Twitteratur Sie sitzt im Bus

Claudia Vamvas aus St. Gallen in der Schweiz ist mit Mini-Prosa via Twitter überaus erfolgreich, ganz ohne Kleinkind, Katzenbild oder sonstige Brüller. Als @akkordeonistin hat sie bei dem Kurznachrichtendienst 11400 Follower.

Von Viola Schenz

Für die meisten Menschen ist ein Bus ein Transportmittel, für Claudia Vamvas ist er eine Schreibstube. Die St. Gallerin fährt viel und gerne Bus, und sie macht dabei, was viele Buspassagiere tun: andere Buspassagiere beobachten. Vamvas allerdings hält ihre Beobachtungen fest und verwandelt sie in klitzekleine Erzählungen. Diese schickt sie übers Smartphone an ihren Twitter-Account. Dann steigt sie aus.

Als @akkordeonistin hat sie 11 400 Follower, das macht die 48-Jährige zu einer der erfolgreichsten Twitter-Autoren der Schweiz. Ein Erfolg, der sie selbst immer wieder aufs Neue überrascht: "Ich habe kein witziges Kleinkind, keine süsse Katze, und ich schreibe keine Brüller: Irgendwie ist mir das mit Ihnen allen sehr rätselhaft", schreibt sie - in einem Tweet, wo sonst?

Vamvas, kurze braune Haare, rotes Brillengestell, arbeitet als Lektorin für einen Sprachdienstleister. Mit dem Tweeten begann sie vor vier Jahren, "einfach aus dem Nichts heraus", zufällig. Ihr damals 19-jähriger Sohn machte sie auf die Plattform aufmerksam, die Mutter fand Gefallen daran. "Für mich war das eine Art Stilübung", sagt sie. Sie begann @Naum_Burger zu folgen, der jeden Morgen einen Dialog mit einer fiktiven Bäckereiverkäuferin veröffentlicht, eine feste Form, die man jeden Tag neu anreichern kann. So kam ihr die Idee mit den Bus-Tweets, "Beobachtungen aus einem unspektakulären Leben" lautet der Untertitel. Kostproben? "Es ist doch eigentlich sonderbar, dass man Unbekannte bittet, auf sein Gepäck kurz aufzupassen, weil andere Unbekannte es stehlen könnten." "Mein Sohn hat angerufen, um mich zu fragen, ob ich meine Mutter angerufen habe." "Vorhin fuhr mir der Bus direkt vor der Nase weg, da habe ich aus Trotz einfach einen ganz anderen genommen." "Immer wenn du denkst, jetzt passt aber wirklich keiner mehr in den Bus, kommt noch eine Frau mit einer Harfe."

Dem Lauten und Eitlem setzt sie leise Töne entgegen

Es sind Gedankensplitter, Kürzestgeschichten, Miniatur-Prosa, Momentaufnahmen, Alltagspointen, Haikus, Aphorismen - es gäbe viele Bezeichnungen für ihre Twitteratur. Geistreich, prägnant, nachdenklich, klar, witzig, lakonisch, schreibt sie, niemals hämisch oder zynisch. Das 140-Zeichen-Twittermaximum plus die Kürze der Busfahrten zwingen sie zu disziplinierter Kreativität. Fast alle Tweets sind live und spontan, ein paar postet sie vom abendlichen Sofa hinterher. Aus anfangs null Followern wurden bald 300, die dann wieder eigene Follower hatten, und irgendwann bekam die Sache die Eigendynamik, wie es sie nur im Web gibt und die man nicht wirklich erklären kann. "Es waren wohl ein paar Prominente dabei, die die Sache gepusht haben", so Claudia Vamvas. Sie selbst aber habe nichts dafür getan. "Ich habe nach wie vor kein Konzept, im Gegenteil, ich hinke den Entwicklungen eigentlich dauernd hinterher", sagt sie und lacht. "Ja, ich habe in Berlin inzwischen eine kleine Fangemeinde, aber schreiben Sie das nicht."

Natürlich schreiben wir das, denn es ist ungewöhnlich genug, dass zwei Drittel ihrer Fans aus Deutschland kommen. Vamvas trägt viel weibliche Bescheidenheit mit sich herum, trotzdem teilt sie sich gerne der Welt mit. Schon in der ersten Klasse war es Klein-Claudia, die den anderen Kindern vorlas.

Wie erklärt sie es sich, dass sie auf einem Kanal wie Twitter, auf dem viel Eitles, Lautes, Eiliges, vermeintlich Spektakuläres herausposaunt wird, mit leisen Tönen so viel Erfolg hat? "Ich denke, es liegt daran, dass wir laufend überflutet sind mit Neuigkeiten und Schreckensmeldungen. Wer fast nur noch das große Weltgeschehen vor Augen hat, übersieht die kleinen, banalen Geschehnisse des Alltags, und ich erinnere vielleicht daran."

122 ihrer Beobachtungen gibt es inzwischen als E-Book ("Sitze im Bus", 2015), wieder nicht auf ihr Betreiben, sondern weil die Berliner Verlegerin Christiane Frohmann irgendwann auf sie zukam. "Erst wollte ich das gar nicht", sagt Vamvas. Frohmann hat inzwischen auch per Crowdfunding mehr als 5000 Euro zusammengetragen für eine gedruckte Version, die im September auf den Markt kommt, auf Wunsch der Vamvas-Fangemeinde. Haptische Buslektüre, Beruhigendes und Versöhnliches für das Chaos der Rushhour. Oder wie es @nichtschubsen ausdrückt: "Oft versöhnen mich ihre liebevollen Beobachtungen ein bisschen mit der Welt und euch, die ich sonst nervig finde. Ich bin mir nun zumindest sicher, dass in jedem Bus ein guter Mensch sitzen könnte, was schon sehr viel ist."