Umgang mit Westerwelles Krebserkrankung Alles Gute, Mensch

Guido Westerwelles Lebensmotto, "Carpe diem", kommt nur jenen Menschen banal vor, die nicht mehr in der Lage sind, zu staunen. (Im Bild mit Lebensgefährte Michael Mronz)

(Foto: REUTERS)

Was es über unsere Gesellschaft aussagt, dass ein kranker Ex-Politiker - der mal ziemlich unbeliebt war - die Deutschen weich macht.

Von Alexander Gorkow

Am Freitag auf der Titelseite der Bild, am Samstag auf der Titelseite des Spiegel, am Sonntag in der ARD bei Günther Jauch: Schon der Politiker Guido Westerwelle hat sich oft in und gemeinsam mit der Öffentlichkeit verhandelt. Auch den Ex-Politiker Guido Westerwelle, auf dem Weg der Besserung nach der Krebsdiagnose vor knapp zwei Jahren, gibt es jetzt, im Herbst 2015, öffentlich. Der Anlass einer Buchveröffentlichung mag all jenen als durchsichtig erscheinen, die eine so persönliche Katastrophe anders verhandeln oder verhandeln würden als Westerwelle: stiller, mit Freunden und Lieben, und zwar auch nach relativer Genesung.

Aber die Welt ist glücklicherweise bunt, also gehören zu ihr auch Menschen mit großem Mitteilungsbedürfnis, seien sie Zeitungsautoren in der SZ, shoppende Millionenerbinnen auf Vox oder von der Todesahnung gezeichnete Prominente wie Westerwelle, die ein Buch herausgeben. Es geht eben so und so.

Der Tod ist nicht verhandelbar

Wolfgang Herrndorf hat unter anderem aus seinem Gehirntumor große Literatur gemacht; der Liedermacher und Todesspezialist Ludwig Hirsch ist nach seiner Krebsdiagnose noch in der Klinik aus dem Fenster gesprungen; und der übrigens wunderbare Vater des Autors dieser Zeilen verbat sich im Sterben zu viel Mitgefühl und war so renitent, dass er neben anderen auch Margot Käßmann beschimpfte, die oben an der Zimmerdecke des Krankenzimmers stumm geschaltet in einer TV-Show zu sehen war: "Tückisches Frauenzimmer! Aus!"

Noch mal: Es geht eben so oder so. Nur der Tod ist nicht verhandelbar, das wusste der Vater seit seinen Tagen als 18-Jähriger in Russland, das wusste der junge Herrndorf, der sich die Kugel gab, das weiß Westerwelle, dessen Bekenntnis carpe diem jetzt nur den Menschen banal vorkommt, die wirklich nicht mehr in der Lage sind, zu staunen - ja, wie schön doch tatsächlich das Meer ist und das Licht und die Bäume, und dieses Leben ist ein Wunder. Wenn das in einem Buch steht von einem, der erst wieder lernen musste zu sehen (und wie viele von uns müssten es dringend wieder lernen), so kann man jetzt schon klar sagen: Es gibt diesen Herbst bedeutend bescheuertere Neuerscheinungen als diese, und zwar viele.

Dass die Fotos Westerwelles auf Bild und Spiegel, gewollt oder ungewollt, als quasireligiöse Opfer-Ikonografie aufploppen, kommt einem dann aber am Montag nach der Jauch-Sendung doch ziemlich interessant vor. Das war als Personalitytalk, was das Spiegel-Interview auch ist: bewegend. Politisch war die Sendung bedeutungslos, da man nichts bis wenig erfuhr über die Gebaren der Pharmaindustrie, über richtige, falsche oder gar keine Therapien, über deutsche und also schlechte Gesundheitspolitik grundsätzlich. Dass man von der ARD und dem immer herrlicher melancholisch werdenden Jauch da nicht (mehr) zu viel erwartet: geschenkt.

Man reibt sich die Augen

Interessant ist am Tag danach etwas anderes - nämlich die grenzenlose, tatsächlich ausufernde Anteilnahme, die dem grell ausgeleuchteten Opfer Westerwelle widerfährt. Man reibt sich die Augen. Diese Anteilnahme gönnt man dem Mann erstens von Herzen. Zweitens muss sie immerhin die paar Leute verstören, die den politisch noch aktiven Westerwelle zwar mitunter nervtötend und sich selbst grell ausleuchtend, aber grundsätzlich auch immer wieder interessant fanden, in dem Sinne nur zum Beispiel, dass er ein brillanter Redner war in einem Parlament, in dem man mit Plattitüden auch mal so vollgedröhnt wird, dass man beim Zuhören ohnmächtig von der Tribüne fallen möchte.