"Ich werde geächtet", sagt Kampusch - und liefert gleich noch eine Erklärung mit: "Ich habe das Wort 'Gewaltopfer' auf der Stirn. Wertfrei werden mir nur jüngere Menschen begegnen können, die das alles nicht miterlebt haben." Und später, wenn TV-Autor Peter Reichard den unfassbaren Fall noch einmal 45 Minuten hat Revue passieren lassen, nachdem der Zuschauer daran erinnert wurde, dass die Polizei genügend Hinweise auf das Versteck hatte, dass das Mädchen womöglich hätte gerettet werden können, ganz zum Schluss wird Natascha Kampusch noch etwas Schlaues sagen:
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"Ich habe gesagt, dass ich kein Opfer bin, weil ich wusste: Wenn ich das allen sage, würden sie mich nachher nie mehr als normalen Menschen akzeptieren. So sind die Menschen. Ich wünschte, dass sie einen natürlicheren Umgang mit mir haben. Ich habe auch eine Chance verdient. Die Menschen sollten sich freuen, dass ich das alles halbwegs überstanden habe."
Das Mädchen durfte nicht weinen
Es ist die Stärke des Films, dass er Natascha Kampusch selber sprechen lässt. Da wird nichts aufgebauscht. Die Perversionen, denen sie täglich ausgeliefert war, die kranke Psyche ihres Entführers, entwickeln umso mehr Wucht, als Kampusch sie wie beiläufig schildert - sie gehörten nun mal jahrelang zu ihrem Tagesablauf.
Wolfgang Prikopil wollte nicht, dass das Mädchen weint. Deshalb hat er ihr die Tränen in die Gesichtshaut eingerieben. "Er wollte nicht, dass die Salzsäure seine Kacheln angreift", schildert Kampusch. Wenn sie irgendwo Fingerabdrücke hinterließ, wischte er sie mit ihrem Handrücken ab - weniger, um Spuren zu verwischen als aus einem krankhaften Putz- und Ordnungszwang heraus. Doch dann kauft er ihr Bücher, Lexika, Philosophisches. Als sie älter wird, darf sie manchmal nachts für zehn Minuten in den Garten. Die Hecke streicheln, das Gras spüren, frische Luft atmen.
Als er sie später sogar mit zum Baumarkt nimmt, nicht ohne ihr einzuschärfen, er werde alle umbringen, sollte sie jemanden auf sich aufmerksam machen, geraten sie in eine Polizeikontrolle. Natascha versucht, den Beamten mit Blicken auf sich aufmerksam zu machen. "Aber der schien nicht so intelligent zu sein und dachte wahrscheinlich, ich hätte einen epileptischen Anfall. Er hat den Wagen durchgewunken."
"Der Kampfgeist hat mich am Leben gehalten"
Leise erzählt dieser Film von großer Bösartigkeit, zurückgenommen lässt er die Bilder sprechen, aus seiner Protagonistin macht er keine Heldin. Dennoch kommt man nicht umhin, die junge Frau zu bewundern für ihre Stärke: "Wenn man da so im Finstern eingesperrt ist", erzählt sie, "jeglicher Strom ist abgestellt und man hungert - dann fragt man sich schon: Was hat das noch für einen Sinn? Aber gerade deshalb, weil das so eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist, gerade deshalb darf man sich nicht unterkriegen lassen. Damit würde man sich ja geschlagen geben. Es ist der Kampfgeist, der mich am Leben erhalten hat."
Und nicht nur der: "Dass der Täter so wurde, (...) dass er jemanden kontrollieren und demütigen und quälen musste, (...) das muss aufgrund einer Kränkung, einer Verletzung dazu gekommen sein (...), wahrscheinlich hat man ihn als Kind so behandelt. Das hat in mir eine Art Mitleid erweckt mit dem Täter. Das Geheimnis, warum ich das die ganzen Jahre so durchstehen konnte, ist, dass ich ihm das in der ersten Sekunde schon alles verziehen habe. Wenn ich das nicht gekonnt hätte, wäre ich so voller Hass gewesen, dass ich wahrscheinlich auch psychisch zugrunde gegangen wäre."
Es ist ein kleiner Film über ein großes Mädchen, der wütend macht, aber zugleich Hoffnung weckt. Die Hoffnung, dass auch andere Opfer das so sehen können. Denn das Böse, das wird bleiben. Nur die Frage, wie man damit umgeht, die scheinen bisher wenige so gut gelöst zu haben wie Natascha Kampusch.
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(sueddeutsche.de/rus/kat)
Staatsbesuch in Israel
Meine Meinung: Es wird noch "etwas" Zeit vergehen, bis
dieser Fall ernsthaft und vor allem ohne Emotionen
aufgearbeitet sein wird.
Natasch Kampusch: clever.
Zuschauer/innen : erschreckend naiv.
@Goast Man
Was zum Nachdenken: Meinen Sie, dass die Mutter noch dieselbe Persönlichkeit ist, die sie war, bevor das Kind entführt wurde? Niemandem kann man wünschen, das durchzumachen, was sie erlebt hat. Sie ist, ebenso wie Natscha, auf ihre Art auch durch die Hölle gegangen.
Dass sie dann nach so vielen Jahren, in denen sie davon ausgehen musste, dass ihr Kind tot ist, vielleicht ein wenig anders reagiert, als mancher - so wie Sie z.B. - es gern hätte, ist doch wohl mehr als verständlich.
@Ghost Man
Wo "glorifiziere" ich die Mutter? Ich habe nur etwas dagegen, wenn man sie, so wie Sie es tun, wegen bestimmter angeblicher Verhaltensweisen in die Rolle der Unreifen und Unfähigen stellt. Warum muss der Mensch, so wie sie es tun, sich eigentlich ständig Sündenböcke suchen? Braucht man so etwas, um sich selbst groß zu machen?
Und ich "rate davon ab", einer Mutter, einem Vater und sonstigen Bezugspersonen, die das Leben eines Kindes immerhin während der ersten zehn Jahre geprägt haben, zu unterstellen, sie hätten keine entsprechende Kompetenz gezeigt. Das, was Sie behaupten - und damit meine ich auch die angeblich "angeborenen Intelligenzen", die offensichtlich einfach so da sind und keiner Begleitung durch entsprechende Vorbilder bedürfen - entbehrt jeglicher fachlicher Grundlage. Wer da keine Ahnung hat, sollte sich vielleicht mit entsprechenden Interpretationen ein bisschen zurückhalten.
Was Sie nicht nachvollziehen können, soll also dann unglaubwürdig sein?
Es gibt für das von Ihnen genannte Beispiel einige Möglichkeiten, warum sie sich dort nicht befreien konnte...z.B. schon mal was von einer Kindersicherung im Auto gehört?
Oder einfach nur Angst, dass der Täter die Drohung "er werde alle umbringen, sollte sie jemanden auf sich aufmerksam machen" auch in die Tat umsetzt ?
Das sind mal zwei Denkanstöße für Sie...
"...vor dem Polizisten aus dem Auto aussteigt.Fuer mich leider nicht nachvollziehbar."
Verzeihen Sie mir, wenn ich ihnen das einfach so drastisch sage, aber das zeugt nur von einer geringeren emotionalen Intelligenz. Dass Sie das nicht nachvollziehen können, heißt nicht, dass es nicht so war.
Sie hat auf sich aufmerksam gemacht. Jedoch auf ihre Weise. Dass der Polizist ihre Versuche nicht erkannte, bestärkte Sie vermutlich darin zu denken, dass Sie vollkommen auf sich alleine gestellt ist.
Paging