Ein nachsommerliches Idyll: Während Stefan Raab und sein Herausforderer ihren friedlichen Spieleabend absolvierten, blieb dem Zuschauer auch Zeit fürs Wesentliche.
Von Franziska Seng
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Das Privatfernsehen mit Stefan Raab ist ein lieblicher Ort. (© Screenshot: sueddeutsche.de)
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Die Home- und Public-Viewing-Saison war sehr groß: Berauschende Hochgefühle mit Vizeweltmeistern und vielen strahlenden Olympiagoldmedaillen. Nun, da die Abende kühler werden, stehen wieder nachsommerliche Sorgen ins Haus. Reicht es bis zur Vierschanzentournee für den eigenen Flachbildfernseher? Und wer jetzt noch keinen Sponsor für ein freistehendes Eigenheim hat, muss noch lange die verschnupften Nachbarn durch den Plafond Schnaufen hören.
So waren auch die Beweggründe der fünf Kandidaten, die am vergangenen Septemberabend in den Zweikampf mit Stefan Raab treten und 500.000 Euro gewinnen wollten, ziemlich einheitlich: Sie wünschten sich Eigenheimzulagen oder Reisen in fernere, wärmere Gefilde, und der nackte Ehrgeiz, sich dafür mit dem manisch motivierten Moderator zu messen, stand vier von ihnen ins markige Gesicht eingegraben.
Doch auch Bescheidenheit ist eine Zier. Und so siegte bei der Kandidatenkür der 44-jährige Jan aus Berlin, der mit dem Gewinn nur gerne seiner Frau die Wohnung neu eingerichtet und dem Sohn eine Reise nach Australien finanziert hätte.
Jan ist Leiter einer Bade- und Saunalandschaft, wirft in seiner Freizeit Hinkelsteine und Baumstämme, entlang seiner Mundwinkel wachsen zwei Bartwülste herab wie Stalaktiten. Er ist ein Mensch, der die Sachen ruhig und bedächtig angeht. Was den Abend nicht unmaßgeblich beeinflussen sollte. Ein friedlicher Wettstreit entbrannte, in dem sich Jan und Stefan mit ihren Siegen in den fünfzehn Teildisziplinen nahezu kameradschaftlich abwechselten. Kaum Ausraster vom ansonsten so frustrationsintoleranten Raab. Fairer Sportgeist. Über vier Stunden lang zum Beispiel keine Anzeichen von Aufputschmitteln.
Heiteres Autokennzeichen-Raten
In der Vergangenheit war Stefan Raab oft negativ aufgefallen. Aufgrund taktloser Fragen an seine Gäste, überschwänglicher Häme. Doch die Integration in die heiligen, konsensfähigen Gefilde der klassischen Samstagabendunterhaltung gelingt ihm von mal zu mal besser. Wer wird Sieger im Zahnpastawursten? Beim Weitsprung in die Sandgrube? Beim heiteren Autokennzeichen-Raten?
Kein Gegenstand ist, so scheinen Raab und sein Moderator Matthias Opdenhövel von ihren Kollegen beim ZDF gelernt zu haben, zu nichtig, um ihn nicht auf XXL-Format auszubreiten und im trägen, überreizten Auge des Betrachters für ein kurzes, verstehendes Aufflackern zu sorgen.
Viele schöne Fernsehmomente, Epiphanien des wahren, des kleinen Glücks, bleiben in Erinnerung: Der stille Mond über dem im Freien eigens angelegten Golfplatz. Die Eleganz Jans, die ihn neunmal mit bestechender Sicherheit ein lustiges Gummi-Ei fallen und wieder auffangen lässt; auch die Zeitlupen davon. Die ernste Konzentration, mit der zwei erwachsene Männer an einem Bindfaden mümmeln, um an ein Gummibärchen am Ende desselben zu kommen.
Fast melancholisch stimmend die winterlich nüchterne Atmosphäre hinter den Kulissen des Studios, dann und wann goldherbstlich erleuchtet von farbigen Scheinwerfern, durch die die beiden Kontrahenten auf ihren leise surrenden Elektrorollen heizen. Man muss sich im Großen und Ganzen das Privatfernsehen doch als lieblichen Ort vorstellen.
Wer gewinnt, war ist die längste Zeit unklar und einerlei. Erst die letzten drei Disziplinen konnte der routiniertere Stefan Raab hintereinander für sich entscheiden, den benötigten Punktevorsprung erringen. Bis dahin war dem Zuschauer viel Zeit gegeben.
Zeit, um in den Werbepausen die Raten für technische Neuanschaffungen zu kalkulieren. Zeit, um über sich über die beruhigende Wirkung konfliktarmer Samstagabendformate zu freuen. Endlich Muße für das Ansammeln lebensnotwendiger Energiereserven, den Genuss von Elektrolyten und koffeinhaltiger Limonade. Die Abende werden länger, die Augen trüber; bald kann der Winter kommen.
Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
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(sueddeutsche.de/ssc)
Griechenland in der Schuldenkrise
...Vize-Europa-Meister! Zumindest, wenn die Fussballer gemeint sind.
Auch wenn ich mit der großen Samstagabendunterhaltung aufgewachsen bin, hab ich für den Raab Schlag nicht denn langen Atem, denn die Sendung verlangt, samt unsäglicher Werbepausen. Es reicht gerade mal für ein schnelles Zapping wer denn diesmal die Gunst hatte, gegen den Meister anzutreten, so viel Zeit muss sein.
Und gerade weil ich die Sendung nicht gesehen habe, möchte ich anmerken, dass es ein echtes Vergnügen war, in aller anschaulichen Kürze den obigen Artikel zu lesen, der so schön geschrieben ist, wie es der Vorkommentar schon anmerkte, so anmutig, romantisch und informativ, dass es eine wahre Freude ist. Und ich habe schließlich denn doch erfahren, wer gewonnen hat.
Chapeau, Frau Seng, das ist gute Unterhaltung ...
Ich hab den Anfang und die erste Spiele eher aus Zufall gesehen. Allerdings konnte man schon erahnen, das dieser Wikinger Kandidat gegen Raab spielen würde.
Drückt die vom Autor beschriebene Besserung, die Raab an den Tag legte, die Sendung vielleicht weiter in Richtung der nüchternen längst ausgestorbenen 100.000 DM Show?
90er Jahre RTL Mist hin oder her. Die 100.000 DM waren bei uns häufig Pflichtprogramm an Samstag Abenden.