TV-Kritik: Merkel auf RTL Die Rouladenkönigin der Nation

Heimspiel für Angela Merkel: Im "Townhall Meeting" auf RTL gab sich die Kanzlerin durch und durch bürgerlich - eine politische Mutter Beimer.

Von Hans-Jürgen Jakobs

Das Leben als Bundeskanzlerin kann so schön sein, selbst im Fernsehen. Lauter nette Fragen, sympathische Menschen und ganz viel Zeit für politische Luftblasen - Angela Merkel war am Sonntagabend zu Gast bei RTL.

Das ist der Sender, der es in Kürze in einer Spielshow Eltern ermöglichen wird, ihre Babys an Ersatzeltern zu verleihen, die sich dann am Nachwuchs versuchen sollen. RTL ist auch der Sender, dessen höchster Bestimmungsgrund nach 25 Jahren ist, Cashcow für Bertelsmann zu sein. Allzu viel Politik stört dabei, deshalb gibt man einer politischen Sendung gerne einen wohltönenden Namen wie townhall meeting.

In den USA sind solche Konzepte ein Erfolg. Hierzulande könnte man auch "Bürgerfragestunde" sagen, wie Moderator Peter Kloeppel die 75 Merkel-Minuten in Deutschlands größtem Privatkanal einmal nannte. Das klingt aber nicht sexy. Die Kanzlerin und CDU-Chefin hat die Möglichkeit schnell erkannt, sich in diesem Umfeld als ehrliche, ganz und gar menschliche Ratgeberin und Anwältin des Volkes zu inszenieren, eine Mutter Beimer der Politik.

An diesem Abend konnte sie einfach keinen Fehler machen - es gelang ihr sogar, mit zugeknöpfter Blazerjacke in Altrosa den Gesetzen der Kameras zu trotzen. Höhepunkt dieser politischen "Lindenstraße" à la RTL waren die letzten Minuten, die ganz der wirklichen, privaten Angela Merkel gewidmet waren.

Selbstgekaufte Spreegurken

Da konnte die Frau, die aus der Uckermark stammt, ungebremst von ihren Erfahrungen beim Einkaufen im Supermarkt ("Früher sagte man 'Kaufhalle'") bramarbasieren und ihre Kochkünste loben. Kartoffelsuppe und Fisch gelängen gut, und ihre Gäste würden ihre Rouladen mit Rotkohl loben, verriet sie.

Angela Merkel als Rouladenkönigin von Berlin-Mitte, die sich ihre Spreegurken und ihre Rindfleischscheiben selbst im Geschäft kauft - da tobte das Publikum im Hauptstadtstudio von RTL. Der Spiegel, der über seine TV-Tochter diese Kanzlerin-Kloeppel-Kochshow mit veranstaltet hat, wird die wichtigsten Aussagen des Abends vermutlich dokumentieren müssen.

Klares Fazit: Es waren Minuten puren Betroffenheitsjournalismus. Eine Simulation von Politik, ein Gipfel der Harmlosigkeit.

Bürger für Bürger stellte Fragen, nachgefragt wurde nicht, es gab keine insistierenden Moderatoren (Maria Gresz assistierte Kloeppel) und als Konzept taugte das Prinzip Sammelsurium, wobei zeitgemäß die Wirtschaftskrise Hauptthema wurde.

In die Hose ging nix

Da der Autohersteller Opel groß ist, sitzt in jeder deutschen Talkshow ein anderer Opelaner und sorgt sich verständlicherweise um die Zukunft. "Gar nix ist in die Hose gegangen", beruhigte Mutter Beimer, man müsse die Nerven halt ein bisschen ausspannen - und sich im Übrigen die Konzepte von Fiat und Magna näher ansehen. Das sagt ihr Wirtschaftsminister seit Wochen, nur nicht so warmherzig.

In diesem Stil ging es weiter. Wer Sorgen hat, bekam in der Merkel-Sprechstunde auf RTL eine ausreichende Dosis Nervenberuhigung. Die Kanzlerin hatte für alle Verständnis und ein gutes Wort übrig. Merkels liebstes Sprachbild an diesem Abend war "Brücken bauen" - sie baute, unter gnädigem Kopfnicken Kloeppels, so reichlich, dass man vor lauter Brücken den Fluss nicht mehr sah.

Dem 21-jährigen Dennis, der seinen Zeitarbeitsjob für acht Euro verloren hat, bescheinigte die oberste Brückenbauerin des Landes, das sei "nicht in Ordnung" - um dann dem Mann eine Lehre zu empfehlen, am besten im Pflegebereich. Dass Dennis etwas mit Gartenarbeit machen wollte, passte der Physikern nicht so recht ins Konzept. Jedenfalls hat sich Merkel für den Job als Ortsleiterin einer Arbeitsagentur mit diesem RTL-Auftritt nachhaltig empfohlen.

Als eine 64-Jährige ihr Leid klagte, weil sie ihre Ersparnisse nach der Beratung durch eine Sparkasse beim Pleiteinstitut Lehman Brothers verloren hatte, riet die Kanzlerin zur Klage, weil sie sonst ihr Geld nicht wiedersehe. "Rechtsberatung mit der Kanzlerin, jawoll", juxte Kloeppel von RTL. Vergessen war der Widerspruch, dass diese Bundesregierung das Bankensystem mit Hunderten Milliarden Euro stützt, aber keine Millionen für die Opfer der Banken gibt.

Wer immer im townhall meeting Probleme hatte - Merkel wusste, es sei nicht einfach. Und betete dann vor, was ihre Regierung für die Kindererziehung, den Mittelstand und die Autobranche leistet, die ja mit einer Abwrackprämie bedient wird: "Wir kriegen einen besseren Fuhrpark!"

Sie ist kein normales Beispiel

Einfühlsam blieb die Kanzlerin auch, als es um Ärzte, Waffenrecht, Universitäten, Ausbildung und Integration ging. Sie sorgte sich mit und sagte Sätze wie: "Ich bin kein normales Beispiel." Weil es so schön war, ließ sich Merkel auch von der üppigen Werbepause nicht aus ihrem Konzept bringen, bei RTL die Brücken bauende Mutter der Nation zu geben. Nur zum Wissenschaftsfreiheitsgesetz merkte sie leicht kiebig an, die SPD sei hier zurückhaltend. Das war aber schon das Äußerste an plumpem Wahlkampf gegen den Koalitionspartner.

Angela Merkel macht das geschickter: "Auf die Kanzlerin kommt es an" ist ihre simple Taktik - auf jemand, der zuhört, versteht, sich kümmert und wunderbar Rouladen kochen kann. Das hat man kapiert nach diesem Bürgertalk auf RTL, den CDU-TV leichten Herzens als Download anbieten könnte.

Zum Schluss standen Kloeppel, Gresz und die Heldin des Abends auf der Bühne des kleinen Fernsehstudios, der Abspann lief, und man vernahm noch einmal Kloeppel, den "Anchorman" des Senders. "Alles klar, super, das war's", sprach er zur Kanzlerin.

Da hat sie noch einmal gelächelt, die nette Frau Merkel von nebenan. Wer wollte den Experten von RTL da widersprechen!