TV und Internet Fernsehen, sei umschlungen!
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Für die meisten TV-Sender ist der Ausflug ins Internet ein Kulturschock. Man sieht's. Können oder wollen die das nicht besser? Eine Tour d'Horizon durch das Netz der Möglichkeiten.
Das komische Digitalzeugs, von dem der bärtige Mann am Rednerpult erzählt, interessiert die Anwesenden nicht die Bohne. Einige gähnen, andere unterhalten sich, einer ist sogar eingeschlafen. So beschreibt Tim Renner in seinem Buch "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!" (Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie. Frankfurt a. M., 2004) ein denkwürdiges Aufeinandertreffen zweier Kulturen: Im Jahre 1994 sprach der Netz-Visionär Nicholas Negroponte vor hochrangigen Managern der Plattenfirma Polygram und prophezeite ihnen nichts Geringeres als das Ende ihres traditionellen Geschäftsmodells. Bereits in zehn Jahren werde jeder zweite Musiktitel aus dem Internet kommen, so Negroponte.
Der Essay, hier die gekürzte Version, erschien Ende Mai im "Jahrbuch Fernsehen 2008". Das seit 16 Jahren bestehende Jahrbuch umfasst neben medienpolitischen Essays und einer kritischen Inventur des Fernsehjahres eine Dokumentation der renommiertesten Fernsehpreise sowie einen Serviceteil mit Adressen, Daten und Fakten zum Medienmarkt. Es wird herausgegeben vom Adolf-Grimme-Institut, der Deutschen Kinemathek, der Fachzeitschrift "Funkkorrespondenz", dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik und dem Institut für Medien- und Kommunikationspolitik, das auch für die redaktionelle Leitung verantwortlich zeichnet.
(Foto: Screenshot: www. jahrbuch-fernsehen.de)Quatsch
Das sei natürlich Quatsch, soll sich der Polygram-Chairman hinterher im Kreise seiner Kollegen entschuldigt haben, schließlich sei jeder Mensch ein Haptiker und habe keine Beziehung zu Downloads.
Der Rest ist Geschichte: Nach Phasen des Nichtwahrhabenwollens, der Versuche mit juristischen Keulenschlägen das Treiben in diesem merkwürdigen Netzdings zu unterbinden, hat die Musikindustrie mittlerweile zähneknirschend einsehen müssen, dass ihre Kunden offenbar doch nicht allesamt so haptisch veranlagt sind wie vermutet - und recht gut auf den Besitz einer Plastikscheibe verzichten können.
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Technologischer Wandel und der mit ihm verbundene Niedergang existierender Industrien sind per se kein neues Phänomen. Von den 100 größten Aktiengesellschaften, die im Jahre 1900 an der New Yorker Börse gelistet waren, existierten hundert Jahre später nur noch zwei. Neu ist allerdings die Geschwindigkeit der Veränderungen. Und vermutlich ist es diese Dynamik, die erstaunlich viele Zeitgenossen aus der Medienbranche in das reflexive Verhalten eines alten Hausmeisters flüchten lässt. Erstens: das haben wir schon immer so gemacht, zweitens: da könnte ja jeder kommen, drittens: hier dürfen Sie nicht parken.
Natürlich haben auch die Herrscher der Sender trotzdem inzwischen von diesem Web-Zeugs gehört und genauso natürlich kommt heutzutage kein Medienkongress mehr ohne Gesprächsrunden mit solch einfallsreichen Titeln wie "Chancen und Risiken der Digitalisierung" aus.
Selbstzufrieden
Alte Männer in maßgeschneiderten Anzügen und mit selbstzufriedenen Untertönen in den Stimmen erzählen auf diesen Podien dann immer wieder gerne, dass speziell ihre Fernsehsender starke Marken besäßen, hervorragend aufgestellt und gewappnet für die digitale Revolution seien, dass die Zukunft sowieso nur irgendwie eine buntere Version der Gegenwart und überhaupt sooo schlimm schon nicht werden wird. Zu solchen Gelegenheiten darf auch Gerhard Zeiler, Vorstandschef der RTL-Gruppe, so lustige Sätze sagen wie: "Das traditionelle Fernsehen wird auch in der digitalen Zukunft das Leitmedium Nummer eins bleiben." Klar, Herr Zeiler, und diese kleinen, knatternden, benzingetriebenen Fahrzeuge werden nie zu einer Konkurrenz für eine anständig dampfende Eisenbahn.
Das Verhältnis zwischen Benzinkutschen und Eisenbahnen ist ein hübsches Beispiel für das, was die klassischen Massenmedien derzeit so umtreibt. Das Versprechen, mit dem Henry Ford seine T-Modelle unters Volk brachte, lautete genau genommen: Freiheit.
Das Internet ist das Ford-T-Modell der Medienwelt. Es gibt den Menschen Mobilität; es ermöglicht individuelle Wissens- und Unterhaltungsausflüge. Es ist ein Vehikel für Selbstfahrer, für Abenteurer und Ausflügler. Lineares Broadcast-Fernsehen dagegen ist Konsum nach Fahrplan und steuert viele hochinteressante Orte und Themen gar nicht erst an. Zu geringe Auslastung. Lohnt sich nicht. Strecke stillgelegt, Sendung abgesetzt.
Paradox
Offenbar ist die Individualisierung der Medienreisen speziell für junge Menschen attraktiv. Die Studie "Mediascope 2007" lieferte Anfang 2008 die Fakten zum Trend: Junge Europäer zwischen 14 und 26 Jahren verbringen bereits zehn Prozent mehr Zeit im Internet als vor dem Fernsehgerät. In dieser Altersgruppe ist der TV-Konsum innerhalb nur eines Jahres um fünf Prozent eingebrochen. Quer durch alle Altersklassen lautete die häufigste Antwort (40 Prozent) auf die Frage, woher denn die notwendige Zeit für die vermehrten Netzausflüge käme: weniger Fernsehen.
Und schon sind wir einem interessanten und nur scheinbar paradoxen Phänomen auf der Spur: Immer mehr Menschen schauen immer weniger fern, um im Netz - fernzusehen. Der Senkrechtstarter unter den europäischen Online-Aktivitäten war im letzten Jahr der Video-Konsum, der im Vergleich zum Vorjahr um 150 Prozent zulegte.
Also müssen die Medien zwangsläufig Dependancen in Digitalien aufbauen und sich, ob sie wollen oder nicht, auf die dort herrschenden Naturgesetze einlassen - und die haben es in sich.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie unglamourös sich die deutschen Sender im Netz präsentieren.