Übersetzung Sensationell ereignislos

Die Beschreibung des Alltags geht vom Regelfall aus, von der Wiederholung des Immergleichen. Darin besteht die Radikalität der Romane J.J. Voskuils. Sein Zyklus "Das Büro" liegt jetzt endlich vollständig übersetzt vor.

Von Matthias Kniep

Der niederländische Autor J. J. Voskuil ist ein Erzähler ohne Fantasie. Drachen über Westeros aufsteigen zu lassen oder eine scheibenförmige Welt zu erfinden, die auf vier Elefantenrücken balanciert, wäre ihm abwegig erschienen. Voskuil konnte und wollte sich nichts ausdenken. Zugleich wusste er, dass der reine Stoff der Wirklichkeit allenfalls dann zu haben ist, wenn er mit den Mitteln der Fiktion gestreckt wird. Es ist ein eigentümliches Mischungsverhältnis, ein Diffundieren des einen in das andere. Man schlüpfe in ein erfundenes Gewand und komme bei wirklichen Ärmeln heraus, so beschrieb einmal Heimito von Doderer dieses Verfahren; noch so einer, der sich nichts ausdenken mochte.

Voskuils Romanzyklus "Das Büro", der nun in sieben Bänden mit insgesamt mehr als fünftausend Seiten vollständig im Verbrecher Verlag vorliegt, erzählt vom Berufsalltag in einer Amsterdamer Forschungseinrichtung für Volkskunde: dem A. P. Beerta-Institut. Das reale Vorbild für dieses "Büro" ist das renommierte Meertens Instituut, an dem Voskuil selbst beschäftigt war. Voskuils Alter Ego, Maarten Koning, arbeitet in der Abteilung für Volkskultur. Später wird er dieser Abteilung vorstehen und sie, wie eine Mitarbeiterin das bei seiner Verabschiedung in die Frührente ausdrückt, nach dem Muster eines Haydn-Trios aufbauen.

Eine Welt aus Hängeregistern, Schriftgutbehältern und Büroklammerspendern

Dreißig Jahre, die Zeit zwischen 1957 und 1987, verbringt er dort. Tag für Tag begleiten wir ihn ins Büro, schieben das Namensschild ein- und später wieder aus, folgen ihm durch die verwinkelten Gänge des Gebäudes, durch das Musikarchiv und den Karteisystemraum, werden Zeugen von institutsinternen Rangeleien um Mittelzuweisungen und spähen durch den Lichtschacht in eines der gegenüberliegenden Nachbarbüros. Man beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Brotkonsum und Gruppenbewusstsein, mit Jahresfeiern und Brummtöpfen oder dem Unterschied zwischen bemalten und angestrichenen Möbeln. Wann immer die Frage nach dem Sinn des Ganzen gestellt wird, schaut man auf Maarten Koning.

Er, der sonst der Erste ist, wenn es darum geht, seinen Forschungsauftrag für überflüssig zu erklären ("wenn mein Institut aufgelöst wird, würde kein Schwein es merken"), ist gleichzeitig derjenige unter den Mitarbeitern, der im Bedarfsfall die griffigste Definition bei der Hand hat. Es gehe in seinem Fach, erklärt er allen, die es hören wollen, um den Kulturwandel in der Zeit und die Kulturausbreitung im Raum. Dieser Maarten Kooning bereichert die moderne Literatur, die Hilfsbuchhalter, Zollaufseher, Textilreisende und sogar Spekulanten an der Kaffeebörse kennt, um den Phänotyp eines wissenschaftlichen Beamten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Martin Walser beschreibt in seinem Aufsatz "Warum brauchen Romanhelden Berufe?" die Arbeit als den "fundamentalen Ausdruck dessen, was den Roman veranlasst hat, worauf der Roman reagiert". Er dürfte seine Freude haben an diesem emsigen Volkskundler. Mehr Beruf war nie im Roman. Unter den Werktätigen der Weltliteratur ist Koning König.

Wir sind es gewohnt, das Ereignis in einer Erzählung, dasjenige, was Handlung überhaupt erst in Gang setzt, vom Ausnahmefall her zu denken, als etwas Singuläres, als Moment der Überschreitung. Voskuil macht es umgekehrt: Seine minutiöse Beschreibung des Alltags geht vom Regelfall aus, von der Wiederholung des Immergleichen. Darin besteht die Radikalität seines Romans und die Zumutung für den Leser. Das Nicht-Ereignis muss Ereignis werden. Aber kann das tatsächlich gut gehen, Tausende Seiten angefüllt mit nichts als dem Grau-in-Grau einer monotonen Büroexistenz? Literatur als Inventarisierung einer in sich geschlossenen Welt, die zum Quellort einer tristen Fachsprache wird mit ihren Hängeregistraturen, Schriftgutbehältern und magnetischen Büroklammerspendern?

Es kann, denn Voskuils Stil, der nicht viel Aufhebens von sich macht, der schmucklos und effizient zugleich ist, der keine Metaphern, keine Similes kennt, hat in den Alltagsbeschreibungen mehr Grauschattierungen zu bieten als der Farbfächer von Farrow & Ball. Manchmal ist die Abwesenheit eines erkennbaren Stils eben doch der ganz große Stil. Nun hätte das Institut für Volkskunde natürlich genauso gut ein Finanzamt sein können oder ein Jobcenter. Da Voskuil aber nun einmal nach dem Leben malt, durfte es nichts anderes sein. Das Büro ist bei ihm ohnehin nur eine Kulisse, wenn auch eine gut ausgeleuchtete.

In erster Linie ist der Roman die groß angelegte Versuchsanordnung zu einer Selbsterkundung. Voskuil lässt Maarten Kooning, diesen Aufstiegsverweigerer und halbherzigen Saboteur des eigenen Fachs, zurückschauen und fragen: Wie ist es gewesen, und wie ist es so gekommen? Da "Das Büro" aber das Gegenteil eines Bildungsromans ist, wird sein Held auch nicht zielgerichtet durch die Etappen seines Schicksals bewegt. Niemals erreicht er ein Plateau, von dem aus sich die Lage sicher einschätzen ließe.

Im Mittelpunkt der Büroszenen, die Koning meist ratlos und unglücklich zurücklassen, steht der erzwungene Kontakt zu den Kollegen und die Peinlichkeit, die der Umgang mit Menschen, die man sich im eigentlichen Sinne nicht aussuchen konnte, mit sich bringt. Das Personal von "Das Büro" umfasst weit mehr als hundert Figuren. In einer diskreten Choreografie werden diese durch die Räume des Instituts geschleust, wobei sich Voskuil als glänzender Porträtist zeigt, der eine größere Verwandtschaft mit dem Menschensammler John Aubrey aufweist als mit dem Chronisten Marcel Proust. Voskuil versteht es, in wenigen Sätzen eine Figur durch das Herausgreifen nur einer Eigenart, die sie von da an leitmotivisch begleitet, als tatsächliches Gegenüber zu etablieren. Da ist die drollige Gutgelauntheit der Dokumentarin Joop Schenk oder die rotierende Pupille von Mark Grosz, einem Mitarbeiter des Allgemeinen Dienstes. Da ist die stets raue Stimme von Rie Veld, einer Beamtin aus dem Volksmusikarchiv, oder das explosive Lachen von Gert Wiggelaar, einem Kollegen aus der Abteilung für Volkskultur. Ein weiteres Mittel der Charakterisierung besteht in der Art und Weise, wie die Rede der Figuren gestaltet wird.

"Das Büro" ist zum überwiegenden Teil ein Dialogroman, und Voskuil, der ein absolutes Gehör besitzt für die Sprachmanierismen seines Personals, steht nicht zurück hinter den zwei Meistern dieses Genres: Ivy Compton-Burnett und William Gaddis. Die manchmal absurde Komik der Flurfunk-Dialoge quer durch die Abteilungen veranlasste die deutsche Kritik anfangs dazu, Voskuil in die Nähe von Loriot zu rücken. Man wollte in ihm partout einen Humoristen sehen und verkannte, dass ein Autor, der Humor hat, nicht dasselbe ist. Ein zweiter wichtiger Schauplatz des Romans ist das Zuhause von Maarten Koning. Hier begegnen wir dessen Frau Nicolien, hier wird der Büroroman zum Eheroman. Voskuil ist nicht Edward Albee, und niemand in Amsterdam hat Angst vor Virginia Woolf, trotzdem verläuft die Ehe der Konings nicht gerade harmonisch. Nicolien hadert mit dem protestantischen Arbeitsethos ihres Mannes und erinnert ihn unablässig an das, was man einander einstmals versprach, bevor das Büro die Zweisamkeit störte. Für sie ist seine berufliche Karriere der Verrat an einem gemeinsamen linken Ideal. In Nicoliens Strenge liegt aber auch eine große Reinheit, und die wenigen epiphanischen Momente des Glücks und der Rührung - ja, denn auch die gibt es - erlebt Maarten mit ihr.

Dieses Buch kennt mehr Schattierungen von Grau als der feinste Farbfächer

Während Maarten sein eigenes Ich erkundet, wird das Ich seiner Schwiegermutter von einer Demenz zersetzt. Die degenerative Auflösung einer Persönlichkeit und die Auswirkungen auf die Familie sind kaum jemals besser beschrieben worden. Der sechste Band "Abgang" ist dann auch das schwärzeste Buch innerhalb des Zyklus'. Alles ist auf Abschied gestimmt. Die Schwiegermutter stirbt, und im Körper von Frans Veen, einem ehemaligen Kollegen, streut der Krebs. Die schmerzhaft genaue Beschreibung seines Sterbens ist der dunkle Höhepunkt des Romans.

Auch Anton P. Beerta, Maartens Mentor, der ihn in den Fünfzigerjahren für das Büro angeworben hatte, stirbt in diesem sechsten Band, an den langwierigen Folgen eines Schlaganfalls. Mit Beerta, einer Figur, die eine ironische Großzügigkeit anderen Menschen und sich selbst gegenüber besitzt, vollbringt Voskuil das, was in der Literatur meistens misslingt: das Porträt eines Exzentrikers. Da Voskuil alle Übertreibungen meidet, kann aus Beerta eine liebenswerte Figur werden, die nichts gemein hat mit jenen eigenbrötlerischen Privatgelehrten, die uns etwa in den Romanen eines Wilhelm Raabe begegnen.

Der kurze, abschließende Band "Der Tod des Maarten Koning" bildet die Coda des Zyklus. Der Tod im Titel, so viel sei verraten, ist ein Tod im Traum. Maarten geht in den Vorruhestand. Seine größte berufliche Leistung ist die Reformierung eines Faches, an dessen Seriosität er immer ein wenig zweifelte. Der Volkskunde hat er den Glauben an die Kontinuität eines "Volkscharakters" endgültig ausgetrieben. Bei seiner Verabschiedung prophezeit ihm ein Kollege, dass er ein Buch schreiben wird, das den Titel "Das Büro" trägt.

Zuletzt die Frage: Gibt es eine Ersatzdroge für alle Voskuil-Leser? Die gibt es allerdings. Sie heißt Voskuil. Der Autor, der 2008 starb, ist nicht der Mann des einen Buches. Er hinterließ ein umfangreiches Werk mit Romanen, deren Held immer ein gewisser Maarten Koning ist. Es bleibt zu hoffen, dass sein großartiger Übersetzer Gerd Busse bereits am Schreibtisch sitzt.

J.J. Voskuil: Das Büro 7: Der Tod des Maarten Koning. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Verbrecher Verlag, Berlin 2017. 256 S., 24 Euro.