Sie war zuletzt nur "Nadja B." - jetzt ist sie wieder Nadja Benaissa, die Frau, die auf RTL öffentlich über HIV, Intimes und ihren Prozess redete. Eine Nachtkritik.
Da saß sie selbstbewusst im Studio. Lächelte, beantwortete ruhig Fragen zu HIV und Körperverletzung. Jene Frau, die vor zehn Wochen so etwas wie ein öffentliches Opfer von Justiz und Medien zu sein schien. Ein Star, dessen Anwalt jeder Zeitung mit Klage drohte, der ihren Namen nannte in dieser heiklen Ermittlungssache.
Günther Jauch schleust Nadja Benaissa mit Buchhaltergestus durch Stern TV. (© Foto:)
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Nun aber sitzt Nadja Benaissa von der Band No Angels, die vorher in dieser Affäre bestenfalls die Sängerin "Nadja B." war, an der Seite des Fernsehjournalisten Günther Jauch, der noch die schmutzigsten Boulevardstoffe mit Buchhaltergestus durch seine RTL-Sendung "Stern TV" schleust.
Schon im Jahr 2001 hatte Nadja Benaissa in Jauchs Gemischtwarenladen bekannt, einst cracksüchtig gewesen zu sein. Nun sagt sie, sie lebe gegen ihren Willen in einem "Ausnahmezustand", nachdem bekanntwurde, dass sie HIV-infiziert sei.
Mit der Infektion komme sie gut zurecht: "Ich bin vollkommen gesund und ich bin ja auch nicht krank. Ich bin HIV-positiv. HIV-positiv zu sein, heißt nicht, krank zu sein. Denn wenn die Krankheit ausbricht, heißt sie Aids. Ich habe eine ganz normale Lebenserwartung." Sie werde mit Medikamenten therapiert, der Ausbruch sei kontrolliert: "Und natürlich auch im Intimleben gibt es gewisse Einschränkungen."
Eine Show wie "Stern TV" lebt von diesen Momenten der Selbstentblößung und der großen Ehrlichkeit in einer bekanntlich rundum verlogenen Welt. Ein Mensch, der so offen über Intima redet, kann gleichwohl nicht erwarten, anonymisiert zu werden. Und so fragte Jauch sanft nach dem drohenden Prozess gegen sie und nach dem Vorwurf, sie habe ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt: "Herr Jauch, Sie wissen, darüber darf ich nicht reden." Es sei richtig, dieses Verfahren, "okay, völlig in Ordnung". Sie arbeite mit den Behörden zusammen.
Man muss wissen, dass Nadja Benaissa vor Gericht schon gegen einen kleinen Bericht in Bild geklagt hat und erst kurz vor Prozessbeginn in Berlin das juristische Minenfeld räumen ließ. Der Artikel hatte geschildert, wie die Künstlerin am Ostersamstag vor einem Konzert in Frankfurt vor vielen Leuten verhaftet worden war, weiß Gott, kein gewöhnlicher Vorgang. Das sei sehr "auffällig" gewesen, erzählt Nadja Benaissa nun bei "Stern TV", sie sei ja eher "eine ruhige Person".
Nadja Benaissa wirkt sehr kontrolliert, sehr beherrscht
So kam der Star der No Angels für zehn Tage in Untersuchungshaft, und danach musste sie ihrer bis dahin unwissenden Tochter von ihrer HIV-Krankheit erzählen. Ein Sprecher der Darmstädter Staatsanwaltschaft hatte Benaissas Intimleben, inklusive der schwere Vorwürfe der Körperverletzung, öffentlich ausgebreitet - woraufhin sie zum Covergirl des Boulevards wurde. Nadja Benaissa spricht von einer "unmöglichen Massivität von Medien".
Im TV-Studio tritt sie mit exotisch gemusterter bunter Bluse auf. Die Haare sind zu einem Zopf gebunden. Sie wirkt sehr kontrolliert, sehr beherrscht. Immerhin ist Nadja Benaissa seit 2000 großes Publikum gewohnt, jenem Jahr, indem sie im Castingwettbewerb "Popstars" des Fernsehsenders RTL 2 siegte und in die Retortenband No Angels einstieg.
Günther Jauch, der noch vor Tagen einen Großauftritt als Absolvent der 60 Jahre alt gewordenen Deutschen Journalistenschule hatte, gelingt es an diesem RTL-Abend nicht, ein Gespräch ins Laufen zu bringen, das überraschende Einblicke bringt. Er wiederholt Fragen, die schon im langen Einspielfilm geklärt waren.
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warum geben sie nicht einfach zu, dass sie eine um satte 20 Jahre abweichende lebenserwartung für hiv-infizierte unterstellt haben, sondern versuchen in ihrer antwort schon wieder nach unten zu relativieren und hiv zu dramatisieren?
fakt ist: wer sich mit 20 mit hiv infiziert hat im schnitt noch 50 jahre leben vor sich, bei infektion in späterem alter steigt übrigens die gesamtlebenserwartung entsprechend an, sodass ein 35 jähriger fast die lebenserwartung eines nicht-infizierten erreichen kann; erst ab einem alter von ca. 40 wirkt sich das höhere alter dann reduktiv auf die lebenserwartung aus.
wenn es in der therapie anderer bedrohlicher krankheiten wie z.b. krebs solche erfolge gäbe, dann wären wir im medizinischen bereich einige probleme los. zum vergleich: quantifiziert man über alle krebserkrankungen hinweg, so hat man eine ca. 40%ige chance, die ersten 5 jahre der erkrankung nicht zu überleben.
ein weiterer fakt spricht für sich: in deutschland sterben pro jahr weniger als 700 menschen an aids. damit gehört aids in deutschland zu den unbedeutendsten todesursachen! nochmals im vergleich: an krebs versterben pro jahr in deutschland über 200 000 menschen!
Zitat:"Diese Vorteile haben die HIV-Infektion von einer tödlichen Bedrohung, wie sie sich für Patienten vor Einführung der Kombinationstherapien darstellte, zu einer langfristigen chronischen Erkrankung gewandelt"
...und zu einer Lizenz zum Geld drucken für die Pharmaindustrie. Im übrigen entspricht eine durchschnittliche Lebenserwartung von ca 69 Jahren für eine Frau etwa dem Standard von Ländern der weniger entwickelten Welt. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen in Deutschland liegt bei 79 Jahren.
@paulpaule
Die Studie findet über den gesamten Beobachtungszeitraum, dass ein 20-jähriger Infizierter im Schnitt 63 Jahre alt wird (die neuesten Zahlen aus 2003-05 sind in der Tat leicht besser). Das ist natürlich zunächst einmal sehr positiv und ermutigend. Diese Lebenserwartung ist dennoch nur 2/3 derjenigen eines gesunden Menschen in den Industrieländern. Aktive Drogenbenützer oder Patienten, bei denen AIDS vor Therapiebeginn bereits ausgebrochen ist, dürfen davon noch einmal 10 Jahre Lebenserwartung abziehen.
Dass man "heutzutage nicht an, sondern mit HIV stirbt", lässt sich an dieser Studie absolut nicht festmachen, obwohl die Zahl der AIDS-Opfer stark zurückgegangen ist. Zur Todesursache heisst es dort, dass ca. 50% der Infizierten an AIDS sterben, der Rest an anderen Krankheiten wie z.B. Krebs, Infektionen oder Drogenmissbrauch, wobei jedoch ein Kommentar in derselben Ausgabe festhält, dass es nach wie vor unzureichend erforscht sei, wie sehr eine HIV-Infektion diese anderen Todesursachen (auch psychosomatisch) begünstige, z.B. die erschreckend hohe Selbstmord- und Unfallrate unter HIV-Infizierten.
Es heisst also nicht, dass eine Infektion sorglos in Kauf genommen werden sollte, wie das Interview mit Frau B. vielleicht nahelegen würde. Schon seit einigen Jahren wird ja leider vermehrt ein lockerer Umgang mit dem Infektionsrisiko beobachtet; hier erweist Jauchs Quotenjagd der HIV-Prävention einen Bärendienst. Weiter ist der epidemiologische Aspekt zu betrachten: solange die Zahl der Infizierten sehr klein bleibt, sind die Kosten für unsere Gesundheitssysteme noch tragbar. Wo aber sorgloses Verhalten (wie in Afrika) zu extremen Infektionsraten von über 20% der Bevölkerung führt, führt das in eine gesundheitspolitische und gesellschaftliche Katastrophe.
Das ist mir auch bewusst, nur wollte ich auf das niedrige Niveau dieses Journalentums hinweisen. Aber, wenn ich mich so umsehe, scheint dies ja Medienlandschaft allgemein niedrig zu sein, also nicht nur bei Jauch.
Auch wenn Jauch ein gelernter Journalist ist, empfinde ich ihn nicht als solchen, sondern als langweiligen und religiösen immer dem Geld hinterher springenden Moderator.
Mein voriger Kommentar war vielleicht etwas missverständlich.
die autoren der studie halten übrigens als fazit fest:
"Diese Vorteile haben die HIV-Infektion von einer tödlichen Bedrohung, wie sie sich für Patienten vor Einführung der Kombinationstherapien darstellte, zu einer langfristigen chronischen Erkrankung gewandelt"
Paging