Das wird er kaum tun, denn es gab in dieser denkwürdigen Woche des Zorns, die Reich-Ranicki von der Kölner Fernsehpreis-Bühne über eine Baden-Badener Bank, wo er vor Angestellten und einem Bild-Reporter dozierte, nun wieder ins Abendprogramm führte, einen Doppelcharakter zu bestaunen: zum einen den 88-jährigen Angry Young Man, der eine ganz große Meinung und einen noch größeren Furor besitzt; zum anderen einen wie in Gérard de Nervals Novelle "Sylvie" in der Vergangenheit gefangenen Romantiker, der den Anschluss an die Kultur der Gegenwart verloren hat.
Anzeige
Reich-Ranicki klammert sich an die Helden seiner Jugend, ja, seines Lebens: Brecht, Shakespeare, Thomas Mann, sie stehen für die Unterhaltungskultur seines Geschmacks, doch leider zugleich für eine arme Welt ohne "Dr. House", "Seinfeld" und "Schlag den Raab".
Günter Grass wies am Freitag darauf hin, dass Reich-Ranicki allzu lange keinen Widerspruch mehr gehört und dies seinem Urteilsvermögen geschadet habe. So hat sich ausgerechnet Helge Schneider, der literarischste Komödiant der Gegenwart, Reich-Ranickis besondere Abneigung erspielt. Oder meinte er Atze Schröder? Man weiß es nicht genau, er konnte sie bei Gottschalk nicht auseinander halten. Literatur und Theater sollten zwar unterhalten, sagte Reich-Ranicki, aber nur die TV-Autoren Brecht oder Shakespeare seien gegenwärtig dazu in der Lage, denn bei "Helge Schneider" sei alles schlecht.
Der absurdeste Moment aber stellte sich ein, als Reich-Ranicki ein Angstregime für die Intendanten forderte: Erst wenn sie aus Sorge um die Qualität um ihren Job fürchteten, würde sich das Fernsehen bessern.
Eine Leistung des Lebenswerks von Reich-Ranicki besteht in der Objektivierung seines persönlichen Geschmacks zum Maß aller Dinge. Vieles, was nicht in den privaten Kanon passte, hatte beim Kritiker keine Chance. Deshalb wurde das Ende des "Literarischen Quartetts" nicht als intellektueller Verlust betrauert.
Im Fernsehpreis-Konflikt wurden noch einmal die Eigenschaften deutlich, die Reich-Ranicki über die literarische Welt hinaus zum Star gemacht haben: die Bereitschaft zur Gnadenlosigkeit und der unbedingte Wille zur pointierten Meinung, für die er ein Fehlurteil gerne in Kauf nimmt.
Was Marcel Reich-Ranicki in dieser Woche zum Besten gab, war nicht immer fundiert, aber beste Unterhaltung. Sein Zorn wird wohl keine Früchte tragen, und er und Gottschalk waren auch nicht die besseren "Schmidt & Pocher". Die schönste Pointe des Abends bestand im Trailer, der auf die Sondersendug folgte: Werbung für die ZDF-Preisverleihungsgala "Echo der Stars".
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
- Thema
- Nachtkritik RSS
- Günter Grass attackiert Reich-Ranicki So disst die alte Schule 17.10.2008
- Reich-Ranicki und Gottschalk im ZDF "Ich habe nichts zu bereuen" 16.10.2008
- Reich-Ranickis TV-Schelte Der Unbeugsame 16.10.2008
- Qualitätsdebatte im Fernsehen "Überzogen und arrogant" 13.10.2008
- Eklat-Rede von Reich-Ranicki ".... nicht diesen Blödsinn" 12.10.2008
(sueddeutsche.de/beu)
Brasiliens Präsidentin Roussef
In der Sondersendung Aus gegebenem Anlass", in der über die Qualität des deutschen Fernsehens gesprochen wurde, duellierten sich MRR & Gottschalk, wobei der ZDF-Co-Intendant Gottschalk doch als wahrer Sieger hervorgegangen ist; siehe SZ-Beitrag. Fazit: Vieles, was nicht in den privaten Kanon passte, hatte beim Kritiker keine Chance. RRs These: Literatur und Theater sollten zwar unterhalten ( ), aber nur die TV-Autoren Brecht oder Shakespeare seien gegenwärtig dazu in der Lage ist höchst welt- und TV-fremd. Von seiner Generalkritik, dass fast alles im Fernsehen Blödsinn, Unsinn, kompletter Dreck" sei, wich Reich-Ranicki nicht ab. Ich hatte Herrn RR öffentlich aufgefordert, MRR möge sich zur Buchmesse und der skandalösen Friedenspreisverleihung an Kiefer äußern. Ich erhoffte mir Generalkritik, dass vieles auf der Buchmesse Blödsinn, Unsinn, kompletter Dreck" sei. Aber den Einwand, dass es auch in der Literatur analog so sei, weil der Einzelne das massenmediale Angebot stets danach bewertet, wie minimal der Prozentsatz des auf ihn zugeschnittenen Programms ausfällt, ließ RR nicht gelten. Für ihn stellt allein die Hochkultur das Reich des Wahren, Schönen und Guten dar. Eine legitime Hypothese, aus der aber kein öffentlich-rechtlicher Programmauftrag ableitbar ist, kommentiert Christian Kortmann zu Recht.
An MRRs Homepage-email-Adresse schrieb ich: Sehr geehrter Herr Prof. Reich-Ranicki, Ihre Meinung zum FRIEDENs Preis an Kiefer würde mich interessieren. Im www. finden Sie Artikel von mir. Eine kritische Dokumentation zur Friedenspreis-Verleihung kann man lesen im www: DIE ZEIT-Community mit Kommentaren: OFFENER BRIEF zum FRIEDENSPREIS 2008 & 2009 des Deutschen Buchhandels (Börsenverein): GOOGLE als Preisträger 2009! Vgl. auch ebenda Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und die FRIEDENs-Preis-Verleihung des Buchhandels 2008. Ob MRR antworten wird?
Haben Anselm Kiefer mit seiner Dankes-Rede und Werner Spies durch seine Laudatio in der Frankfurter Paulskirche die Zweifel des Feuilletons beseitigen können, ob denn der Maler & Objektkünstler den Friedenspreis überhaupt verdient hat? Dazu mehr ausführlich in einem längeren Beitrag in ZEIT ONLINE Community vom 20.10.2008: FRIEDENs-Preis an Kiefer: Tag der Wahrheit und/oder Tag des UN-FRIEDENs?
dann lasst uns den Mantel des Schweigens über all´die Sendungen decken.
Denn letztendlich brauchen wir die Schafe dir nur auf den Schäfer warten, der ihnen zeigt wo es hingehen soll. Beängstigend oder auch nicht, wenn die Schafe dann jedoch den Schäfer nicht mehr vom Wolf unterscheiden können oder wollen.
"Ich kenne nichts ärmers unter der Sonn' als Euch, Götter! Ihr nähret kümmerlich von Opfersteuern und Gebetshauch Eure Majestät und darbtet, wären nicht Kinder und Bettler hoffnungsvolle Thoren" (Goethe, Prometheus). Sturm und Drang muß MRR erfüllt haben, als er den Fernsehgewaltigen mit der Volonté générale aller Bildungshungrigen drohte. Mehr Terreur in den Redaktionen - reißt dem Intendierten Fernsehen die charakterlosen Masken vom Bildschirm! Robespierre der Unbestechliche ist wieder da, entfesselter Menschenformer - an seiner Seite die Nemesis namens Elke, die "Unentrinnbare" (Adrasteia bei Aischylos) - an der Spitze der Tugendhaften, die im Besitz der Wahrheit sind: "Wir sind nämlich viele" (EH).
Froeken Elkes Gespür für Schmäh hat sie nicht verlassen. Zwar ist Nymphe Echo nuurmehr Schall in den Bücherwäldern - Narcissus jedoch, blondgelockter Selbstverliebter, wird abgestraft mit dem "Spiegel"-Bild seiner Unkenntnis. Kritiker Nestor erhebt die Stimme gegenüber "den perrimitiven Machwerreken der Ferrensehfuzzzzies" - von Shakespeare hat er nur einen blassen Schimmer; der Mentor kennt nicht die vielfältigen Adaptionen des Master Will. Fachleute hielten MRR seit je für einen Marktschreier der eigenen Kompetenzüberschreitung, der wie ein Artilleriehauptmann mit seiner Kanon-Kanone auf andere Canones schießt.
Derweilen herrscht Ostrakismus im Forum - die Ban.ausen zählen ihre Scherbchen und würden allzu gern rein in den nächsten Wohlfahrtsausschuß. Rundum Übelnehmende entern die Blogs - fatal klingt das Wort "Blogwart" nach einem unerbittlichen Bildungshausmeister. Pharisäer und sonstige Karlmeier besitzen mehr Glaubensstärke als Überzeugungskraft, drum Freunde ungezügelter Wutausbrüche (weniger von Literarrhetorik und Orthographie).
Überall Gier nach allgemeiner, ja allergemeinster, weil öffentlicher Aufmerksamkeit, zumal im TV-Freudenhaus, wo MRR sein spezielles Chambre séparée gepflegt hat. "Wer so seine Unbestechlichkeit demonstriert, der muß unter seiner Korrumpierbarkeit zu leiden haben": Man darf Walsers "Tod eines Kritikers" für eine abgefeimte Retourkutsche halten - die Infamie dieses Satzes wird nur noch durch seine Wahrhaftigkeit übertroffen.
Und die TV-Philister, diese Menschen ohne geistige Bedürfnisse?! Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber - oder stehen zumindest freudig schw.anzklatschend an der Witzelbank, wenn Freund Raab das Kopfschlächterbeil wetzt. MRR wird sie nicht erretten.