Von Franziska Seng

Seltsamer Samstag: Der FC Bayern wird nicht Meister und Stefan Raab verliert gegen seinen Herausforderer. Geht Raab nun nach New York?

Fußball ist in Deutschland für gewöhnlich ein Spiel, bei dem sich Horden agiler, tapferer und begnadeter Ballkünstler eine Saison lang anrempeln, ins Gras rotzen, sich dann in diesem Gras wälzen, um gegen die Unbarmherzigkeit des Fußballgottes zu protestieren, und am Ende gewinnt immer der FC Bayern.

Bild vergrößern

Der Wunsch von 80 Prozent der Zuschauer ging in Erfüllung: Raab musste die Geldkoffer abgeben. (© Foto: dpa)

Anzeige

Ähnlich ist es beim Fernsehen: Sendeanstalten, ausgestattet mit ungleichen Ressourcen an Etat, Kreativität oder Moral bemühen sich fleißig um innovative Formate, Zuschauer und Werbeverträge, wühlen, wenn nötig, im Dreck nach schwer erreichbaren Zielgruppen, und am Ende gewinnt immer Stefan Raab.

Stefan Raab mit dem Polarstern unter den deutschen Vereinen zu vergleichen ist nicht zu hoch gegriffen: Wirkte der offizielle FC-Köln-Fan in letzter Zeit nicht wie eine strahlende Dreifaltigkeit fc-bayerischer Lichtgestalten? Schließlich ist er ein seltener Hypertalentierter, der bei "tv total" die Kunst des pointenfreien Parlandos bald ebenso beherrscht wie Franz Beckenbauer und gleichzeitig seine saftigen Unternehmensbilanzen nicht vor dem feisten Dauerverwurster Uli Hoeneß verstecken muss. Er ist ein Kämpfer, dessen spielerischer Brutalismus ein Balsam ist für all diejenigen, die das Ende des sagenhaften, titanischen Zeitalters des Oliver Kahn noch nicht verwunden haben.

Auch am vergangenen Samstagabend hätte man gerne hin und wieder eine Ladung gerösteter Bananen-Chips in die Hand genommen und gen Mülheim geschleudert, um dem manischen Moderator Respekt zu zollen: etwa als er schon im ersten Aufwärmspiel "Wettrennen" eine sinnlos ehrgeizige Parade über die Zielline setzte, mit der er bei jedem Kahn-Casting brilliert hätte.

Kahnverdächtig im Kampf

Der erste Punkt ging trotzdem an Konkurrent Nino, allerdings durfte Raab umgehend die Jeans hochkrempeln und mit seinem violett schimmernden Knie prahlen. Ähnlich kahnverdächtig auch die ziemlich überzogene Selbstkritik, nachdem Raab beim Bilderrätsel Theoder Heuss mit Kurt Georg Kiesinger verwechselt hatte.

Aber es stand auch einiges auf dem Spiel! Matthias Opdenhövel ächzte, als er die sechs schicken, transparenten Geldkoffer (wann werden die eigentlich endlich bundesweit salonfähig?) ins Studio schleppen musste. Drei Millionen Euro waren im Gewinntopf, so viel gab es noch nie abzuräumen bei "Schlag den Raab".

Drei Millionen, das ist ebenbürtig mit dem großen Triple, Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League in einem Streich, das ist so einmalig glamourös wie DSDS, GNT und Eurovision Song Contest, so heillos ansteckend wie Vogel-, Rinder- und Schweinepest zusammen.

Doch eine Niederlage Raabs, auf die laut einer Forsa-Umfrage 80,1 Prozent der Zuschauer hofften, lag für den TV-Kenner ebenso außerhalb des Vorstellungsvermögens wie die Tatsache, dass in diesem Jahr der FC nicht in letzter Sekunde noch Meister werden würde.

Möglich, dass der Fußballgott ähnlich parteiisch ist wie der Fernsehgott. Und so ging an diesem Maitag alles seinen gewohnten Lauf: Auf dem Marienplatz hatten sich FCB-Fans versammelt, um in der konkurrenzlos golden glänzenden Münchner Nachmittagssonne leise Triumphlieder anzustimmen, in den schwitzenden Händen die Shoppingtüten ihrer Freundinnen.

Und nachdem die Zuschauer den knuddeligen, erst 26 Jahre alten Chemiedoktoranden Nino als Raabs Herausforderer gewählt hatten, dessen Kernkompetenz dem Porträtvideo zufolge das lustige Zusammenmischen bunter Chemikalien zu sein schien, stellte man sich auf einen schnellen Sieg Raabs ein.

Bayern wurde dann aber seltsamerweise doch nicht Meister, und bei "Schlag den Raab" entbrannte ein nervenaufreibender Wettkampf, aus dem Herausforderer Nino erschöpft, aber steinreich hervorgehen durfte. Konnte Nino, trotz einer anfänglichen 11:1-Klatsche im Wasserball (seine Kontaktlinsen waren verrutscht), in Führung gehen, in Disziplinen wie "Radfahren", "Menschen kennen" oder dem Denkspiel "Türme von Hanoi" überzeugen, kam der Wendepunkt erwartungsgemäß bei Raabs favorisierter Wettkampfrubrik, nämlich den motorisierten Fortbewegungsmitteln, in diesem Fall Elektro-Skateboards: Nino eierte durch das Studio, Raab düste davon.

Die Kontrahenten wechselten sich schließlich mit dem Siegen ab, und als Nino im 14. Spiel, "Flummi", das zugleich sein Matchspiel war und bei dem ein kleiner Gummiball gegen eine Wand geworfen und gefangen werden sollte, nicht punkten konnte, musste gegen ein Uhr der Billard-Tisch herausgerollt werden zur finalen, alles entscheidenden Runde. Und auch bei dieser Billard-Partie hätte das Ergebnis nicht knapper ausfallen können: Raab ging in Führung, Nino holte auf, konnte jedoch zweimal die schwarze Acht nicht versenken. Dies gelang ihm erst, als Raab gegen 1.30 Uhr nur noch mit einer Kugel hinter ihm lag.

Dann gehörten sie ihm, die Dinger. Das sonore Gewinner-Brüllen, die emotionale Geste, mit der er nach mehr als fünfstündiger Anspannung auf dem Studioboden zusammenbrechen und später beherzt nach seinen Trophäen greifen sollte, musste dann doch jeden von der ausgewachsenen Kämpfernatur dieses Naturwissenschaftlers überzeugen.

Sommerpause in New York?

Stefan Raab muss dagegen in der "Schlag-den-Raab"-Sommerpause sehen, wie er sich von diesem seltenen Rückschlag erholt. Mehrere Optionen stehen ihm offen. Irgendwas in New York zum Beispiel, wie Beckenbauer und Matthäus.

Vielleicht überlegt er es sich nochmal und nimmt die Chance eines Gastspielvertrags bei der ARD wahr: Da hätte er sich zwar auf extensive Strategiegespräche, ruppige Rückpässe und die zwanghafte Eigentor-Fixiertheit seiner neuen Kollegen einzustellen, dafür könnte er ohne großen Aufwand in eine europäische Liga aufsteigen.

Auch die Möglichkeit eines integrativen Meditationszentrums mit Klinsmann ist nicht vollkommen auszuschließen, selbstverständlich mit ökologisch geernteten Wurstsemmeln all inclusive.

Als Zuschauer hoffen wir nicht, dass es so schlimm kommen könnte und halten für September in freudiger Erwartung die gerösteten Bananen-Chips wurfbereit.

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/bilu)