Wie neue digitale Fernsehtechniken allmählich unser Bild vom Sport verändern.
Der Höhepunkt im siebten Inning: Die Arizona Diamondbacks führen in der Major League mit 7:5 gegen die San Francisco Giants. Randy Johnson wirft den Baseball, der Schlagmann ist bereit, doch der Ball kommt nicht bei ihm an, er explodiert scheinbar kurz vor dem Schläger. Randy Johnson hatte mit dem 120 Meilen schnellen Sportgerät eine Taube getroffen und getötet.
Szene aus "Matrix". (© Foto: dpa)
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Drei Mal zuvor war das in der Geschichte der MLB schon passiert, doch diesmal wurde der Jagderfolg zum ersten Mal auf Film gebannt. Die Superzeitlupentechnik zeigte den Moment des Aufpralls, eine Wolke aus Federn und Fleisch - der Sekundentod in Einzelbildern. Postmoderne Abendunterhaltung. Vom Spiel sprach keiner mehr.
Überhaupt war 2003, wie das Magazin der New York Times schrieb, ein "großes Jahr für die sportguckenden Sofakartoffeln dieses Landes". Ein großes Jahr wegen neuentwickelter Aufnahmegeräte wie der "Mega Super Slow Mo Cam" oder der "Hawkeye Cam". Ultracameras heißen diese Geräte in den USA. Die Sportgeschichte teilt seither eine Sekunde in 7000 Einzelbilder, der schockgefrostete Tennisprofi steht für das Auge ganz nackt da, im bekannten Matrix-Chic.
Das neueste Spielzeug der US-Kameramänner ist jedoch die "Floor Camera" der Disney-Tochter ESPN. Im Parkettboden unter dem Basketballkorb ist eine Digitalkamera installiert, die durch ein Loch an den Endlos-Körpern der Spieler entlang filmt, aus der Kellerasselperspektive.
Den Tanz auf dem Objektiv kennt man auch aus Tarantinos "Kill Bill", der seine Schwertkämpfer auf durchsichtigem Boden sterben lässt. Die "Floor Camera" hat nur einen Zweck, wie es beim Sender heißt: "Wir wollen die Leute beeindrucken. Mit der Größe der Spieler und der Schlacht unter dem Korb."
Man hat in Amerika keine kulturphilosophischen Hemmungen, den Sport zu inszenieren. Das US-Fernsehen hat sogar schon einmal einen Sport erfunden. Der Wrestling-Mogul Vince McMahon kreierte zusammen mit der NBC die Extreme Football League (XFL), eine radikale Version des Nationalsports, mit Trashtalking, Wrestling-Moves und Cheerleader-Overkill. Das Regelwerk war aufs Fernsehen abgestimmt, heraus kam laut Pressestimmen "ein unglaubliches Sporterlebnis". Zwar musste die XFL ihren Betrieb 2002 wegen Fanmangels einstellen, die revolutionäre Kameratechnik und Ästhetik von Vince aber blieb dem Sport erhalten.
So ist die von der XFL eingeführte "Skycam" heute internationaler Standard und wurde mit einem Emmy ausgezeichnet. Die "Skycam" ist eine Digitalkamera, die an vier Drahtseilen durch den Stadionraum fliegt, joystickgesteuert, eine frei bewegliche Steadycam in einem dreidimensionalen Raum.
In zeitgemäßen Stadien ist das Kameraauge überall, im Torwinkel, auf dem Tennisnetz, unter dem Stadiondach, am Kran oder am Zeppelin. Das Sportstadion wird zu einem Riesenscanner, dem nichts entgeht. Die Schiedsrichter sind im US-Sport denn auch längst verdrahtet. Körper im Zeitverlauf
Der Regisseur Jean-Luc Godard sagte einmal, bei einer guten Sportberichterstattung komme es vor allem "darauf an, die Arbeit des Körpers im Zeitverlauf zu zeigen. Diese Priorität ist heute leider verschwunden." Als Beispiel für seine Thesen könnten weitere Filmarbeiten von ESPN herhalten. Die hatten 1995 die "XGames" erfunden, ein Sportevent mit den Disziplinen Skateboard, BMX und Motocross, bei denen es nicht mehr um den sportlichen Wettbewerb geht, sondern um den telegenen Moment. Um den "X Moment", wie man es bei ESPN nennt, den kurzen Augenblick, in dem die Stunt-Sportler die Schwerkraft überlisten. In einem Internet-Forum schrieb ein Sportfan kürzlich über seine Seherfahrung: "Was machen diese Jungs da? Das sieht aus wie ein Videospiel."
Die Diskussion in den Weblogs macht deutlich, dass sich die Zuschauer der visuellen Revolution durchaus bewusst sind. Ein anderer Zuschauer schreibt: "Es sieht nicht echt aus. Es sind künstliche Perspektiven." Vorbei die Zeiten, als Elias Canetti die Arena noch mit Recht als "Mauer von Menschen" bezeichnen konnte, "die sich nach innen entladen müsse". Heute entlädt sich der Superdome nach außen, in die angeschlossenen Funkhäuser und Wohnzimmer. Adressat des Sports ist nicht mehr das Kollektivwesen Fan im Stadion, sondern der individuelle Zuschauer daheim auf dem Sofa.
Die Frage ist eben, wie man den Sport anschaut. Und was man dabei sehen will. "Es geht beim Sport nicht um die Bedeutung von Bedeutungen sondern um Bedeutungen von Präsenz", schrieb der Literaturwissenschaftler und Football-Fan Hans Ulrich Gumbrecht.
Präsenz lässt sich am besten durch die Ich-Perspektive erzeugen. Skycam und Teleobjektiv kommen diesem Ideal nahe und bringen den Zuschauer immer weiter in den Sport hinein, fast kann er sich einreihen in die Startaufstellung. Durch den extremen Close-Up entsteht für den Sportfan eine neue Form der Körperlichkeit, die durch den Schock der spektakulären Bilder entsteht, dem krachenden Dunking oder dem Sprung ins Nichts.
Die XFL hatte diesen letzten Schritt schon getan. Teil ihrer Visualisierungsstrategie waren die Helm-Kameramänner, die auf dem Spielfeld zwischen den Sportlern herumstolperten, mittendrin im Clinch, statt nur dabei am Spielfeldrand. Und über ihren Köpfen kreist die Skycam-Drohne. Dann geht die eingebettete Kamera zu Boden.
(SZ vom 20.02.2004)