TV-Kritik: Schirrmacher bei Beckmann "... und dann ist man leer"

Hilfe, das Internet verschwindet nicht! Im TV-Studio findet Buchautor Schirrmacher zusammen mit Günther Jauch ein Mittel gegen die Informationsfluten. Am Ende siegt immer der Wahnsinnige.

Von Hans-Jürgen Jakobs

Das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann: eines Tages als ein anderer aufzuwachen. Eines Morgens nicht mehr Mensch, sondern - sagen wir - Käfer zu sein, so wie Gregor Samsa in Kafkas "Die Verwandlung".

Dass sich das menschliche Gehirn in der digitalen Informationswelt ändere, dass all dies Bombardement aus Online-News, E-Mails, SMS, Tweets und Telefonaten zu viel sei für das bisschen Inhalt in der Schale namens Schädel, dessen ist sich Frank Schirrmacher sicher.

Und so schreibt der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in seinem neuen Buch "Payback": "Wir bleiben Käfer." Oder: "Ich werde aufgefressen." Aufgefressen offenbar, weil er selbst ein gieriger "Informationsfresser" ist, mutiert zum Informavores rex, der im neuen darwinistischen Überlebenskampf glänzen will.

Vermanschungsgefahr, Bildungsbürger und Glückskäfer

Die bisher wirkungsvollste Warnung von der Käfer-Gesellschaft emittierte der Autor am vorigen Freitag, kurz nach Veröffentlichung des Buchs, im Groß-Interview in Bild. Es gipfelte kafkaesk in der Schlagzeile: "Das Internet vermanscht unser Gehirn." Schirrmacher warnt, wir gäben das Denken an Computer ab, es wandere "buchstäblich nach außen". Multi-Tasking zum Beispiel sei Körperverletzung.

Nun diskutiert Deutschland trotz der Apokalypse Käfer derzeit eher über Wettbetrüger beim Fußball oder Steuergelder für Opel. In solchen Momenten intellektueller Defizite tritt gerne der oberste Informationsgrundversorger der ARD auf, Reinhold Beckmann.

Zum Talk über die Vermanschungsgefahr, die Attacken aufs Gehirn, hatte er neben Schirrmacher mit Günther Jauch einen weiteren "Bildungsbürger" aus Potsdam geladen. Der TV-Moderator darf schon deshalb als Kapazität auf diesem Gebiet gelten, weil er seit mehr als zehn Jahren Wissensfragen stellt, deren Beantwortung einfache Deutsche in Millionäre verwandeln kann - was ein richtiges Glückskäfergefühl sein dürfte.

Jauch: Einmal Porno, immer Porno

RTL-Gehirn Jauch sprach von einem "bahnbrechenden Buch". Das Internet sei eigentlich ein Paradies, aber es erschöpfe einen wirklich, wenn andauernd etwas blinke. "Und dann ist man leer", erklärte Schirrmacher einmal. Während der Mann vom Fernsehen zum Besten gab, dass der Online-Versender Amazon ihm regelmäßig Porno-Literatur vorschlage, nur weil er ein einziges Mal - nicht für sich - etwas Erotisches bestellt habe, gab der Mann von der Zeitung die steilsten Thesen seines Buchs wieder. Wie wir alle Angst haben, etwas zu verpassen. Wie Google die Macht über unsere Informationsauswahl übernommen hat. Wie Computer Profile erstellen. Wie sich das Gehirn, "dieser Muskel", anpasst.

Irgendwo ist immer ein Trend, der sich zur gesamtgesellschaftlichen Schlüsselfrage verdichten lässt. Hatte Schirrmachers erster Bestseller "Das Methusalem-Komplott" noch das wichtige Thema der Überalterung in die Medien gebracht, so war dem Nachfolgewerk "Minimum" - Gegenstand: die Auflösung der Familie - schon weniger Erfolg beschieden. Die digitale Überforderung in "Payback" wiederum dürfte vordringlich das Problem jener imaginären "Info-Elite" sein, die ihr Wohlergehen tatsächlich von der jeweils aktuellen Nachricht abhängig macht. Allen anderen genügt der Ausknopf.

Im Übrigen: Schon immer gehörte es beispielsweise zu den Grundweisheiten einer Redaktion, dass der Papierkorb eines der wesentlichsten Mittel zur journalistischen Qualitätskontrolle ist. Das gibt es inzwischen eben auch elektronisch. Es ist kein Verbrechen, unverlangte Mails nicht zu beantworten.

Auf der nächsten Seite: Schirrmachers Alarmismus ist wenig mehr als ein Hinweis auf persönliche Defizite - den Willen, es besser zu machen, nimmt ihm keiner ab.