TV-Kritik: "Wer wird Millionär?" Zwei für eins

Beim RTL-Klassiker "Wer wird Millionär?" durften diesmal sogar Singles nach ihrem Liebesglück suchen. Doch richtig emotional wurde es nicht. Günther Jauch sollte Nachhilfe bei Kai Pflaume nehmen.

Von Franziska Seng

Es ist kalt geworden bei RTL. Die steife, intellektuelle Brise, die Günther Jauch seit 1999 mit jeder Folge von "Wer wird Millionär" in unsere Wohnzimmer schickte, brachte irgendwann einen schmerzhaften Erkenntnisprozess in Gang: Anderen Leuten beim Raten zuzusehen oder sich an ihrer löchrigen Allgemeinbildung zu laben, das macht auf Dauer nicht glücklich.

Günther Jauch moderiert seit Jahren den RTL-Klassiker "Wer wird Millionär?". Am Montag gab es dabei sogar Blind Dates.

(Foto: Archivfoto: obs/RTL Group)

Zwar läuft Günther Jauchs Show immer noch relativ erfolgreich. Doch vor allem die wichtige Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen, der hoffnungsvolle Zuschauernachwuchs, zeigte sich in letzter Zeit nur mäßig interessiert an gutbürgerlichen Bildungscanapés: Sie zappte sich weiter. Womöglich in actiongeladenere oder romantischere Gefilde? Oder zappt sie einfach generell gerne? Egal.

Mit der Sondersendung "Wer wird Millionär - Blind Date" wären theoretisch zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Zapping-Adepten, die sich mit nur einem einzigen Programm nicht ausgelastet fühlen, bekommen gleich zwei Sendungen in einer geboten. Und emotionale Leere - bisher drehte sich ja alles immer nur um die schnöde Million - ließe sich mit Hilfe einer romantischen Crashkur vielleicht für zwei Stündlein verdrängen.

Beim Speed-Dating im RTL-Chat hatten sich die 20 Single-Kandidaten des vergangenen Montagabends kennengelernt. Zehn von ihnen saßen auf den heißen Stühlen und stellten sich der üblichen Blitzqualifikation. Die beiden schnellsten durften jeweils gemeinsam mit dem bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten Chat-Partner um die Million kämpfen.

Chromblitzendes Studio

Günther Jauch bemühte sich redlich, das wie immer chromblitzende Studio zu erwärmen und erwählte sich den Gefühlsmeister Kai Pflaume als rhetorisches Vorbild: "Die Liebe soll heute im Mittelpunkt stehen!" Anspruch und TV-Realität klafften dann schmerzlich auseinander.

Zwischen der 38-jährige Kandidatin Katja Weischenberg aus Dortmund und ihrem Blind Date, dem sieben Jahre älteren Trierer Berufstaucher Jörg Rosswinkel, entfachte sich keine wilde amour fou, eher eine lorioteske Konversation.

"Wie finden Sie denn Katjas Ohrringe", fragte der um erfolgreiche Vermittlung bemühte Jauch. "Nett", bemühte sich auch Jörg. Und wie findet Katja Jörgs Ohrringe? "Geht auf gar keinen Fall!" Da war auch Jauchs romantische Stimmung bald im Eimer, und er fiel zurück in die altbekannte Rolle des Frotzlers. "Wie sarkastisch", klagte Jörg über eine seiner treffenden Witzeleien. Zum Schluss teilten sich beide geschwisterlich 32.000 Euro. "Wir gehen sicher mal schick essen", lautete der monotone Schlusstenor.

Ähnlich die zweite Paarung, bestehend aus der 29-jährigen Gunda Heß aus Düsseldorf und dem zwei Jahre älteren Dirk Liphardt aus Paderborn. "Herr Jauch, ich wollte immer nur zu Ihnen", offenbarte Gunda, auch hier diente das Blind Date also nur als Mittel zur möglichen Million. Die impulsive, risikobereite Kandidatin brachte dann den auf Absicherung bedachten Dirk gehörig ins Schwitzen. Etwa, als sie die Frage nach der korrekten Schreibweise von "Baden-Württemberg" (entweder A: Würtenberg, B: Württenberg, C: Würtemberg oder D: Württemberg) ohne Joker beantworten wollte.

"Ich will aufhören", ließ Dirk an anderer Stelle leise verlauten, zog jedoch bis 64.000 Euro mit. Günther Jauch hatte bald aufgehört, sich Illusionen über seine Fähigkeiten als Beziehungsmakler zu machen. Zu übermächtig war die monomane, monetäre Fixierung der Kandidaten. In seiner Frage "Ab welchem Gewinn könnten sie sich denn eine längere Romanze vorstellen?", war der Bodensatz resignativen Ekels zu erahnen, der sich nach fast zehn Jahren Quizshowgeschäft bei Günther Jauch angesammelt haben muss.

Er übte sogar leise Selbstkritik am Konzept des Blind-Date-Specials mit zwei Kandidaten, das doch eigentlich mehr Action versprechen sollte: "Schlimm. Jetzt dauern die ganzen Entscheidungen doppelt so lange!"

Fazit: Vorgezogene Frühlingsgefühle bei den Kandidaten blieben aus. Ebenso das Adrenalin, die großen Geldgewinne. Um Verstand und Gefühl anzusprechen, bedarf es vielleicht eines ausgereifteren Sendekonzepts. Moderieren könnte ja trotzdem Günther Jauch. Wenn er noch ein paar Nachhilfestunden bei Kai Pflaume nimmt.