Vernissagen sind das neue Starbucks. Sie ziehen wahllos Publikum an. Die Zeit, in der es keine Vernissagen gibt, überbrückt der Kunstzirkus mit Kunstmessen, wie der Frieze in London oder, wie jetzt gerade, der Art Basel. Sollte nun wer einwenden, dass ich bitte nicht die Kunst mit dem Kunstzirkus in einen Topf werfen möge? Ja, ja, ist ja schon gut . . .

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Jede Kunstform hat aber das Publikum, das es verdient. Im schlechtesten Fall sitzt man im Kino bei "Sex and the City" vor einer Reihe hysterischer Muttis, die ständig zum Pipimachen müssen, man lässt sich im Theater von Ben Becker aus der Bibel vorlesen, oder man geht in Berlin auf ein Konzert von Adam Green, wackelt dazu mit dem ungewaschenen Kopf und schreibt in seinen Kinderblog auf MySpace, den keiner liest, dass es toll war.

Was die bildende Kunst angeht, müsste man schon so sympathisch lächeln wie der Künstler am Eingang dieses Textes, wollte man mir einreden, hier gehe es um Anmut und Aussage von Werken, die sich, wie ein Kurator sagen würde: dem Betrachter in ihrer Sperrigkeit, hüstel, in den Weg stellen . . .

Malt der Künstler auf eine Leinwand, so bedient er eine Oberfläche, und keine Frage, dabei enstehen immer wieder mal Bilder von Zauber. Überhaupt lässt sich die Oberfläche, vor allem auch die Oberflächlichkeit gar nicht genug loben, solange sie was hermacht.

Viel Lärm um nichts

Das Problem aber ist ja nicht neu: es wird inzwischen ein Kunstmarkt bedient, der so heißgelaufen ist wie der Immobilienmarkt der Londoner Stadtteile Mayfair und Kensington, was heißt, dass man an der Tür nicht mehr so genau gucken kann, wer reinkommt und wer nicht.

Bleiben wir an der Oberfläche - bei den Partys, auf denen Sammler, Galeristen und Kuratoren auf den Messen sämtliche Multiplikatoren abfüllen, die nicht schnell genug auf die Bäume gekommen sind.

Diese Partys sind kein gutes Zeichen, ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe sie aus Angst, etwas zu verpassen, natürlich alle besucht. Es steht schlecht um diese Partys - für den Kunstmarkt ein alarmierendes Zeichen.

"Sehen wir uns in Basel?" war die mir meistgestellte Frage der letzten Wochen. Winke ich ab, werden eigentlich nette Menschen plötzlich böse: Du musst erst mal zur Art Limited, das ist die Preview der Art Basel! Jemand wie du kann sich so ein armseliges statement, Kunst doof zu finden, nicht leisten!

Dabei weiß ich nicht, was ich heute langweiliger finde, die Kunst oder den Künstler. Ein Musiker braucht wenigstens einen Hauch von Sex Appeal, um vergöttert zu werden. Ein Künstler darf aussehen wie Jonathan Meese und kann trotzdem Bilder für je 1 Million Euro in Dubai verkaufen.

Als in den 90ern Fashion und Design plötzlich wichtig wurde, ging es noch um den richtigen Stil. Wer nicht hübsch, cool oder Model war, konnte es vergessen. Der kam, im wahrsten Sinne des Wortes: nicht rein.

Auf Buchmessenpartys sollte man halbwegs einen Small Talk mit einer hübschen Lektorin hinbekommen. In Theaterkreisen sollte man die neueste Inszenierung gesehen haben.

Auf den Partys der Fashion Week in Paris oder New York versuchen die Leute wenigstens, sich gut anzuziehen. Solche schönen Partys sind das Gegenteil von Bars wie zum Beispiel dem Ed Moses in München, wo es passieren kann, dass eine Gruppe vorbildlicher Frauen und Männer beim Türsteher aufläuft, weil erst mal eine Taxiladung aus Fürstenfeldbruck begrüßt, umarmt und reingewunken werden muss.

Hauptsache anders

Die Kunstpartys sind - auf ihre Art - in jener Reinwinkphase. Immer schon galt dabei in dieser Szene: Man kann ein ausgeleiertes Fruit of the Loom-Sweatshirt anhaben. Man darf barfuß und mit schmutzigen Füßen kommen wie Björk. Man darf stinken und nerven.

All dies gilt hier seit jeher nicht als unhöflich, sondern als Ausdruck individueller Freiheit, vergleichbar mit den unbehandelten Augenbrauen von Martin Walser. Man muss aber, anders als ein Schriftsteller, nicht mal eine Idee haben. Man muss den Künstler nicht kennen und darf zu Hause auf Obstkisten wohnen. Das ist Avantgarde. Als Frau darf man sogar Zelte tragen. Wie die Architektin Zaha Hadid.

Trotzdem bekommt man umsonst Essen, Drinks und das Gefühl, jemand zu sein, der alles richtig macht. Die Kunst ist heute der gemeinsame Nenner von Friseuren, Schmuddel-TV-Erfindern, Schundblattverlegern, korrupten Managern.

Alle jene dürfen sich als Spezialisten aufführen, solange sie ihr Geld bei dem lassen, der ihnen um den Bart ölt: beim Galeristen. Als Zierrat wird der Rest mit durchgefüttert, Berichterstatter, Halbprominenz und Frauen. Sogar solche, die das alles zum Kotzen finden, wie ich, werden immer wieder eingeladen.

Letzte Woche zeigten Freunde von mir in der Pool Gallery in der Berliner Tucholskystraße Poster und Plattencover. In der Einladung stand: Vernissage. Ich ging trotzdem hin. Es ging ja um Musik. Es war ein ganz lustiger Abend.

Natürlich war halb Berlin da, weil in dieser nicht wirklich schönen Stadt viele Menschen leben, die Depressionen bekommen, wenn sie abends mal alleine zu Hause sind. Alle waren schnell betrunken, niemand interessierte sich für die ausgestellten Arbeiten.

Ein Chinese mit Brille wankte auf mich zu und brüllte wie ein Aufpasser vor den Toren Tibets: "Sammlerin oder Künstlerin?" (Das hatte sicher nur mit dem ausgefransten Saum meines Lanvin-Kleides zu tun, dem Lieblingslabel der Kunstposse.)

Kunst ist überall

Auf der anschließenden Party im Cookies sagten vier Leute hintereinander zum Abschied: "Wir sehen uns in Basel." Da wusste ich: Gott, ich stecke mittendrin. In der Kunst.

Sie ist überall. Es ist wie mit den Flip Flops. Erst war es nur ein Hype. Jetzt gibt es Flip Flops auf Laufstegen wie auch beim Lidl. Sie sind an den Füßen der ganzen Welt. Bald wird man sie auch in Kirchen tragen dürfen, sogar bei der Papstaudienz, und zwar mit jener Selbstverständlichkeit, mit der Künstler ihre Werke an Ausbeuter-Banken in China verkaufen, damit sie dort in Panzerschränken verschwinden.

Meine Kuratorinfreundin Michelle Nicol sagt dazu: "Ist doch gut, dass Kunst demokratisiert wird." Demokratisch wäre ich auch gern! Deshalb ging ich, back in Zürich, zur Grieder Contemporary Party - Sculpture Trail Opening. Alle gingen dahin. Es war das Wochenende vor der Art-Basel-Eröffnung, und es ist so üblich, dass die Galerien Leute einladen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Ich dachte: Mensch, dann geht's halt um nix in dem Zirkus außer: Get the party started! Ich hatte mir doch eh vorgenommen, die Oberfläche zu feiern. Nur gut aussehen sollte sie, die Oberfläche.

Aber woran geht aller Glanz zugrunde? An Hybris und Indifferenz. Das killte schon Kunstwerke wie Robbie Williams, Boris Becker und Michael Jackson. Zur Hybris: Wer auf Einladungen schreibt Grieder Contemporary Party - Sculpture Trail Opening, der sollte lieber Schachteln für die Kosmetikindustrie beschriften statt Einladungen.

Nun zur Indifferenz: Bei Grieder waren ungefähr 150 unauffällig aussehende Menschen ab 40, die sich in dem Architektenhaus am Zürichsee auf fünf Ebenen verteilten. Es gab reichlich zu essen und zu trinken.

Zelebrierte Peinlichkeit

Im Garten war ein marrokanisches Zelt aufgebaut. Die Musik des DJs klang, als ob einer ständig zwischen Bayern 3 und Antenne Bayern den Schalter umlegt, und wer das je hören musste, der weiß: Es war eine beleidigende, entmündigende Abfolge alter und überaus ekelerregender Charthits.

Man versicherte sich etwas irritiert, dass die Partys während der Art besser seien, als die davor. (Jeder braucht eine Perspektive im Leben.) Dann steckten sie mir Visitenkarten zu: "Wir sehen uns in Basel."

Ich ging auf die Dachterrase, um mir die Kunst anzusehen, wenigstens. Kerim Seiler hatte ein gigantisches atomähnliches Gebilde zusammenmontiert, bestehend aus Stöcken und Neon-Leuchtröhren.

Daneben stand ein Glas-Skelett der Künstlerin Melli Ink. Später tanzten alle zu "I Was Made For Loving You" von Kiss und dann zu "Sex Bomb" von Tom Jones. Männer spielten Luftgitarre. Ich schämte mich, tanzte aber mit.

Jetzt bin ich in Südfrankreich. Ich fahre zurück in die Schweiz, wenn der Messequatsch und die Fußballeuropameisterschaft vorbei sind. Unterdessen gestehe ich, dass mir die Glas-Skelette von Melli Ink ganz gut gefallen haben.

Ich hätte gerne fünf davon gekauft. Für jedes meiner Zimmer eins. Es gab aber leider nur vier.

Wäis Kiani lebt als Journalistin und Sachbuchautorin in Zürich.

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(SZaW vom 07./08.06.2008/mst)