Umstrittene "Vertriebenen-Ausstellung" Heimweh, das ich meine

Dann aber, im Obergeschoss, findet man tatsächlich: Europa - als wandhohe, schwarz-weiße Karte, in Augenhöhe durchzogen von einem eng beschrifteten, von Fotos und Schaukästen durchbrochenen Fries. Hier zieht das ¸¸Jahrhundert der Vertreibungen" vorüber, das 80 bis 100 Millionen Menschen ihre Heimat kostete. Und, ja, den Kuratoren gelingt es, Kapitel europäischer Geschichte ins Gedächtnis zu rufen, von denen bislang nur Experten wussten. Das bekannteste dürfte dabei noch die Vertreibung der Armenier im osmanischen Reich sein, von deutschen Diplomaten beobachtet - ¸¸Der Euphrat treibt von neuem und in verstärktem Maße Leichen herunter", schrieb der Konsul in Aleppo 1915 an den deutschen Botschafter in Konstantinopel -, vom deutschen Theologen Johannes Lepsius dokumentiert und vom deutschen Kaiser aus militärischer Raison hingenommen.

Aber was wusste man über die Vertreibung von Griechen und Türken 1922/1923, die 1,2 Millionen Griechen aus Kleinasien, dem Pontus und dem Kaukasus heimatlos machte sowie 355 000 Muslime aus Griechenland? Was über die Vertreibung der Italiener aus Jugoslawien, über Triest, das 1945 jugoslawisch wurde, 1947 zum Freistaat und 1954 wieder italienisch, wo Flüchtlinge aus dem Hinterland riesige Möbellager füllten, aus denen die Ausstellung Schreibtisch, Puppenwagen und Wagnerbüste zeigt? Die Karelier, die zwischen Hitler, Stalin und der finnischen Regierung zerrieben wurden, ähnlich wie die Balten, die griechischen und türkischen Zyprioten - ja, es gibt vieles zu entdecken in dieser Ausstellung. Und doch.

Und doch belegt der unbestreitbar europäische Ansatz nur eine neue, geschmeidigere Strategie des Zentrums, aber keinen fundamentalen Sinneswandel. Das wird an Kleinigkeiten deutlich, an mangelnden Bezügen, kleinen Lücken. Zwar fehlt es nicht an Schilderungen deutscher Verbrechen. Der Hitler-Stalin-Pakt, die Verheerungen im Generalgouvernement, die Vernichtung der polnischen Intelligenz, alles dies wird in wünschenswerter Klarheit dargestellt - nur mit der Vertreibung der Deutschen scheint es nichts zu tun zu haben. ¸¸Hauptursache für die Vertreibungen in den deutschen Ostgebieten", so heißt es, ¸¸war die durch Stalin betriebene und von den Westalliierten und der polnischen Regierung akzeptierte Westverschiebung Polens bis an die Oder-Neiße-Grenze." Dass es ohne den deutschen Überfall auf Polen keine Vertreibung und keine Westverschiebung gegeben hätte, kann sich der Besucher selbst hinzudenken - oder eben nicht.

Selten nur deutet die Ausstellung an, dass auch Ostpreußen nicht auf dem Mond lag, sondern - wie ganz Deutschland - seinen Teil der Schuld an den Verbrechen der Nazis trug. Eines dieser raren Zeugnisse ist der Brief des Männerturnvereins Gumbinnen bei Königsberg vom Mai 1933. Darin teilt der Vorstand Herrn Cohn mit, die Deutsche Turnerschaft habe inzwischen ¸¸den Arierparagraphen in ihre Satzung aufgenommen" und sehe sich daher veranlasst, ihn ¸¸von der Mitgliederliste zu streichen".

Stattdessen breitet die Ausstellung Flüchtlingsleid aus, das sich in seiner emotionalen Dramatik über eine historische Einordnung erhebt. In zwei Räumen haben die Kuratoren weiße Kisten zu Türmen gestapelt, Vitrinen für das, was von der Heimat übrig blieb. Die Boots- und Kleiderschrankschlüssel von Titina Loizidou aus Nordzypern finden sich da ebenso wie das Quartett ¸¸Oh, Du mein Danzig" oder zwei eckige braune Flaschen mit Likören der Marke ¸¸Pomeranzen" und ¸¸Kurfürstlicher", außerdem ein zypriotisches Fotoalbum mit Menschen in hässlicher Kleidung, aber in glücklichen Tagen sowie die Geige des Letten Voldemars Sprogis, die dieser in einem sowjetischen Lager aus Brettchen und Suppenknochen bastelte. Dass die Ausstellung donauschwäbische Trachten, Heimatlieder und Bauernmalerei mit einem seltsam affirmativen Heimweh-Gestus inszeniert, mag der Empathie geschuldet sein. Aber das unkommentierte Nebeneinander von Boleslaw Kijanas Essgeschirr aus Birkenrinde, das der Pole im sibirischen Lager schnitzte, mit deutschen Gummischuhen aus einem sowjetischen Lager Ende der Vierziger, die Fotowände von Kindern mit leeren Augen in Elend und Not, denen man nicht mehr ansieht, ob sie aus Karelien, Zypern oder Pommern kommen - dieses Nebeneinander unterscheidet auf den ersten Blick nicht, ob der Flucht womöglich ein Angriffskrieg vorangegangen ist.

Über den Holocaust, so hatten die Kuratoren, so hatte Erika Steinbach betont, wolle und könne man nicht sprechen. Der sei ein eigenes Kapitel, man wolle sich nicht den Vorwurf der Gleichsetzung einhandeln. Umso aufschlussreicher sind jene Stellen, an denen dann doch davon die Rede ist. Ausführlich behandelt die Ausstellung die Vertreibung der Juden als ¸¸Baustein des Holocaust". Man wolle den ¸¸schrittweisen Prozess der Vertreibung bis zum Holocaust" zeigen. Das ist nicht falsch, aber es bekommt ein seltsames Echo, wenn man weiß, dass das Zentrum gegen Vertreibungen im Internet sein Konzept für eine Dauerausstellung darlegt, in dem Vertreibung als eine Art nicht vollendeter Genozid verhandelt wird. Noch gravierender ist jene Passage, in der in einer kurzen Notiz die Sprache eben doch auf die Konzentrationslager kommt. ¸¸Eine heute perfide scheinende Umnutzung", so heißt es, stellte nach dem Krieg die Verwendung von Konzentrationslagern für die Unterbringung von Flüchtlingen, Vertriebenen und anderen Displaced Persons dar. Da werden Vertriebene zu KZ-Opfern.

Drei Tage lang ist die Schau im Kronprinzenpalais parallel zur Ausstellung ¸¸Flucht, Vertreibung, Integration" im Deutschen Historischen Museum zu sehen, auf der anderen Straßenseite Unter den Linden. Im DHM wirkt die mühsame, am Ende aber geglückte Integration wie ein konstruktiver Kommentar zur Frage, ob und wie sich Fremde heute in eine Gesellschaft einfügen lassen. Im Kronprinzenpalais dagegen ist die Flucht als traumatischer Moment gleichsam geronnen. Mit keiner Silbe erwähnt die Schau die Ostverträge aus den Siebzigern oder den deutsch-polnischen Grenzvertrag von 1990. Dafür dokumentiert sie das Abkommen von Dayton 1995, das erstmals ¸¸den Vertriebenen auch das Recht auf Rückkehr in die Heimat verbürgt". So vermag die Ausstellung dort, wo es darauf ankommt, weder eigenständiges wissenschaftliches Gewicht noch den Eindruck von Versöhnlichkeit zu entfalten. Zu sehr ist sie als politisches Instrument erkennbar.

¸¸Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts", Berlin, Kronprinzenpalais Unter den Linden 3. bis 29. Oktober.