TV-Kritik: "Teenager außer Kontrolle" Ersatzmama RTL

Sollen sie doch Holzklötze schleppen: Mit psychologisch bedenklichen Methoden will RTL "Teenager außer Kontrolle" auf den Pfad der Tugend zurückbringen.

Von Tomasz Kurianowicz

RTL darf sich bald in Samariter-TV umbenennen, wenn an dem Profil einer pädagogischen, therapeutischen und heilbringenden (Fernseh-)Anstalt weiter gebastelt wird. Nach der "Super-Nanny" zeigt der Kölner Privatsender mittwochs abends, wie sich in der Wildnis von Oregon schwererziehbare Kids zu verantwortungsvollen Jugendlichen verwandeln.

Cheftherapeutin Annegret Noble leitet das "Therapieprogramm" für die Jugendlichen

(Foto: Foto: OH)

Ob Drogenjunkie, Neonazi oder Hobby-Schläger - die engagierten RTL-Therapeuten wissen die halbwüchsigen Kriminellen auf den rechten Pfad zurückzuführen. Natürlich ganz ohne Eigeninteresse, nachhaltig und effektiv.

Tränen im Close-up

So einfach ist die Sache wohl nicht, warnt der gesunde Menschenverstand. Aber das Format, das unter dem effekthascherischen Titel "Teenager außer Kontrolle - Letzter Ausweg Wilder Westen" seit mehreren Wochen für richtig gute Quoten sorgt, kaschiert mit löblichen Aspirationen eine grundlegende Schimäre: Das Privatfernsehen vermag sich zwar als Helfer sozialer Randgruppen zu inszenieren; in Wahrheit ist es jedoch einer ihrer stärksten Förderer.

Ein mündiges und intelligentes Publikum könnte gegen den billig produzierten Stumpfsinn rebellieren, nach qualitativem Fernsehen verlangen, oder sich gar - ein Schreck für jeden Programmchef - sinnvolleren Beschäftigungen zuwenden. So aber kann die Zielgruppe unter dem Deckmantel pädagogischer Fortbildung mit Ramsch abgefüttert werden; nebenbei spülen Werbeblöcke einen Haufen Geld in die Kasse.

Um den Zuschauer nicht zu überfordern, ist das Konzept des RTL-Resozialisierungs-Camps denkbar einfach und denkbar billig: Einige verbal verrohte Kids werden in ein Ferienlager gesteckt, in dem sie scheinbar nützliche Aufgaben bewältigen und kathartische Momente erleben. Die Fernsehkamera ist immer mit dabei und wartet auf den nächsten Flüchtling, dem hintergejagt wird. Sie wartet auf die nächste Träne, die in der Nahaufnahme zu sehen ist, und auf den nächsten Wutausbruch, der hochdramatisch in Szene gesetzt werden kann.

"Beim Tragen kann ich nicht nachdenken"

Die psychologischen Methoden sind hierbei bedenklich: Andreas, der im Camp für seine Serien-Einbrüche einsitzt, musste in der Folge am Mittwochabend wegen seiner Verweigerungshaltung einen Holzklotz durch die Wüste schleppen. Als er die recht debile Aufgabe - überraschend reflektiert - zu bezweifeln wagte, schritt die Therapeutin ein und erstickte die angezettelte Diskussion im Keim. Dabei war Andreas' Argument durchaus diskussionswürdig: "Beim Tragen kann ich über meine Probleme gar nicht nachdenken."

Es bleibt zu hinterfragen, ob die herangezogenen therapeutischen Maßnahmen unverzichtbare Lösungsansätze sind, oder ob sie bloß als Zeitfüller für den entscheidenden Inhalt fungieren: die Werbeblöcke. Indiskutabel ist die ganz ohne Zweifel entwürdigende Inszenierung der Camp-Teilnehmer: Jede Träne wird von der Kamera eingefangen und im Breitbild konsumfähig aufgearbeitet, jede emotionale Intimität wird mit dem Vorschlaghammer eindrucksvoll inszeniert, ausgeschlachtet und veräußert. Keine Aktion bleibt unkommentiert, so als ob der Zuschauer den stillen Augenblick der eigenen Reflexion nicht ertragen, gar sich vor ihm fürchten würde.

Ein Besinnungs-Camp für Fernsehdeutschland

Geradezu schauderhaft ist der Einsatz der Hintergrundmusik: Als Andreas von seiner schlimmsten Erfahrung berichtet - dem Anblick seines an Krebs erkrankten Cousins -, erklingt "The Scientist" von Coldplay, so als ob es sich um eine Mottoshow bei "Deutschland sucht den Superstar" handeln würde. Damit überschreitet RTL die Grenze des guten Geschmacks.

Leider ist es am Ende der Zuschauer, der über den kommerziellen Erfolg oder Misserfolg einer Sendung entscheidet. Mit etwa 20 Prozent Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe wollen große Teile Fernsehdeutschlands so viel schlecht gemachten Rat offenbar sehen.