TV: Reality-Serien in den USA Schlimmer geht's immer

In Amerikas neuesten Reality-Shows suchen körperfixierte Kandidaten ihre innere Schönheit. Wen das nicht amüsiert, der zieht mit Kakerlaken durch die Nacht.

Von Gerti Schön

Neue Reality-Serien schwirren derzeit über die amerikanischen Bildschirme wie Fliegen über dem Müll. Das Publikum lässt sich die Herzen brechen beim Anblick ausgesetzter Hunde, die von einer Armada aus Ärzten, Tierfriseuren und Verhaltenstrainern eine attraktivere Persönlichkeit und damit ein neues Zuhause finden sollen. Wir begleiten einen Kammerjäger beim nächtlichen Streifzug auf der Suche nach Kakerlaken und Ratten. Und die Mutter aller Reality-Serien, "MTV's Real World", ist in Brooklyn angekommen. Kein Konzept wird ausgelassen, um die Palette menschlicher - und nun auch tierischer - Macken bloßzustellen, und mit sicherem Griff werden immer wieder die erbärmlichsten Repräsentanten dafür ausgesucht.

Amüsiert über seine Kandidaten: Ashton Kutcher ist Mitproduzent der US-Reality-Soap "True Beauty".

(Foto: Foto: rtr)

So läuft es denn auch in der gerade gestarteten Reihe "True Beauty" auf ABC, in der zehn schönheitsfixierte Männer und Frauen gegeneinander antreten, um am Ende zu Geld zu kommen. Neu ist, dass die Produzenten mit versteckten Kameras nach "innerer Schönheit" suchen, die sich bei den meisten Kandidaten aber gut versteckt hält. "Jeden Tag arbeite ich hart daran, nackt gut auszusehen", sagt der 26-jährige Joel. Ein Konkurrent erwidert: "Ich bin der einzige Mann mit meiner DNA auf dieser Erde." Und Teilnehmerin Chelsea findet: "Ich bin perfekt." So viel geballter Narzissmus muss selbst Psychotherapeuten überfordern.

Doch die Teilnehmer haben nicht mit der Bosheit von Ashton Kutcher gerechnet, neben Supermodel Tyra Banks Produzent der Serie. Den Schauspieler Kutcher kennt man vor allem aus seiner MTV-Show "Punk'd", in der er prominente Freunde veralbert. Gnadenlos werden die Kandidaten der neuen Show dabei gefilmt, wie sie einen Kellner, der gestolpert ist, liegen lassen. Statt ihm aufzuhelfen, waschen sie ihre befleckten Schuhe im Champagner-Kübel. Die Zuschauer sehen, wie Kandidaten vertrauliche "Schönheitsakten" der Konkurrenz lesen oder die Tür vor einem überladenen Fastfood-Lieferanten zufallen lassen.

Nicht viel besser ist es um die im Vorfeld gehypte Serie "Homeland Security", ebenfalls ABC, bestellt. Hier sollen alltägliche "Helden" porträtiert werden, die die Grenzen der USA frei von Terroristen, Drogenhändlern und anderen ungewollten Zureisenden beschützen. Die Zuschauer sehen, wie Grenzbeamte die Waffe ziehen und Autos umstellen, in denen Marihuana, Kokain, Spielzeug mit darin versteckten Schmerzmitteln oder auch eine junge Frau ins Land geschmuggelt werden sollten.

Oft wird hier auch falscher Alarm geschlagen, und die traumatisierten Reisenden werden, manchmal mit, manchmal ohne Entschuldigung durchgelassen. Auch die naiven Globetrotter fehlen nicht, wie etwa die junge Schweizer Bauchtänzerin, die unverblümt zugibt, sie würde gern mit ihrem Touristenvisum in den Vereinigten Staaten arbeiten, und von einem freundlichen Beamten mit den üblichen Fragen verhört wird ("Haben Sie jemals beabsichtigt, Ihre Regierung zu stürzen?").

Lob verdient in der aktuellen Flut menschlicher Einfalt allein die neue, inzwischen 17. Staffel "Real World". MTV bedient in der Serie nicht mehr, wie früher, Stereotype nach dem Muster: überschäumende Südstaatlerin, zorniger Afro-Amerikaner, cooler Ostküsten-Intellektueller, sondern zeigt eine Gruppe talentierter junger Leute, die nicht nur damit beschäftigt sind, sich in den Rücken zu fallen, sondern einander auch mal helfen. Die älteste der aktuellen Reality-Shows zeigt damit, dass nicht alles, was im Fernsehen schlecht startet, immer nur mieser werden muss.