Von Tomasz Kurianowicz

Stell dir vor, "Big Brother" feiert Finale, und keiner schaut zu. Und wer es doch tat, wurde mit Belanglosigkeiten schamlos gequält. Deutschland hat die achte Gaffer-Staffel überstanden.

Fahrten in öffentlichen Bussen, ob in Berlin oder Bremen, München oder Wuppertal, gleichen sich in einem Punkt bis aufs Haar: Im Nahverkehr ist die versteckte Kamera vielerorts ein ständiger Begleiter. Auch in Sparkassen, Supermärkten, Tankstellen und Innenstädten observieren kleine elektronische Linsen die Verfassung des Volkes, kontrollieren und archivieren die bürgerliche Norm.

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"Wir haben 'Big Brother' überlebt, die Sendung, wo die Erde bebt". (© Foto: dpa)

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Derweil zeigt sich im Internet das Ausmaß einer wirkungsmächtigen Schlüsselloch-Mentalität. Google-Maps verschafft Einblick in den nachbarlichen Garten. Die Chefetage geht mit Suchmaschinen auf Rasterfahndung nach zwielichtigen Bewerberbungsprofilen, und Online-Communitys wie Myspace und StudiVZ schüren das selbstverliebte Bedürfnis nach Aufmerksamkeit.

Schnüffeln hat ganz ohne Zweifel Hochkonjunktur. "Big Brother", eine Sendung, die das intime Grenzüberschreiten erfunden zu haben schien, ist schließlich von der eigenen Kundschaft überholt worden. Dort nämlich, wo der Wert von Privatem inflationsbedingt in den Keller rutscht, kann das Zurschaustellen heimlich gefilmter Popos niemanden mehr verwirren.

Vielleicht ist das der Grund, warum die Quoten gegen Schluss der achten Staffel so bescheiden waren. Wo bitte schön, sollte man fragen, liegt also die Existenzberechtigung einer auf Observation angelegten Unterhaltungs-Show, wenn wir nicht einmal auf die Straße zu gehen brauchen, um uns mit "Big Brother" konfrontiert zu sehen? Die Antwort lautet: nirgends.

Traktierte Nerven

So fehlt es an passendem Sprachmaterial, um die tröpfelnde Langeweile zu beschreiben, die dem diesjährigen "Big-Brother"-Finale innewohnte. Mit völlig austauschbaren Kandidaten, einer zäh gestreckten Dramaturgie und flachen Moderationen gab es keinen Grund, sich dieser dreistündigen Tortur in ihrer überbordenden Bedeutungslosigkeit auszusetzen.

Wenn es Erkenntnisse gab, dann ex negativo. Erstaunlich war zum Beispiel, wie es RTL II gelang, die treuen Fans an der Nase herumzuführen und ein kurz und schmerzlos durchführbares Ereignis dermaßen in die Länge zu ziehen. So viel Nichtigkeit im Verhältnis zu so viel Aufwand - dafür bedarf es fast schon einer besonderen Kunstfertigkeit.

Duldsam harrten die fünf Kandidaten im Haus aus und hofften, dass ihr Name als Letztes fallen würde. Ein Gewinn in Höhe von 250.000 Euro stand auf dem Spiel. Erst mussten die wasserstoffblonden Pin-up-Damen Mandy und Tanja gehen; dann verließ Frauenversteher Kevin das Haus, der während seines sechsmonatigen Aufenthalts Dutzende Kilogramm an Körpermasse verlor.

Die traurigen Verlierer durften sich zum Trost auf die "Big-Brother"-Bühne stellen, ihre Mütter grüßen und, umgarnt von Hunderten Fans, die Hände in die Höhe strecken. Dabei lässt sich schwer ermitteln, ob nun die kreischenden Menschen vereint mit den Techno-Beats die zarten Nerven traktierten oder die verbalen Äußerungen zwischendurch.

Sprachlosigkeit, Verzweiflung, Galgenhumor?

Irgendwann kam der Zeitpunkt, in dem Ko-Moderator Jürgen Milski - besser bekannt als der große Bruder von Ex-Big-Brother-Kandidat Zlatko - "die Sendung auf seinem Höhepunkt" sah (sic!). Damit wird er hoffentlich nicht seine gesangliche Performance gemeint haben, die der Kölner Entertainer in bester Playback-Manier auf rutschigem Parkett servierte.

Der Vers "Wir haben Big Brother überlebt, die Sendung, wo die Erde bebt" bewies die vom Call-in-Show-Moderatoren gewitzt instrumentalisierte Sprachakrobatik, die mit redundanten Hallelujah-Rufen weltliche und geistliche Sphären auf absurde Weise vermischte. Sprachlosigkeit, Verzweiflung, Galgenhumor? Die Palette an wirren Gefühlserscheinungen war an diesem sicher bald vergessenen Abend gewaltig.

Nach einem Marathon plumper Effekthascherei kam es endlich zum befreienden Ende, zur Erlösung. "Big Brother" kürte die achte Gewinnerin Isi. Nach diesem "Big-Brother"-Finale, einem solch gefährlichen Selbstexperiment, traut man sich gestärkt in die Welt, die da draußen schreit. Wer als Zuschauer eine derartige Sendung überlebt, wird mit allen großen Brüdern der Erde fertig.

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(sueddeutsche.de/gdo/bica)