagzeilen kamen (was auch erklärt, warum die individuelle Verantwortung in der Debatte zunächst eine so große Rolle spielte).

Dann aber kamen Forscher aus Disziplinen wie Soziologie und Wissenschaftsgeschichte dazu, welche die Rollen der Konzerne und mitschuldigen Medien dokumentierten, die sie bei der Verhinderung sinnvoller Klimamaßnahmen spielten. Sie trugen entscheidend dazu bei, dass sich unser Verantwortungsbegriff erweiterte.

Die zunehmende Gewissheit, dass Konzerne und Hersteller für den Klimawandel verantwortlich sind, bekamen wir nun in verhältnismäßig kurzer Zeit. Das Timing ist allerdings peinlich. Während der letzten beiden Jahrzehnte der Debatte, die in Amerika als "Klimakriege" gehandelt werden, hat man Wissenschaftler immer wieder und aus immer neuen Gründen dafür angegriffen, dass sie so wenig gegen den Klimawandel tun. Es hieß, sie würden miserabel kommunizieren und erzeugten so Unsicherheiten, Depressionen und Angst. Ich finde keinen der Vorwürfe sonderlich überzeugend.

Das eigentliche Versagen sowohl der Wissenschaft als auch der Medien bestand darin, lediglich zu dokumentieren oder überhaupt nur zu bemerken, wie geschickt Konzerne den Kampf gegen den Klimawandel ausbremsen. Das ist ihr und unser größtes Versagen. Denn wir können den Konzernen vielleicht die Schuld für die Politik und den Medien für die gespaltene öffentliche Meinung geben, aber das erklärt eben nicht, warum Forscher und Journalisten die Rolle der Konzerne so lange übersehen haben. Jetzt, da wir die entscheidende Rolle der Industrie im Klimawandel erkannt haben, können wir uns nicht mehr erlauben, dass sie wieder in unserem toten Winkel verschwindet.

Die Autorin forscht an der New York University zu Umweltthemen. Der Text ist eine der Antworten auf die Frage des Jahres, die das Onlinemagazin Edge.org insgesamt 197 Wissenschaftlern, Intellektuellen und Künstlern gestellt hat. Sie lautet: "Welche Nachricht war für Sie wichtig?"