Von Willi Winkler

Die Welt ist wieder schön, nur der Kameramann nickt ab und zu weg: Sabine Christiansen kehrt mit "Agenda 09" bei n-tv ins Talkshow-Ensemble zurück.

Es soll ja einsame Zuschauer geben, die ein so inniges Verhältnis zu Personen der Fernsehwelt pflegen, dass sie sich mit dem "Tagesschau"-Sprecher Karl-Heinz Köpcke verlobt wähnten. Und warum auch nicht: So manche wohlgestalte Person des öffentlichen Lebens wächst einem mit der Zeit näher ans Herz als die flauschigste Angorakatze.

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Rotweißgestreifte Meisterin des betörend Sinnlosen: Sabine Christiansen. (© Foto: dpa)

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Von diesem blutenden Herzen weggerissen wurde einem vor knapp zwei Jahren die große Welterklärerin Sabine Christiansen. Mit einem Mal verabschiedet in einen frühen, aber verdienten Ruhestand. Die freigesetzte Allesmoderatorin wusste die Muße zu nutzen, feierte eine Hochzeit im Raffaello-Setting, zog um nach Paris, moderierte eine ungesehene Sendung und grüßte nur gelegentlich aus der Bunten, dem Verständigungsorgan auch sonst sitzen gelassener Frauen.

Doch etwas fehlte. Es waren nicht die schlechtesten Menschen, die das betörend Sinnlose des Christiansen'schen Dauerkrisenkabinetts bald vermissten. Die Finanz- wird zur Wirtschaftskrise, die Zahl der Arbeitslosen steigt, die Polkappen schmelzen weiter, aber wo ist Sabine Christiansen, um uns zu versichern, dass alles noch viel schlimmer steht?

Endlich ist sie wieder da, umgibt sich mit sachverständig beleibten Männern und lässt sie über "Werte und Märkte" diskutieren. Es hätte auch "Menschen und Mächte" oder "Spiel ohne Grenzen" heißen können, denn in der neuen, mit Agenda'09 betitelten Talkshow des Nachrichtenkanals n-tv war fast alles so schön wie früher. In einem schwarzweißen Frühschoppen aufgereiht saßen die Schlipsträger und sorgten sich. Es war wie bei einem alten Stück, vor Jahren abgespielt auf der Hauptstadtbühne, das nun durch die Provinz reist: Die Darsteller sind vom Dauerspiel so abgemüdet, dass sie ihre tausend Mal gehörten Sätze im Halbschlaf aufsagen, und die Zuschauer sitzen ehrfürchtig weit weg.

Nach einem Tag mit Dieter Althausens Verantwortungsgesicht und Christoph Schlingensiefs Krebsleiden nimmt das Publikum dankbar wahr, dass sich die Welt noch immer am Abgrund befindet, es sei denn, die vielen Vorschriften würden aufgehoben, das Nachtflugverbot für Air Berlin fiele und die SPD wäre noch wie unter Schröder. Alles wie immer eigentlich, nur nicht am heiligen Sonntagabend, sondern kurz vor Mitternacht praktisch ungesehen. Selbst der Kameramann muss zwischendurch weggenickt sein, denn mehrfach schreckte er auf und zoomte hektisch auf die rotweißgestreifte maîtresse de plaisir.

Dass die Marktwirtschaft lebt und die Welt sich weiter dreht, garantiert der Sponsor, die Schweizer Bank UBS. 2008 hat sie (Werbemotto: "mit exklusiver Kundenbetreuung") ein Minus von 20 Milliarden Franken erwirtschaftet und ist auf den letzten Platz in der Rangliste der großen Schweizer Börsenfirmen gefallen. Die Welt ist wieder schön, wenn sie von Sabine Christiansen für dumm verkauft wird.

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(SZ vom 22.04.2009/korc)