Übermalte Brust auf Tiepolo-Gemälde Nipplegate macchiato

Silvio Berlusconi hat Hand an die Wahrheit legen lassen, um sie zu verschleiern: Er ließ die nackten Brüste einer berühmten Allegorie von Tiepolo überpinseln.

Von Bernd Graff

Das nennt man wohl italienisch zupackende Art! Silvio Berlusconi, der wohl gottgegebene Ministerpräsident Italiens, hat gerade Hand an die Wahrheit legen lassen, um sie zu verschleiern. Was klingt wie das normale Tagesgeschäft des Ersten Italieners, ist tatsächlich eine Posse um gemalte Nacktheit im Pressesaal der römischen Residenz des italienischen Ministerpräsidenten.

Dort hängt hinter dem Rednerpult, an dem der unbedingt auch seiner Schönheit zugetane Berlusconi gerne Politik erörtert, eine Reproduktion der allegorischen "Wahrheit" von Giambattista Tiepolo (1696-1770). Eine Dame, die drall, ordentlich geschwungen und erwartbar von der angemessenen Anzahl Putti und älterer Herren umschwirrt, alles erdenkbar Wesentliche ins Licht hält, unter anderem eine ihrer puren Brüste.

Das haben europäische Maler ja über Jahrhunderte hinweg so gehalten, dass sie nackte Damen nicht als nackte Damen malten, sondern als Allegorien, dass sie sie also als Verkörperungen, als Sinnbilder für abstrakte Werte und Ideale zeichneten. Ein Schuft, wer Schwüles dabei dachte.

Eugène Delacroix ließ so etwa noch 1830 die barbusige Freiheit französische Menschen über Barrikaden und Revolution hinweg zum Licht führen. Käme jemand auf die Idee, dieser Fahnenträgerin das Mieder hochzuziehen? Mitten im herrlich-heroischen Kampf um ewige Werte? Nein, niemand käme auf die Idee, das wären Petitessen des Banalen inmitten einer Epiphanie von Geschichte. Mag der Mantel dieser Geschichte den Schriftgelehrten wehen, auf Bildern weht da bitte gar nichts. Da wogt eine andere Pracht - und immer naturbelassen.

Hier geht es also immer um Höheres als um Fleisch. Das aber, und anscheinend nur das, vermochte Berlusconi an der Wahrheit in seinem Pressesalon zuvorderst zu erblicken. Und ließ es einpinseln: Die Wahrheit wurde malerisch eingekleidet. Kein Scherz: "Sagen wir, es war eine Initiative von denjenigen Mitarbeitern des Ministerpräsidenten, die um das Image Berlusconis besorgt sind", sagt Paolo Bonaiuti, ein Sprecher des Palastes, der Zeitung Corriere della Sera.

Denn auf Fernsehbildern von Pressekonferenzen war die nackte Brust bislang rechts hinter Berlusconis auffrisiertem Scheitel zu sehen. Und da habe es Bedenken gegeben, dass das Bild die Gefühle einiger Zuschauer verletzen könne. Vermutlich nicht "Gefühle verletzen", sondern zu Lachstürmen hinreißen: Alternder Schädel vor ewigschöner Brust entfaltet ja eine ganz eigene Note: Etwas Retardierendes, oder auch etwas Demaskierendes - zumal das Bild den vollständigen Titel trägt: "La Verita Svelata dal Tempo" - "Die Wahrheit wird enthüllt von der Zeit". Und darauf mag man ja derzeit nicht nur in Italien dauerhoffen.

Antonio Paolucci, Chef der Vatikanischen Museen und früherer Minister für Kultur schäumt jedenfalls: "Wer in aller Welt käme auf die Idee, einen Tiepolo unanständig und anstößig zu finden? Das ist schierer Blödsinn!" Auch wenn nur eine Reproduktion übermalt wurde, drängen sich unangenehme Fragen auf:

Wurde die Wahrheit Tiepolos mit zeitgemäßer Wäsche des Rokoko ausgestattet, oder wählte man Mieder aus dem zeitgenössischen Lingerie-Outlet? Um das wunderbare Brustband der "echten" Wahrheit, das der Einkleidung zum Opfer fiel, ist es allemal schade. Das wirft aber sofort die Frage auf: Welchen Bildstatus hat eine übermalte Reproduktion? Ist sie eigentlich noch von Tiepolo - oder nur noch Poster für die Presse, eine Art antikisierendes Graffito?

Und: was geschieht nun mit all den anderen köstlichen Nacktheiten der italienischen Hochkultur? Wird etwa Michelangelos David, auch er ja eine öffentliche Reproduktion, künftig Jeans tragen müssen - und wenn ja, welche Marke? Und wo wir schon dabei sind: Wie will man denn in Zukunft all das verhüllen, was sich dort in Rom vor dem Tiepolo abspielt und von nicht wenigen Menschen doch auch als anstößig empfunden werden kann? Signor Berlusconi, Camouflage-Gespür wird jetzt auch diesseits der ars longa in der vita brevis verlangt!

Ein Mann, viele Fettnäpfchen

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