Von Thomas Steinfeld

Wir lieben sie nicht mehr, pflegen sie nicht mehr, schenken ihr keine Aufmerksamkeit: Ist die deutsche Sprache am Ende?

Die deutsche Sprache, wie sie heute gesprochen und vor allem: geschrieben wird, ist eine Entwicklung des späten 18. Jahrhunderts. In einer beispiellosen Anstrengung schuf damals eine Handvoll Dichter, Philosophen, Gelehrter ein neues, reicheres, leichteres Deutsch - nicht für die Politik, denn die deutschen Länder besaßen damals weder eine tragfähige einheitliche politische Organisation noch eine politische Öffentlichkeit, sondern für die Kultur.

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Als Suppe wird sie noch genossen, ansonsten ist der Enthusiasmus für die deutsche Sprache erloschen (© Foto: ap)

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Gebrochene Kraft

Eng verbunden mit der Alphabetisierung, entstand das neue Deutsch in der Literatur, im Gespräch und in der Korrespondenz der Schriftsteller miteinander, in Büchern, in Briefen und auf der Bühne: für eine ganze Gesellschaft, ohne Ausnahme, in all ihren Bereichen. Die Aufmerksamkeit, die zu jener Zeit vor allem dem schriftlichen Ausdruck in der Muttersprache gewidmet wurde, der Erweiterung des Wortschatzes, der Abwehr von Fremdwörtern, den vielfältigen Möglichkeiten von Wortfolge und Satzbau, war dabei Ausdruck eines gewaltigen Bedürfnisses nach Verständigung und Verständlichkeit. Das neue Deutsch sollte sich auf der Höhe der anderen Kultursprachen befinden, also des Französischen sowie, vielleicht wichtiger noch, der antiken Vorbilder, des Lateinischen und des Griechischen.

Wann genau der ungeheure Enthusiasmus erlosch, der den Aufbruch zu einem neuen Deutsch trug, wann genau das allgemeine Bedürfnis verlorenging, sich um die Sprache zu sorgen und sich ihretwegen Gedanken zu machen, lässt sich nicht ermitteln. In einem gerade erschienenen Aufsatz unter dem Titel "Über das Ende der Sprache" (in dem Band: "Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache", herausgegeben von Markus Messling und Ute Tintemann. Wilhelm Fink Verlag, München 2009) berichtet allerdings der Berliner Romanist und Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant, wie die Kraft, die eine Erneuerung zumindest der geschriebenen Sprache hervorbrachte, von vornherein gebrochen war - daneben gab es immer noch die Hoffnung auf die eine, reine Sprache. Denn hatte man zuvor, streng aristotelisch, gerne geglaubt, die Verschiedenheit der Sprachen sei nur eine Verschiedenheit der Laute, fand die beginnende europäische Sprachforschung sehr schnell heraus, dass die einzelne Sprache sehr wohl einen Einfluss auch auf die Beschaffenheit des Denkens hat.

Je größer die Wissenschaft, desto kleiner das Verständnis

So träumte schon die Philosophie der Aufklärung von universellen Wörtern und universellen Grammatiken. Und besitzt nicht die Mathematik die Fähigkeit, jenseits der Sprache allen dasselbe zu sagen? Sie ist die erste Ausnahme bei dem Versuch, einer ganzen Gesellschaft eine alle Bürger vereinende Sprache zu geben - in Gestalt eines sich selber immer wieder erneuernden "Sprachdenkens" (Jürgen Trabant), dessen Medium nur die Literatur sein kann. Bald jedoch wanderten die Natur- und Ingenieurwissenschaften aus der gemeinsamen Sprache aus, und im selben Maße, wie sich diese Wissenschaften auf die Mathematik gründeten, entwickelten sie jeweils eine Kultur für sich selbst. Je größer diese Wissenschaften wurden, desto weiter entfernten sie sich von ihrem Ausgangspunkt, der Aufklärung und deren Anspruch, dass alles von allen solle verstanden werden können.

Lesen Sie auf Seite 2 über die Sprachfeindschaft unserer Kultur und was Goethe sagen dazu würde.

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