Von Franziska Seng

Er wand sich wie ein Oktopus: Der matte RTL-Quizmaster Günther Jauch in der neuen Rolle des Rate-Kandidaten. Da konnte nur Oliver Pocher helfen.

Schüler, die - zu Recht oder zu Unrecht - unterschätzt werden, haben fortgeschrittene Fantasien. Sie wollen dem Lehrer, diesem verbeamteten Ignoranten, der partout ihr Genie nicht anerkennt, eins auswischen, und zwar knallhart auf intellektueller Ebene.

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Prinzip Umkehr: Günther Jauch - in die Mangel genommen. (© Foto: dpa)

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Den nach knalligen Slapstick-Pointen strebenden Grundschüler mögen noch Furzkissen, Stinkbombe und nasser Lehrerstuhl befriedigen - die Vorstellung dagegen, den Lehrer selbst nach vorne zu zitieren und ihn an gewitzten Fragen zum aktuellen Kanon scheitern zu sehen, das gehört zu den dumpfen Freuden des heranwachsenden Sturm-und-Drängers in der Lehranstalt.

Mal den Spieß umdrehen: Nach diesem einfachen Prinzip funktioniert das RTL-Format "Fünf gegen Jauch". Fünf Kandidaten nehmen frontal zum Fernsehmoderator Platz und stellen ihm, sekundiert vom unvermeidlichen Oliver Pocher, ihre Fragen. Kann Jauch diese nicht beantworten, haben die Fünf die Chance auf den Gewinn von 250.000 Euro.

Ähnlich wie bei "Schlag den Raab" auf Pro Sieben läuft hier der Star in der Manege auf, mit der Gefahr, sich vom eigenen Publikum zerfleischen zu lassen. Tatsächlich erweisen sich die Herausforderer des ewigen Glücksonkels Jauch, der mit seinem Quiz "Wer wird Millionär?" seit zehn Jahren die Landschaft bereichert, als äußerst aufgekratzt.

Zwar müssten die Kandidaten die Pubertät größtenteils überwunden haben, trotzdem geht es ihnen, das merkt man gleich, um mehr als Geld. Sie wollen dem Oberlehrer der Nation einfach mal persönlich an den Kragen. Zu sehen, wie der zurückgezogen in Potsdam im Haus am See lebende Quizgott ins Schwitzen kommt, wie ihm der gutbürgerliche Stuck von der Fassade bröckelt, das würde sie reizen. Vermutlich sind sie damit nach einer Dekade RTL-Millionärs-Casting nicht die Einzigen.

Der Managementberater Klaus zum Beispiel sinnt auf Rache, weil er einst, als Kandidat von "Wer wird Millionär?", vom großen Günther Jauch mit nur 16.000 Euro wieder nach Hause geschickt wurde. Das Geld ist natürlich längst weg.

Oder da ist die fernsehaffine Abiturientin Sina: Sie will in Zukunft irgendwas mit Medien machen und am liebsten Jauch rechtzeitig von seinem Thron stoßen. "Lange macht er's nicht mehr", so die Prognose der 19-Jährigen, Daraufhin stellt ihr Oliver Pocher ein Praktikum bei seinem neuen Brötchengeber Sat 1 in Aussicht.

Die Sendung, die trotz Umkehrung des Verhältnisses zwischen Moderator und Gast weitgehend harmlos verläuft, da die Anmaßungen der emporgekommenen Fernsehzuschauer am erfahrenen Journalisten Jauch abprallen, wird dann interessant, wenn sie zur Lehrstunde über die Antiquiertheit der klassischen Quizshow überhaupt gerät. Nämlich dann, wenn diskutiert wird, wann man am besten den wertvollen Internet-Joker einsetze.

Mehrmals wird die W-Frage geflüstert, die nichts mit klassischen W-Fragen wie "Was?","Warum", "Wann?" oder "Wo?" zu tun hat, sondern mit "Wenn ich bei Wikipedia..." beginnt. "Ach, das wäre schön, wenn man noch einen Internet-Joker hätte", ist da zu hören.

Der Algorithmus ist eine Prothese, ohne die sich der informationsdurstige Internetnutzer beschnitten und um ein Recht beraubt fühlt wie der Schurkenstaat, dem das Uran geklaut wird. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich niemand mehr unverkabelt, von einem mit Lösungsschlüsseln ausgestatteten Quizmaster an der Nase herumführen lassen möchte.

Wie kann man das Abfragefernsehen bis zu diesem Zeitpunkt noch publikumswirksam gestalten? Jauch windet sich im knallroten Studio mit seinem bordeaux-farbenen Hemd und seinen hängenden Schultern wie ein melancholischer, deplazierter Oktopus. Er arbeitet zwar pflichtbewusst am neuen Konzept mit, legt allerdings, anders als etwa Stefan Raab, weder Eifer noch Spielwitz an den Tag - und das lässt die veranschlagte Sendezeit ziemlich lang werden.

Selbständige Problemlösungsstrategien fallen Jauch sichtbar schwer. Logische Bemühungen befördern Erkenntnisse wie "ein Dreieck hat drei Ecken" zu Tage und die zum Teil anspruchsvollen Fragen der Zuschauer löst er oft mithilfe von Jokern.

Nur im entscheidenden Moment, bei der letzten Frage der ersten Runde, als nach "Kreutzner", dem eigentlichen Namen von Robinson Crusoe gefragt ist, erweist er sich als kombinationsstark. Der RTL-Mann tippt richtig und schickt Wiederholungstäter Klaus mit einem Trostgewinn von 20.000 Euro nach Hause. Das sind immerhin 4000 Euro mehr als beim letzten Mal.

Die Rettung des Abends übernimmt Oliver Pocher, der nicht als kumpelhafter Referendar in Vertretung des verschnupften Oberlehrers auftritt, sondern als der mit Furzkissen, Knallfröschen und Stinkbomben gerüstete Klassenclown, der die Anstalt vom ersten Schultag an terrorisiert.

Wer die Aufnahmen seiner ersten TV-Auftritte bei Bärbel Schäfer oder Hans Meiser anschaut, wird merken, dass Pocher die zunächst harmlos wirkenden Waffen nicht unbedingt verfeinert hat, dafür aber Schlagzahl und auch Trefferquote der Pointen erheblich steigern konnte. Schon zu Anfang der Frag-den-Jauch-Show zünden seine Witze über Vaterschaft, Boris Becker und Kindernamen.

Ohne den mächtigen Übervater Harald Schmidt, an dessen Seite er in der ARD arbeitete, spielt Pocher befreit auf. So fordert er einen tanzerfahrenen Kandidaten zum Tango auf, klammert sich an ihn, wirbelt den Kopf durch die Luft, schert seitlich aus, stolpert über alle Füße und zieht das Resümee: "Ich bin immer besser rein gekommen!"

Das kann man durchaus als Kurzfassung seiner bisherigen Laufbahn aufnehmen. Der Höhepunkt der Sendung ist erreicht, als Pocher in der unverständlichen Diktion eines legasthenischen Leseanfängers aus Harry Potter vorliest.

Der Entertainer weiß instinktiv, was eine infantilisierte Wissensgesellschaft verdient - und gibt es ihr in jenem wahnwitzigen Übermaß, das sie braucht. Hätten Sie das gewusst, Herr Jauch?

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(sueddeutsche.de/jja/gal)