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Überbevölkerung Mehret euch nicht!

Die Biomasse der Menschen sei mittlerweile zehnmal so groß wie die aller wild lebenden Tiere zusammen, sagt Aktivist de Giraud.

(Foto: picture alliance/AP Photo)
Der Mensch ist das größte Umweltproblem. Deshalb fordern Antinatalisten das Ende der Fortpflanzung. Ein Besuch bei ihrem Vordenker Théophile de Giraud.
Von Alex Rühle

Ein Frühsommerabend in Brüssel, die Touristen walzen in Zehnerpulks durch die vergoldete Innenstadt, die Grand-Place sieht aus, als wäre hier Welttreffen der Selfie-Junkies. Théophile de Giraud wirkt in dieser grellen T-Shirt-Buntheit wie ein schwarzes Loch, hager huscht er durch die Menge, schwarze Schuhe, Hose, Hemd, schwarz gefärbtes Haar, bloß weg hier, in die Chaloupe d'Or, ein leeres Lokal gegenüber dem Rathaus.

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Dort baut er schnell seine Kamera auf, als langjähriger Aktivist weiß de Giraud, dass man jedes Interview vielleicht noch einmal brauchen kann, und dann legt er auch schon los: Es gehe natürlich nicht um all die Menschen, die schon lebten, er zeigt dabei nach draußen, in die heitere internationale Fraternisierungsidylle, sondern nur um all jene, die noch gar nicht geboren wurden. Und es gehe ihm um eine Gegenstimme zu der ewigen Propaganda, Fortpflanzung sei per se etwas Gutes. Aber Moment, wer verbreitet denn die? "Na, ihr Deutschen habt da seit '45 eine gewisse Neutralität", sagt de Giraud, und dabei pocht eine Ader an seiner Schläfe, "aber in Frankreich propagiert das staatliche Demografieinstitut Ined ungebrochen: mehr Franzosen, mehr Kinder, Elternschaft ist heilig. Da ist es nicht leicht, mit meinem Anliegen durchzukommen."

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Théophile de Girauds Anliegen ist der Antinatalismus, also die philosophische Überzeugung, dass die Menschheit aufhören sollte, sich fortzupflanzen. Der Ausdruck leitet sich vom lateinischen "natalis", zur Geburt gehörig, ab. De Giraud, Jahrgang 1968, Philosoph und Autodidakt, ist bestimmt kein Misanthrop und er vertritt auch im Gespräch keinen totalitaristischen Anspruch, im Gegenteil, er ist von vollendeter Freundlichkeit, all die Mails, die er vor dem Treffen beantwortete, könnten als Lehrmaterial ins Handbuch der digitalen Galanterie übernommen werden.

Der Mensch, so de Giraud, sei ja augenscheinlich nicht dazu in der Lage, sein Verhalten zu ändern

Und wenn er die vor dem Fenster entlangströmenden Menschen betrachtet, merkt man, dass er ihnen allen mit weichem Herzen zugetan ist. Er klingt eher wie einer, der als Einziger weiß, dass auf diesem Platz in Kürze ein Meteor einschlagen wird, der längst gut sichtbar am Himmel steht. Brüssel wird verdampfen, und die Armen da draußen, die so arglos in ihrem Alltag herumplanschen, sie ahnen es nicht einmal ...

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Natürlich gab es immer schon Daseinsskeptiker, von Buddha bis Emil Cioran, von Schopenhauer bis zu Houellebecq. Ihr Hauptargument waren aber philosophischer Ennui, Lebensekel und vor allem das Wissen um das Leid, das jedes Leben immer auch bedeutet - wobei die gerade genannten Autoren wahrscheinlich alle das "auch" im letzten Halbsatz streichen würden, für sie bedeutet Leben von Geburt bis zum Tod ausnahmslos Leid, das so furchtbar ist, dass man es allen noch nicht geborenen Menschen tunlichst ersparen sollte. Dazu gleich noch mehr.

Theohpile de Giraud, Anarchist und Schriftsteller.

(Foto: Wim Beddegenoodts/Reporters/laif)

Antinatalisten wie de Giraud oder der südafrikanische Philosophieprofessor David Benatar haben aber ein weiteres, sehr gewichtiges Argument gegen die Fortpflanzung: Wir sind mittlerweile viel zu viele. Also müssten wir dringend weniger werden. Was ja als These einiges für sich hat. 137 Millionen Menschen kommen weltweit jährlich dazu. Es sterben aber im selben Zeitraum nur rund 58 Millionen. Wenn es so weitergeht, sind wir 2100 zwischen zehn und zwölf Milliarden.

Wir verbrauchen freilich heute schon viel zu viel von allem, sei es Fläche, Tiere, Wald oder Atmosphäre. Die Biomasse der Menschen ist mittlerweile zehnmal so groß wie die aller wild lebenden Tiere zusammen. De Giraud hat in diesem Zusammenhang den zwar nicht wirklich schönen, aber doch treffenden Neologismus "Surpollupopulation" (aus Pollution für Verschmutzung und surpopulation für Überbevölkerung) geprägt.

Außerdem, so de Giraud, sei der Mensch ja augenscheinlich nicht dazu in der Lage, sein Verhalten zu ändern. Im Gegenteil. Obwohl wir wissen, wie schädlich unser konsumptives Verhalten ist, verbrauchen wir immer noch mehr: Der "Earth Overshoot Day", der jedes Jahr den Tag markiert, ab dem die Menschheit aus ökologischer Sicht über ihre Verhältnisse lebt, rückt Jahr für Jahr weiter nach vorne. 1987 lag er noch kurz vor Weihnachten, dieses Jahr fällt er auf den 1. August. Wir Menschen nutzen die Natur also 1,7-mal schneller, als Ökosysteme sich regenerieren können. Das bedeutet, wir bräuchten mittlerweile 1,7 Erden, haben aber nur 1,0 - und an dieser letzten Zahl wird sich, Marsfantasien hin oder her, fürs Erste nichts ändern.

Wer heute geboren wird, ist 2050 32 Jahre alt. Er oder sie wird zumindest mild staunen, warum wir es nicht geschafft haben, eine intaktere Umwelt zu hinterlassen, obwohl wir doch alle wussten, was wir da gerade anrichten. Und der eine oder andere wird sich dann gewiss fragen, warum er das alles durchleiden muss. Das Humanste, was man also tun kann, ist, kein zukünftiges Leid zu erzeugen.

Bevölkerungsschrumpfungsfantasien

Und damit zurück in die Gegenwart, in der de Giraud ein Bier bestellt, denn jetzt geht's ans Eingemachte, an die Philosophie. De Giraud versucht seit mehr als 20 Jahren, seine Mitmenschen davon zu überzeugen, ihr Fortpflanzungsverhalten zu ändern. Mal mit aktivistischen Interventionen oder Fernsehauftritten, mal mit eigenen Büchern, wie "L'art de guillotiner les procréateurs", in dessen Untertitel ("Manifeste anti-nataliste") der Begriff des Antinatalismus zum ersten Mal auftauchte.

Man merkt im Gespräch, wie viel Feindseligkeit und argumentative Bräsigkeit ihm schon entgegengeschlagen sein muss, durch seine unterirdischen Leitungen fließt ordentlich Strom, wenn er die üblichen Standardgegenfragen handstreichartig selbst stellt und beantwortet, pocht die Schläfenader noch heftiger als zu Beginn unseres Treffens: Nein, er ist nicht dafür, dass auch nur ein lebender Mensch umgebracht wird. Nein, er will sich auch nicht umbringen und findet Selbstmord nicht die richtige Antwort auf den Schmerz des Daseins. Wenn man schon mal da ist, ist das Leben auch zu leben. Da hat er seit einem juvenilen Selbstmordversuch viel dazugelernt. Es geht ihm um die, die nie da gewesen sind. Ihnen ist, auch ohne apokalyptisches Umweltszenario, das Leid, das Dasein prinzipiell bedeutet, zu ersparen.

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Für Menschen, die über die pointierte Hoffnungslosigkeit, die aus Beckett- oder Kafkatexten strahlt, lachen können, ist eine Begegnung mit Théophile de Giraud ein grimmiges Großvergnügen. All die funkelnden Sinnversprechen im Leben, die Liebe, das heroische Dasein, Religion, zerpflückt er als Selbstbetrug. Der ja im Grunde schon mit Kindergarten und Schule anfange, schließlich werde einem da einzig und allein antrainiert, dass man irgendwo anwesend ist, wo man gar nicht sein will, und Aufgaben erfüllt, deren Sinn sich einem nicht erschließen.

Warum haben die meisten Menschen ein tiefes Dankbarkeitsgefühl ihren Eltern gegenüber?

Aber begibt er sich mit seinen Bevölkerungsschrumpfungsfantasien nicht in heikle Gefilde? Meist verbirgt sich hinter solchen Forderungen ja nationalistisches oder rassisches Denken, die anderen müssen weniger werden, aber wir doch nicht. Da lacht er: Er sei nun wirklich kein stolzer Belgier und auch kein fanatischer Europäer, er wolle nicht die Afrikaner oder Asiaten missionieren, sondern habe genug hier in Brüssel zu tun, er wolle nur generell allen Frauen das Recht einräumen, selbst zu entscheiden, wie viele Kinder jede von ihnen in die Welt setzt. Folgt ein feministischer Exkurs, Recht auf Abtreibung, Verhütung und zentrale Rolle der Bildung.

Apropos Elternschaft: Niemand sei seinen Eltern irgendetwas schuldig, sagt de Giraud, im Gegenteil, Eltern machten sich ihrem Kind gegenüber immer schuldig, indem sie es ungefragt ins Leben katapultieren. "Das Kind ist ein Geschenk, das sich die Eltern machen. Und zwar nicht ohne einen gewissen Masochismus", schreibt de Giraud in einer Aphorismensammlung.

Warum aber haben dann die meisten Menschen ein tiefes Dankbarkeitsgefühl ihren Eltern gegenüber? "Stockholm-Syndrom", sagt de Giraud, womit er das psychologische Phänomen meint, dass Opfer von Geiselnahmen oder anderer Gewalt, die sie hilflos ertragen müssen, ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern oder Peinigern aufbauen. Was dazu führen kann, dass sie die Täter irgendwann idealisieren.

Nicht weit von hier hat de Giraud zwischen 2009 und 2011 dreimal die "Fête des Non-Parents" organisiert, die terminlich genau zwischen Mutter- und Vatertag lag und mit der er und seine Mitstreiterinnen sich vor allem an Frauen wandten, "schließlich", so de Giraud, "kriegen die alle spätestens ab Mitte 30 permanent vermittelt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, wenn sie keine Kinder haben wollen." Er selbst hat keine Familie, er hat sein ganzes Leben dem Kampf für das Voluntary Human Extinction Movement gewidmet, das in Amerika gegründet wurde und als deren europäischen Vertreter er sich sieht.

Drei Stunden spricht Théophile de Giraud, die Sonne geht langsam unter, die Massen auf der Grand-Place werden nicht weniger, weltweit kommen in den drei Stunden 27 000 Menschen dazu, es bleibt also viel für ihn zu tun.

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