Von Frederic Huwendiek

"Lindenstraße" mit Softporno-Touch: MySpace macht jetzt Fernsehen und filmt halbnackte Mädchen bei Sofaprügeleien. Ein Blick auf die erste selbstproduzierte Seifenopfer der weltgrößten Internet-Gemeinschaft.

Wenn es nach Rupert Murdoch geht, heißt die nächste Jennifer Aniston wohl Violet Wright und liebt argentinische Polo-Spieler, Filme mit Julia Roberts und einen Schoßhund namens Bailey. Die 22-Jährige ist eine von vier jungen Frauen, die sich ab jetzt fünf Mal die Woche dabei zusehen lassen, wie sie durch eine südkalifornische Villa hüpfen, sich auf einem Sofa balgen oder harmonisch mit dem Hintern wackeln.

Roommates bei MySpace

Aber sicher doch: Wenn die Unteruni vorbei ist, beginnt die wahre Party. (© Foto: www.MySpace.com/roommates)

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Die tägliche Pseudo-Realityserie "Roommates" ist die erste exklusiv für die Online-Community MySpace produzierte Seifenoper und damit vielleicht auch ein erster Ausblick darauf, wie das Fernsehen der Zukunft aussehen könnte.

MySpace, größtes soziales Netzwerk der Welt, verdankt seinen Erfolg bislang vor allem den Selbstdarstellungen, Amateursongs und Hobbyfilmchen seiner über 200 Millionen Mitglieder. Jetzt stülpt es sich selbst ins digitale Fernsehgeschäft, nachdem es bereits MTV vom Sockel des jugendlichen Leitmediums schubsen konnte.

So simpel wie altbekannt

Know-how dürfte zur Genüge vorhanden sein: Seit Juli 2005 ist MySpace Teil des Imperiums von Medien-Tycoon Rupert Murdoch, zu dem neben dem Fox Network zahlreiche Fernsehstationen und Filmstudios gehören.

Und bereits Anfang des Jahres probierte sich MySpace mit den finalen Folgen des Fake-Videoblogs von "lonelygirl15" und der Disney-Reihe "PromQueen" als Sender professionell produzierten Bewegtbilds. Nur konsequent ist da der Schritt zum ersten Serien-Eigengewächs.

Wer Innovatives von "Roommates" erwartet, wird allerdings enttäuscht. Das Konzept ist so simpel wie altbekannt: Vier attraktive College-Absolventinnen ziehen in ein Apartment in Los Angeles und lassen ihren Alltag von ihrem Kumpel Justin filmen. Untertitel: "When college ends, the real party begins." In den Hauptrollen: Peyton, die Rehäugige, Violet, das Fashion-Girl, Heather, der belesene Kumpeltyp und Sigourney, genannt Siggy.

Kenner des Unterschichtenfernsehens fühlen sich mit Grauen an die unterirdische "Abschlussklasse"-Reihe erinnert, mit der ProSieben vor einigen Jahren die junge Zielgruppe belästigte. Auch MTV sendete mit "The Hills" bereits 2006 eine Sendung mit ganz ähnlicher Formel: Packe eine WG voll hübsche Menschen, filme sie und behaupte dann, das sei die Realität. Zumindest räumen die MySpace-Macher im Gegensatz zu MTV ein, dass "Roommates" inszeniert ist - auch wenn das einige der begeisterten Kommentatoren wohl nicht ganz verstanden haben.

Versehentlich beim Umziehen erwischt

Auch technisch kann die neue Reihe kaum überraschen: Die Folgen sind webgerechte Drei-Minuten-Häppchen mittlerer Bildqualität, jede der Darstellerinnen hat ihr eigenes MySpace-Profil und die Fans sollen mit Abstimmungen und Kommentaren den Fortgang der Serie beeinflussen können.

Wenn "Roommates" etwas über die Zukunft des Fernsehens erzählen kann, dann nur, dass Sex sich nach wie vor gut verkauft. Die erste Folge zeigt die Mädchen bei einer Bikini-Party, Violet wird "versehentlich" beim Umziehen erwischt und Heather und Siggy balgen sich in knappen Shorts auf einem braunen WG-Sofa. Die "Lindenstraße" von morgen setzt auf verwackelte Softporno-Ästhetik - ein bisschen Springbreak in Serie für die Kids 2.0.

Das Projekt "Roommates" scheint sich auszuzahlen. Laut Forbes kauft ein Mädchen in einer Folge ein Auto von Hauptsponsor Ford, der auch später häufig im Bild zu sehen sein soll. Nicht das einzige Product Placement, glaubt man einem Verantwortlichen: "In einem Haus voller College-Absolventinnen kann man sich ein Vielzahl von Sponsor-Möglichkeiten vorstellen. Man denke nur an Limonade, Handys und so weiter."

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(sueddeutsche.de / bgr)